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Porträt Hans Carossa
Hans Carossa
1878 – 1956
– Autorenporträt –

Hans Carossa

1878 – 1956 · 77 Jahre

Hans Carossa, Arzt und Dichter zugleich, glaubte in seinen autobiografischen Erzählungen und Gedichten an eine Naturordnung, die alle menschlichen Katastrophen überdauert – nach 1945 rang er in „Ungleiche Welten“ selbstkritisch mit seiner bis heute umstrittenen Rolle im Nationalsozialismus.

Kurzporträt

Als Arzt und Dichter zugleich gehört Hans Carossa zu den vielgelesenen deutschen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1878 in Bad Tölz geboren und starb 1956 bei Passau. Sein Werk umfasst Lyrik und Erzählungen, oft aus dem Blickwinkel des Mediziners und mit stark autobiografischem Zug. Nach 1945 knüpfte er beinahe nahtlos an seine früheren Erfolge an. Bis heute umstritten bleibt seine Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus, die er nach dem Krieg in dem Lebensbericht Ungleiche Welten selbstkritisch aufarbeitete.


Biografie

Geboren wurde Hans Carossa am 15. Dezember 1878 in Tölz, dem heutigen Bad Tölz in Oberbayern. Sein Vater Karl Carossa war Arzt und auf die Behandlung von Lungenkrankheiten spezialisiert. Die ersten Lebensjahre verbrachte Carossa bei Pflegeeltern. 1883 übersiedelte er mit seinen Eltern, zunächst nach Amerang, später nach Königsdorf bei Tölz und 1886 nach Pilsting in Niederbayern. Ab 1888 besuchte er das Humanistische Gymnasium in Landshut, wo er 1897 das Abitur bestand.

Anschließend studierte Carossa Medizin. Er begann in München und wechselte danach nach Würzburg und Leipzig. 1903 wurde er in Leipzig mit einer Arbeit über die Dauerfolge der Zweifelschen Methode bei veralteten Dammrissen zum Doktor der Medizin promoviert und erhielt seine Approbation. Zunächst arbeitete er in der Praxis seines Vaters in Passau, später als niedergelassener Allgemeinmediziner an verschiedenen Orten, darunter Dresden, Fürstenfeldbruck, