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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Der große Meaulnes
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Cover Der große Meaulnes
Der große Meaulnes
1913
– Werkseintrag –

Der große Meaulnes

1913 · Roman

Ein junger Mann stößt bei einem verirrten Ausflug auf ein geheimnisvolles Fest und eine Liebe, die er sein Leben lang wiederzufinden versucht.

Überblick↑

Der Roman Der große Meaulnes, im französischen Original Le Grand Meaulnes, ist das einzige vollendete Buch des Schriftstellers Alain-Fournier. Im Deutschen trägt er auch den Titel Der große Kamerad. Er erschien 1913 zunächst in fünf Fortsetzungen in der Zeitschrift La Nouvelle Revue Française und kam im Herbst desselben Jahres als Buch heraus. Der Erfolg war sofort beachtlich: Das Werk kam in die engste Wahl für den Prix Goncourt. Im Mittelpunkt steht die kurz erfüllte, letztlich aber scheiternde Liebe des jugendlichen Abenteurers Augustin Meaulnes zu der schönen und zerbrechlichen Yvonne de Galais.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

In den 1890er Jahren gerät der ruhige Schulalltag des Provinzstädtchens Sainte-Agathe in Bewegung, als der siebzehnjährige Augustin Meaulnes als zahlender Gastschüler in den Lehrerhaushalt der Familie Seurel kommt. Mit seinem Selbstvertrauen und seiner Unternehmungslust wird er rasch zur Leitfigur unter den Schülern und zieht besonders den behüteten François Seurel in seinen Bann, aus dessen Rückblick die Geschichte erzählt wird.

Eines Wintertages besorgt sich Meaulnes eigenmächtig Pferd und Wagen, verirrt sich unterwegs und gelangt orientierungslos zu einem abgelegenen Schlösschen, in dem gerade ein Fest gefeiert wird. Dort begegnet er der jungen Yvonne de Galais, und beide verlieben sich schicksalhaft ineinander. Doch als Meaulnes zurückkehrt, kann er den Ort dieses geheimnisvollen Festes auf keiner Karte wiederfinden.

Von da an bestimmt die Suche nach dem „verlorenen Land“ und nach Yvonne das Leben des Augustin Meaulnes. Der Roman folgt seinen Reisen, Umwegen und immer neuen Aufbrüchen, in die auch der treue François verstrickt wird. Die Erzählung lebt von verpassten Begegnungen, uneingelösten Versprechen und dem Gefühl einer Bestimmung, der die Figuren nachjagen, ohne sie fassen zu können.

Die Handlung im Detail↑

Im ereignislosen Schulalltag von Sainte-Agathe ändert sich alles, als an einem Novembertag der siebzehnjährige Augustin Meaulnes, Sohn einer wohlhabenden Witwe, in den Lehrerhaushalt der Seurels kommt. Als in den Weihnachtstagen die Großeltern von François erwartet werden, besorgt sich Meaulnes ohne Auftrag Pferd und Wagen, um sie von einem entfernten Bahnhof abzuholen. Während der Fahrt schläft er ein, verirrt sich, verliert Pferd und Wagen und gelangt zu Fuß zu einem Schlösschen, in dem die Verlobung von Frantz de Galais, dem Sohn des Besitzers, gefeiert werden soll. Die Gäste sind meist Kinder und junge Leute, die in phantastischer Kostümierung tanzen, musizieren und feiern. Bei einer Bootsfahrt begegnet Meaulnes der Schwester des Bräutigams, Yvonne de Galais, und beide verlieben sich ineinander, ohne ihre förmliche Distanz zu durchbrechen. Am Abend beendet Frantz das Fest mit der Nachricht, seine Braut, die Tochter eines Webers, habe ihn aus Mangel an Vertrauen verlassen.

In den folgenden Wochen versucht Meaulnes vergeblich, seine Reise auf einer Landkarte nachzuvollziehen. Ende Februar kommt Frantz de Galais nach Sainte-Agathe und besucht einige Tage den Unterricht. Weil er einen Kopfverband trägt, erkennt Meaulnes ihn nicht; Frantz gibt sich zunächst nicht zu erkennen, lässt Meaulnes und François aber ewige Freundschaft und Hilfe in der Not schwören. Erst im letzten Augenblick gibt er sich zu erkennen und verschwindet. Meaulnes sucht weiter vergeblich nach dem Ort des Festes, seinem „verlorenen Land“, und verlässt schließlich die Schule. Er geht nach Paris, weil Frantz ihm dort eine Adresse genannt hat, wo die angeblich inzwischen verheiratete Yvonne leben soll. In drei kurzen Briefen an François berichtet er, dass er bis zum November täglich vergeblich vor dem Haus wartet. Dabei begegnet er der jungen Näherin Valentine Blondeau, ohne zu wissen, dass sie Frantz’ verschwundene Braut ist, die selbst noch hofft, Frantz wiederzusehen.

