1906
Die Forsyte-Saga
Überblick↑
Mit der Forsyte-Saga schuf John Galsworthy eine Roman-Trilogie mit zwei kurzen Einschüben, die zwischen 1906 und 1921 erschien. Der britische Autor erhielt 1932, kurz vor seinem Tod, den Nobelpreis für Literatur. Die Begründung lautete: „für die vornehme Schilderungskunst, die in ‚The Forsyte Saga' ihren höchsten Ausdruck findet".
Das Werk erzählt vom Leben der wohlhabenden Familie Forsyte, die der oberen Mittelschicht Englands am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts angehört. Im Mittelpunkt steht Soames Forsyte. Er verkörpert seine wirtschaftlich erstarkte bürgerliche Klasse und versucht, die vom viktorianischen Zeitalter geprägten Familienideale und sein Vermögen zu bewahren. Über vier Generationen hinweg entfaltet sich der Widerstreit zwischen Familientradition und dem Wunsch, sich von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. In den Widersprüchen der weitverzweigten Familie zeigt sich das Ende einer ganzen Epoche.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im viktorianischen England der 1880er Jahre lebt die Familie Forsyte, ein Kreis wohlhabender Bürger, die auf Ansehen und Besitz bedacht sind. Soames Forsyte, ein erfolgreicher, kühl berechnender Mann, ist mit der auffallend schönen Irene verheiratet. Ihre Ehe verläuft unglücklich, denn Irene hat sich seinem hartnäckigen Werben erst nach langem Zögern gebeugt.
Zur selben Zeit verlobt sich June Forsyte, eine junge Verwandte, mit dem Architekten Philip Bosinney. Soames beauftragt Bosinney, ihm ein Landhaus zu bauen. Aus dieser Begegnung entstehen Spannungen, die das äußere Gleichgewicht der Familie erschüttern und alte Gewissheiten in Frage stellen.
Die Erzählung folgt der Familie über mehrere Jahrzehnte und durch mehrere Generationen. Alte Werte geraten ins Wanken, während eine neue Zeit anbricht. Später verlieben sich zwei junge Menschen aus den beiden Zweigen der Familie ineinander, ohne von der Vergangenheit ihrer Eltern zu wissen. So wirkt das, was einst geschah, bis in die nächste Generation hinein.
Die Handlung im Detail↑
Das erste Buch, Der Besitzmensch (1906), beginnt 1886 mit der Verlobung von June Forsyte und dem Architekten Philip Bosinney, den die Familie spöttisch „der Freibeuter" nennt. June ist die Tochter des jüngeren Jolyon, der die Familie einst wegen einer als nicht standesgemäß empfundenen Heirat verließ. Erst nach fünfzehn Jahren nahm sein Vater, der alte Jolyon, wieder Kontakt mit ihm auf. Soames Forsyte, ein Neffe des alten Jolyon, ist mit der schönen Irene verheiratet, die ihm erst nach langem Werben nachgab. Soames beauftragt Bosinney, ihm ein Haus zu bauen. Während des Baus scheint sich zwischen Bosinney und Irene eine Affäre zu entwickeln. Anfangs waren June und Irene eng befreundet, doch dieses Verhältnis zerbricht. Beim Tod der ältesten Forsyte, Tante Ann, versammelt sich die alte Generation zu einer Trauerfeier, auf der sie erschrocken ihrer eigenen Sterblichkeit gewahr wird.
Die Kosten des Hauses übersteigen weit das genehmigte Budget, und Soames verklagt Bosinney auf Schadensersatz. Bosinney und Irene werden gemeinsam gesehen. Im Prozess unterliegt der Architekt, der nicht vor Gericht erscheint. Nach einer Vergewaltigung durch Soames flieht Irene fluchtartig aus dem Haus und lässt fast all ihre Habe zurück. Kurz darauf wird Bosinney von einem Wagen überfahren und stirbt. Zunächst deutet alles auf einen Selbstmord des nun bankrotten Mannes hin, doch es war ein Unglück aus Unachtsamkeit. Als Irene vom Tod ihres Geliebten erfährt, kehrt sie ein letztes Mal zu Soames zurück, um ihn endgültig zu verlassen.
Der erste Einschub, Nachsommer eines Forsyte (1918), setzt einige Jahre später in den 1890er Jahren ein. Der alte Jolyon lebt nun im ehemaligen Haus von Soames, fühlt sich aber einsam. Unerwartet besucht ihn Irene. Er lädt sie häufig ein, damit sie ihm Gesellschaft leistet und Holly, der Tochter des jüngeren Jolyon, Klavierunterricht gibt. Irene lebt inzwischen bescheiden in Chelsea und kümmert sich um arme Frauen. Der alte Mann genießt ihre Nähe so sehr, dass er sie in seinem Testament mit 15.000 Pfund bedenkt. Eines Tages, während er im Garten auf ihren Besuch wartet, schläft er ein und stirbt.
Im zweiten Roman, In den Schlingen des Gesetzes (1920), sind sieben Jahre vergangen. Soames hat sein Vermögen stark vermehrt und lernt die Französin Annette Lamotte kennen. Ein Nebenstrang erzählt von Montague Dartie, dem Ehemann von Soames' Schwester Winifred: Er verspielt sein Geld auf ein Rennpferd, bedroht seine Frau, entwendet wertvolle Perlen und flieht mit einer spanischen Tänzerin nach Buenos Aires. Winifred bittet ihren Bruder Soames, ihr bei der Scheidung zu helfen. Ein halbes Jahr später kehrt Dartie verwahrlost zurück und wird unter strengen Bedingungen wieder aufgenommen.
Der jüngere Jolyon lebt inzwischen in Robin Hill, dem Haus, das Bosinney einst für Soames gebaut hatte, und ist als Aquarellmaler zu Ansehen gekommen. Soames sucht die Scheidung von Irene. Doch als er sie nach über zwölf Jahren wiedersieht, entflammt seine alte Liebe, und er will sie um jeden Preis zurückgewinnen. Zugleich nähert sich Jolyon Irene an und verkehrt mit ihr in Paris. Soames engagiert einen Detektiv, reist rasend vor Eifersucht nach Paris und trifft Irene, die angewidert nach England zurückkehrt. Nach der Scheidung heiratet Soames im Januar 1901, kurz vor dem Tod Königin Viktorias, die Französin Annette. Bei der Geburt kommt es zu Komplikationen, und er muss zwischen Mutter und Kind entscheiden. Er zögert, es wird ihm eine Tochter geboren, Fleur, und Annette überlebt. Zur selben Zeit stirbt Soames' Vater James an einer Lungenentzündung. Jolyon und Irene, inzwischen verheiratet, werden Eltern eines Sohnes, den sie Jolyon nennen, kurz Jon. Val, der Sohn von Winifred, verliebt sich in Holly, Jolyons Tochter. Ihr Bruder Jolly fordert Val auf, mit ihm als Soldat in den Burenkrieg zu ziehen. Jolly erkrankt in Südafrika an Typhus und stirbt. Während eines Fronturlaubs heiratet Val Holly und verbindet damit die beiden verfeindeten Zweige der Familie.
Der zweite, kürzere Einschub, Erwachen (1920), spielt 1909 und erzählt von der unbeschwerten Kindheit des achtjährigen Jon Forsyte, der seine Zeit mit phantasievollen Spielen verbringt und locker erzogen wird.
Der abschließende dritte Roman, Zu vermieten (1921), führt Fleur, die Tochter von Soames, und Jon, den Sohn von Jolyon und Irene, zusammen. Die beiden verlieben sich, ohne etwas von der Vergangenheit ihrer Eltern zu ahnen. Als Soames, Jolyon und Irene die Romanze entdecken, verbieten sie den Kontakt. Jolyon warnt seinen Sohn, dass nach seinem Tod niemand Irene vor ihrem früheren Ehemann werde schützen können. Unterdessen wirbt Michael Mont, Sohn einer adeligen Familie, um Fleur. Nach ihrer Hochzeit mit ihm steigt die Familie vom Stand der Neureichen in den Hochadel auf. Am Ende der Saga stirbt Onkel Timothy im hohen Alter von hundert Jahren.
Stil↑
Als Roman-Trilogie mit zwei kürzeren Einschüben ist das Werk breit angelegt: Zwei Zwischenstücke, Nachsommer eines Forsyte und Erwachen, verbinden die drei großen Romane und überbrücken die Zeitsprünge zwischen ihnen. So entsteht die Form einer Familienchronik, die sich über Jahrzehnte und vier Generationen erstreckt.
Die Erzählung ist eng an geschichtliche Wendepunkte geknüpft. Sie beginnt im viktorianischen Zeitalter, und der Tod Königin Viktorias markiert das Ende einer Epoche. In der Vielzahl der Figuren der weitverzweigten Familie und in ihren Widersprüchen spiegelt sich dieser gesellschaftliche Umbruch. Das Nobelpreis-Komitee würdigte 1932 die „vornehme Schilderungskunst" des Autors, die in diesem Werk ihren Höhepunkt gefunden habe.
Rezeption↑
Für sein Schaffen wurde John Galsworthy 1932 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, kurz vor seinem Tod. Die Jury hob dabei ausdrücklich die Forsyte-Saga als Höhepunkt seiner Erzählkunst hervor.
Das Werk fand auch über die Literatur hinaus Verbreitung. Einzelne Teile, darunter der erste Roman Der Besitzmensch, wurden 1949 unter dem Titel Das Schicksal der Irene Forsyte verfilmt. 1967 brachte die BBC eine sechsundzwanzigteilige Fernsehserie heraus, und 2002/03 folgte eine Neuverfilmung des Senders ITV. Durch diese Bearbeitungen blieb die Geschichte der Familie Forsyte einem breiten Publikum über Generationen hinweg gegenwärtig.
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