1942
Die Familie von Pascual Duarte
Überblick↑
Der Roman Die Familie von Pascual Duarte von Camilo José Cela erschien 1942 und gilt als das Gründungswerk einer Strömung, die unter dem Namen tremendismo bekannt wurde. Diese knüpft an die spanische realistische Tradition an: an den Schelmenroman, den Naturalismus des 19. Jahrhunderts und den Sozialroman der dreißiger Jahre. Kennzeichnend ist eine schonungslose Darstellung von Armut, Rohheit und Gewalt, die das Abstoßende und Grausame sucht, um den Leser zu erschüttern. Darin steckt zugleich eine Form der Gesellschaftskritik. Der Roman zählt zu den bedeutenden Werken der spanischen Nachkriegsliteratur und steht auf der Liste der hundert besten spanischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts, die die Zeitung El Mundo zusammenstellte.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird das Leben von Pascual Duarte, einem einfachen Mann aus dem Dorf Torremejía im ländlichen Extremadura. Aus der Todeszelle heraus schreibt er seine Lebensbeichte nieder und verschickt das Manuskript. Der Roman beginnt mit dem Satz, dass er kein schlechter Mensch sei, obwohl es ihm an Gründen dazu nicht gefehlt hätte.
In schlichter, dem bäuerlichen Sprechen nachempfundener Sprache schildert Pascual seine Herkunft: ein prügelnder Vater, eine harte, lieblose Mutter, bittere Armut und ein Zuhause, in dem der Streit nie verstummt. Was er erzählt, sind weniger seine inneren Gefühle als eine nüchterne Folge von Ereignissen und Bildern, die den Leser zugleich verstören und bewegen. Zwischen den Schlägen und dem Elend gibt es kurze Augenblicke der Hoffnung, doch das Unglück scheint dem Leben dieser Familie eingeschrieben.
Der Aufbau ist kunstvoll gestaltet: Vor und nach Pascuals eigentlichen Erinnerungen stehen fingierte Schriftstücke – die Notiz eines angeblichen Herausgebers, ein Begleitbrief, eine testamentarische Verfügung. Sie umrahmen die Beichte und lassen den Leser rätseln, wie zuverlässig der Bericht ist. Wer sich auf das Buch einlässt, sollte den Ausgang selbst entdecken.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman ist aus mehreren Schriftstücken verschiedener Verfasser zusammengesetzt. Eine Notiz des Herausgebers berichtet, das Manuskript sei Mitte 1939 gefunden worden; der Herausgeber betont, er sei nur Verwahrer und veröffentliche den Bericht, weil Pascual ein abschreckendes Beispiel biete. Es folgen ein Begleitbrief Pascuals vom 15. Februar 1937, geschrieben aus der Zelle eines zum Tode Verurteilten und als öffentliche Beichte gedacht, sowie eine testamentarische Klausel eines Herrn Barrera vom 11. Mai 1937, wonach das Manuskript ungelesen verbrannt werden sollte, aber weiterverwendet werden dürfe, falls es der Vernichtung entging. Den Kern bilden Pascuals in neunzehn Kapitel gegliederte Erinnerungen. Er widmet sie dem Andenken an don Jesús González de la Riva, Grafen von Torremejía.
Pascual schildert eine Kindheit im Elend. Sein Vater Esteban, ein Schmuggler, der im Gefängnis saß, schlug ihn und seine Frau; die Mutter ist grausam, dem Alkohol verfallen und selbst gewalttätig. Die Schwester Rosario verlässt das Haus und lebt zeitweise als Prostituierte, kehrt aber immer wieder zurück; zu ihr hat Pascual ein gutes Verhältnis. Rosario betrügt die Familie um ihr Geld. Der Vater stirbt elend an den Folgen des Bisses eines tollwütigen Hundes, nach zwei Tagen in einem Verschlag eingesperrt – zur selben Zeit bringt die Mutter ein uneheliches, missgestaltetes Kind zur Welt: Mario, Sohn ihres Liebhabers Rafael. Marios kurzes Leben ist eine Kette von Unglücksfällen; am Ende ertrinkt er in einem Ölbottich.
Mit der Frau Lola kommt Wärme und Hoffnung in die Erzählung. Lola wird schwanger, es kommt zur Hochzeit und zu glücklichen Flitterwochen. Doch die Rückkehr ins Dorf wird verhängnisvoll: Pascual verletzt einen Mann in einem Messerstreit und erfährt dann, dass Lola das Kind verloren hat – die Fehlgeburt wurde durch die Stute ausgelöst, auf der er sie nach Hause reiten ließ. Ein zweiter Sohn stirbt nach elf Monaten. Diese Verluste lassen Pascuals unterdrückten, verbitterten Charakter hervorbrechen. Er tötet einen zweiten Mann und flieht weit fort. In der Stadt folgen Trinken, Spiel und neue Bekanntschaften – Episoden, die an die Tradition des Schelmenromans erinnern.
Nach seiner Rückkehr empfängt ihn Lola mit schlimmen Nachrichten: Sie ist erneut schwanger, doch der Vater ist ein anderer. Pascual drängt sie zu sagen, wer der Mann war. Es ist der Estirao, ein Zuhälter, den Pascual zutiefst hasst und der zuvor schon seine Schwester Rosario entehrt hatte. Lola stirbt. Kurz darauf fällt ein weiterer Toter: Pascual erschlägt den Estirao. Er kommt für drei Jahre ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung streift er umher und wirkt in Freiheit gefangener als hinter Gittern; er sieht das Absurde und Zufällige seines Daseins und sinnt darüber nach, wie wenig der Mensch sei.
Zurück im Dorf heiratet Pascual ein zweites Mal, eine Freundin seiner Schwester namens Esperanza. Doch für das Glück ist es zu spät. Das gehässige Verhalten seiner Mutter treibt den Hass in ihm auf die Spitze, bis es zur letzten Tat kommt: Er ermordet die Mutter, in der er alles verkörpert sieht, was er verabscheut. Erst nach diesem Mord, so heißt es, ist Pascual frei.
Weitere Herausgebernotizen deuten an, dass Pascual wohl erneut ins Gefängnis kam, um die Strafe für den Muttermord zu verbüßen, und vor Kriegsbeginn entlassen wurde. Über sein Tun während der Wirren im Dorf lasse sich nichts Gesichertes sagen; vermutlich ermordete er damals den Grafen von Torremejía, doch die Beweggründe bleiben offen. Zwei Briefe schildern Pascuals Tod auf gegensätzliche Weise: Der Gefängniskaplan von Badajoz beschreibt ihn als tapfer und christlich ergeben, wenngleich er am Ende die Fassung ein wenig verlor; ein Angehöriger der Guardia Civil dagegen berichtet, Pascual sei zunächst großspurig aufgetreten und habe sich am Ende feige und äußerst furchtsam gezeigt. Das genaue Datum seines Todes wird nirgends genannt.
Stil↑
Getragen wird der Roman von einem Ich-Erzähler: Pascual Duarte berichtet selbst aus seinem Leben. Bemerkenswert ist dabei eine für einen Ich-Erzähler ungewöhnliche Sachlichkeit. Statt sich in ausführliche Selbstbetrachtungen zu vertiefen, beschreibt Pascual vor allem Situationen und Ereignisse und rückt damit in die Nähe jener beobachtenden Erzähler des großen realistischen Romans. Die Sprache ist einfach und ahmt das bäuerliche Sprechen nach. Wo Pascual keine Worte für sein Empfinden findet, greift er zu Vergleichen mit der Natur und zu Wendungen aus dem reichen Schatz spanischer Sprichwörter.
Diese schlichte Sprache trägt zugleich poetische Züge. Die harten, drastischen Bilder von Gewalt und Verfall wirken abstoßend und ergreifend zugleich. Der Roman gilt als Ausgangspunkt des tremendismo, jener Richtung, die das Grelle, Grausame und Widerwärtige bewusst aufsucht, um zu erschüttern, und darin eine Form der Gesellschaftskritik verbirgt. Deutlich spürbar sind die Wurzeln in der spanischen Erzähltradition, vom Schelmenroman über den Naturalismus des 19. Jahrhunderts bis zum Existenzialismus der Nachkriegszeit. Als Vorbild wird die naturalistische Erzählung Cintas rojas des Schriftstellers José López Pinillos genannt.
Kunstvoll ist der Aufbau als Fund eines Manuskripts. Herausgebernotiz, Begleitbrief und testamentarische Klausel rahmen Pascuals Erinnerungen ein, zwei widersprüchliche Briefe berichten von seinem Tod. Diese Vielstimmigkeit lässt den Wahrheitsgehalt der Beichte in der Schwebe. Wie Balzac in Eugénie Grandet schreitet die Darstellung vom Allgemeinen zum Besonderen fort: Zunächst öffnet sich das Dorf in der Provinz Badajoz, dann das Innere eines ärmlichen Hauses und schließlich das enge Leben seiner Bewohner.
Rezeption↑
Bald nach seinem Erscheinen 1942 wurde der Roman zum Ausgangspunkt einer eigenen literarischen Strömung, die als tremendismo in die Geschichte einging und weitere Werke prägte. Als Musterfigur dieser Richtung gilt Pascual Duarte selbst: der Mensch, der am Rande der Gesellschaft, in Unbildung, Schmerz und Angst lebt und nur die Gewalt als Mittel kennt, seine Nöte zu lösen. So verbindet das Buch die drastische Schilderung des Elends mit dem Anspruch, gesellschaftliche Verhältnisse anzuklagen. Zu den Anerkennungen, die den Rang des Werks bezeugen, gehört seine Aufnahme in die Liste der hundert besten spanischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts, die die Zeitung El Mundo aufstellte.
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