Im Sommer des folgenden Jahres erfährt François zufällig Namen und Lage des verlorenen Gutes Les Sablonnières. Er lernt Yvonne de Galais kennen, deren Familie inzwischen völlig verarmt ist, und eilt sofort zu Meaulnes, der seine Suche resigniert abgebrochen hat. Meaulnes reagiert zurückhaltend und macht geheimnisvolle Andeutungen über einen Fehler, den er wiedergutmachen müsse, folgt aber schließlich der Einladung. Noch am selben Abend bittet er Yvonne schluchzend um ihre Hand. Nach fünfmonatiger Verlobung heiraten die beiden und beziehen ein Haus in Les Sablonnières. Am Hochzeitsabend taucht Frantz auf und verlangt unter Berufung auf den geleisteten Schwur Meaulnes’ Hilfe bei der Suche nach seiner verschwundenen Braut Valentine. Am nächsten Morgen bricht Meaulnes auf, von einem heimlichen Schuldgefühl getrieben, und lässt Yvonne allein zurück.

François, inzwischen selbst Lehrer im Nachbardorf, besucht Yvonne regelmäßig und wird ihr treuer Gefährte in einem stillen Warten. Es entwickelt sich eine innige Freundschaft, die einer uneingestandenen Liebe gleichkommt. Im Oktober bringt Yvonne das Kind zur Welt, das sie in der Hochzeitsnacht empfangen hat. Sie stirbt kurz darauf an den Folgen der schweren Geburt, und wenig später stirbt auch ihr Vater. François wird Vormund der kleinen Tochter. Eines Tages findet er auf dem Dachboden Tagebuchaufzeichnungen von Meaulnes, die dessen Geheimnis enthüllen: Nach Monaten des vergeblichen Wartens auf Yvonne war Meaulnes in Paris eine Beziehung mit Valentine eingegangen und wollte sie heiraten. Als er auf einer gemeinsamen Sommerreise erfuhr, dass sie Frantz’ Braut war, verließ er sie. Weil sie ihm zu verstehen gab, dass ihr dann nur noch die Prostitution bliebe, machte er sich schwere Vorwürfe, sie ins Verderben gestürzt zu haben. Was ihn nach der Hochzeit fortgetrieben hatte, war also nicht allein der Schwur, sondern ebenso stark sein Schuldgefühl gegenüber Valentine.

Erst nachdem Meaulnes Valentine und Frantz wieder zusammengeführt hat, kehrt er zurück – mehr als anderthalb Jahre nach seiner Hochzeit und Abreise. Der Roman endet mit François’ Ahnung, dass der ihm fremd gewordene Freund ihm nun auch noch das Kind nehmen und mit ihm zu neuen Abenteuern aufbrechen wird.

Stil↑

Kennzeichnend für das Buch ist sein heterogenes Textgefüge. Der Roman wechselte während der Entstehung mehrfach die Konzeption, und auch die Endfassung fügt sehr verschiedene Formen zusammen. Den Rahmen bildet die weitgehend chronologische Ich-Erzählung des François Seurel, der überwiegend im Rückblick berichtet. In sie sind längere, formal stark abweichende Passagen eingefügt: die in der dritten Person erzählte erste Begegnung von Meaulnes mit Yvonne, die Briefe, die Meaulnes aus Paris an Seurel schreibt, und schließlich die Tagebuchaufzeichnungen, die seine Liaison mit Valentine enthüllen. Durch diesen Wechsel der Erzählformen entsteht ein Spiel von Nähe und Distanz, bei dem sich die Wahrheit erst nach und nach zusammensetzt.

Prägend ist außerdem die durchgehende Verbindung von Traum und Wirklichkeit. Das märchenhafte Verlobungsfest und das immer wieder gesuchte „verlorene Land“ geben der Handlung einen schwebenden, geheimnisvollen Ton. Zugleich ist der Roman von Reisen, Aufbrüchen und Abenteuern durchzogen, die sich in der Figur des Meaulnes bündeln und das Motiv der ewig unerfüllten Suche tragen.

Rezeption↑

Aufgenommen wurde das Werk zunächst zurückhaltend. Es erschien in einem Augenblick, da der ernüchternde Erste Weltkrieg die Traumunternehmungen des Dichters ad absurdum zu führen schien, und wurde deshalb anfangs als unzeitgemäß empfunden. Zu Beginn der zwanziger Jahre erkannte man dann seine Bedeutung für eine neue, Traum und Wirklichkeit verbindende Erzählweise in der französischen Literatur – eine Bedeutung, die man nur von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit übertroffen sah.

Der unmittelbare Erfolg zeigte sich schon bei der Erstveröffentlichung, als der Roman in die engste Wahl für den Prix Goncourt kam. Später verbreitete er sich auch im deutschen Sprachraum. Die autorisierte Übersetzung stammt von Arthur Seiffhart aus dem Jahr 1930. Unter dem Titel Der große Kamerad erschien der Roman im Dezember 1946 in der Reihe Rowohlt Rotations Romane. Sein Nachleben zeigt sich auch in mehreren Verfilmungen, unter anderem durch Jean-Gabriel Albicocco im Jahr 1967 und durch Jean-Daniel Verhaeghe im Jahr 2006.

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