1939
Der große Schlaf
Überblick↑
Mit diesem Kriminalroman trat 1939 eine Figur ins Licht, die das Genre prägen sollte: der Privatdetektiv Philip Marlowe. Raymond Chandlers Der große Schlaf erschien unter dem Originaltitel The Big Sleep und kam im deutschsprachigen Raum zunächst auch als Der tiefe Schlaf heraus. Der Roman spielt in Los Angeles und gilt heute als Klassiker der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Zweimal wurde er verfilmt: 1946 spielte Humphrey Bogart den Marlowe in Tote schlafen fest, 1978 übernahm Robert Mitchum die Rolle in Tote schlafen besser.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein alter, kranker und wohlhabender Mann namens General Sternwood ruft den Privatdetektiv Philip Marlowe zu sich. Seine jüngere Tochter Carmen wird erpresst, und zwar nicht zum ersten Mal. Ein Buchhändler namens Arthur Geiger fordert Geld. Marlowe soll der Sache nachgehen.
Im Gespräch fällt beiläufig ein zweiter Name: Rusty Regan, der Mann von Sternwoods älterer Tochter Vivian. Regan ist verschwunden. Die Ehe war schon nach einem Monat unglücklich, doch der General vermisst den Schwiegersohn, der ihm oft Gesellschaft geleistet hat. Nach dem Wortlaut seines Auftrags soll Marlowe nur die Erpressung klären. Dennoch will fortan jeder von ihm wissen, ob er in Wahrheit nach Regan sucht: Vivian, die Polizei, und schließlich auch der Spielcasino-Besitzer Eddie Mars.
Marlowe beobachtet Geigers Buchladen und erkennt schnell, dass es sich um eine illegale Leihbücherei für pornographische Bücher handelt. Er folgt Geiger nach Hause, und in dieser Nacht beginnt eine Kette von Ereignissen, die ihn nicht mehr loslässt. Pistolenschüsse in einem dunklen Haus, eine verschwundene Leiche, ein toter Chauffeur im Wagen der Sternwoods im Hafen. Fast jede Figur führt ein Doppelspiel, und die Geheimnisse geben sich nur nach und nach preis. Am Ende steht die Frage, was mit Rusty Regan geschehen ist.
Die Handlung im Detail↑
Der Privatdetektiv Philip Marlowe wird ins Haus des alten, wohlhabenden und kränklichen General Sternwood gerufen. Der Buchhändler Arthur Geiger versucht, von Sternwoods jüngerer Tochter Carmen Geld zu erpressen. Zuvor hat das schon ein gewisser Joe Brody versucht. Nebenbei erwähnt Sternwood, dass seine ältere Tochter Vivian mit Rusty Regan verheiratet ist, der verschwunden ist. Beim Verlassen des Hauses begegnet Marlowe Vivian. Sie versucht vergeblich herauszubekommen, ob ihr Vater ihn mit der Suche nach Rusty beauftragt hat.
Marlowe beobachtet Geigers Buchladen und lernt dort die Angestellte Agnes kennen. Rasch wird ihm klar, dass der Laden eine illegale Leihbücherei für pornographische Werke ist. Er folgt Geiger nach Hause. Während er das Haus beobachtet, sieht er Carmen Sternwood dort eintreffen. Wenig später hört er einen Schrei und Pistolenschüsse, danach fahren zwei Wagen kurz nacheinander weg. Marlowe dringt in das Haus ein und findet Geiger erschossen. Carmen posiert nackt und offensichtlich unter Drogen vor einer Kamera, in der keine Fotoplatte mehr steckt.
Marlowe bringt Carmen nach Hause. Als er zu Geigers Haus zurückkehrt, ist die Leiche verschwunden. Er verlässt den Tatort schnell, weil er die Polizei erwartet. Am nächsten Tag wird er zur Polizei gerufen: Sternwoods Wagen wurde im Hafen gefunden, der Chauffeur der Familie sitzt tot hinter dem Steuer. Offenbar wurde er niedergeschlagen, bevor der Wagen ins Wasser fiel. Auch die Polizei fragt Marlowe, ob er nach Regan suchen soll.
Marlowe überwacht den Buchladen weiter und sieht, dass die pornographischen Bücher verpackt und zu Joe Brodys Haus gebracht werden. Kurz darauf sucht Vivian ihn im Büro auf: Es gibt einen neuen Erpressungsversuch, Carmen soll für die Nacktfotos der letzten Nacht zahlen. Vivian erzählt außerdem, dass sie regelmäßig in Eddie Mars' Spielcasino spielt, und erwähnt beiläufig, Eddies Frau Mona sei mit Rusty Regan durchgebrannt. Bei Geigers Haus trifft Marlowe auf Carmen, die einzudringen versucht. Gemeinsam suchen sie nach den Fotos. Carmen sagt, sie erinnere sich an nichts von der vergangenen Nacht. Plötzlich erscheint Eddie Mars, gibt sich als Geigers Vermieter aus und will wissen, was Marlowe hier tut.
Danach sucht Marlowe Brody auf und trifft dort auch Agnes an. Er macht beiden klar, dass er von der Übernahme der Leihbücherei weiß, und vermutet, dass sie Carmen mit den Nacktfotos erpressen. Da dringt Carmen gewaltsam ein und verlangt die Fotos. Marlowe entwindet ihr die Waffe und bringt sie dazu zu gehen. Aus Brodys weiteren Aussagen erschließt sich der Ablauf: Geiger erpresste Carmen. Der Chauffeur, der Carmen heimlich liebte, erschoss Geiger und nahm die Fotoplatte an sich. Brody, der Geigers Haus überwachte, verfolgte den Chauffeur, stahl die Platten, schlug ihn nieder und schob den Wagen vermutlich vom Hafenpier, wobei der Bewusstlose ertrank. Es klingelt an der Tür, Brody öffnet und wird erschossen. Marlowe verfolgt den Täter und stellt ihn: Es ist Geigers Liebhaber, der Brody für Geigers Mörder hielt. Er hatte auch die Leiche versteckt, um genug Zeit zu haben, seinen persönlichen Besitz aus dem Haus zu räumen.
Der Fall scheint gelöst, doch Regans Verschwinden lässt Marlowe keine Ruhe. Die Polizei glaubt, Regan sei mit Mona Mars durchgebrannt, die ebenfalls verschwunden ist, und hält Eddie Mars für zu klug, einen Mord zu begehen, bei dem er der offensichtliche Verdächtige wäre. Mars lädt Marlowe in sein Kasino ein und zeigt sich völlig unbeeindruckt. Auch Vivian ist dort, und Marlowe bemerkt eine engere Verbindung zwischen ihr und Mars. Er fährt sie nach Hause und weist ihre Annäherungsversuche zurück. Zu Hause findet er die nackte Carmen in seinem Bett vor. Auch ihr widersteht er.
Harry Jones, der neue Lebensgefährte von Agnes, bietet Marlowe gegen Geld an, ihm Mona Mars' Versteck zu verraten. Doch Mars' Handlanger Canino durchschaut den Plan und tötet Jones, bevor dieser mit Marlowe sprechen kann. Marlowe findet Agnes noch vor Canino und bekommt die Information: Mona Mars versteckt sich in einer Autowerkstatt in Realito. Dort fängt Canino ihn ab und schlägt ihn nieder. Marlowe erwacht gefesselt, Mona Mars sitzt bei ihm. Sie beteuert, Regan seit Monaten nicht gesehen zu haben, sie habe sich nur versteckt, um ihrem Mann zu helfen, und ihr Mann habe Regan nicht umgebracht. Sie löst Marlowes Fesseln, und er tötet Canino.
Am nächsten Tag besucht Marlowe ein letztes Mal den schwerkranken General, der noch immer über Regans Verschwinden rätselt. Beim Hinausgehen trifft er Carmen und gibt ihr die kleine Pistole zurück, die er ihr in Brodys Wohnung abgenommen hat. Carmen bittet um Schießunterricht. Auf einem abgelegenen Ölfeld nahe dem Haus versucht sie, Marlowe zu erschießen. Es misslingt, denn er hatte die Pistole vorher mit Schreckschusspatronen geladen. Carmen erleidet einen Anfall, vermutlich epileptisch, und scheint sich danach an den Mordversuch nicht zu erinnern.
Marlowe bringt sie ins Haus zurück und erklärt Vivian, dass er nun weiß, warum Regan verschwunden ist. Carmen hatte versucht, Rusty zu verführen, und wie Marlowe hatte auch er sie abgewiesen. Daraufhin erschoss Carmen ihn. Eddie Mars half Vivian, den Mord der Schwester zu vertuschen, indem er die Geschichte verbreitete, seine Frau sei mit Regan durchgebrannt. Danach begann Mars, Vivian zu erpressen, und auch hinter Geigers Erpressungsversuch steckte er: An der Reaktion des Generals wollte er ablesen, ob dieser von Regans Schicksal weiß und sich ebenfalls erpressen ließe. Vivian gesteht, dass Marlowe recht hat. Sie rechtfertigt sich damit, ihren sterbenskranken Vater schonen zu wollen, und bietet Geld für sein Schweigen. Marlowe lehnt ab. Stattdessen stellt er ihr ein Ultimatum: Sie soll ihre Schwester binnen drei Tagen fortbringen und ihr professionelle Hilfe suchen.
Stil↑
Auffällig an diesem Roman ist der Bau der Handlung. Sie ist bewusst komplex angelegt: Zahlreiche Figuren spielen ein Doppelspiel, und wie sie zueinander stehen und was sie verbergen, zeigt sich erst nach und nach. Wer zu Beginn Opfer scheint, ist am Ende Täter, wer Auftraggeber scheint, verfolgt eigene Zwecke.
Erzählt wird aus der Perspektive des Detektivs. Der Leser weiß immer nur so viel wie Marlowe selbst und tastet sich mit ihm durch die Fälle, die sich als ein einziger Fall entpuppen. Der Schauplatz Los Angeles ist dabei mehr als Kulisse: Villen, Ölfelder, Buchläden, Hafenpiers und Spielkasinos bilden die Welt, in der sich Geld, Gewalt und Erpressung berühren. Der Roman zählt zur Noirfiktion, jener dunklen, desillusionierten Spielart des Kriminalromans.
Rezeption↑
Als Klassiker der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts wird der Roman heute allgemein anerkannt. Die französische Zeitung Le Monde nahm ihn 1999 in ihre Liste der 100 prägenden Romane des 20. Jahrhunderts auf. Das US-amerikanische Magazin Time zählte ihn zu den besten englischsprachigen Romanen, die zwischen 1923, dem Gründungsjahr der Zeitschrift, und 2005 erschienen sind.
Auch das Kino griff den Stoff zweimal auf. Howard Hawks verfilmte ihn 1946 unter dem Titel Tote schlafen fest mit Humphrey Bogart als Philip Marlowe. Michael Winner drehte 1978 Tote schlafen besser mit Robert Mitchum in derselben Rolle.
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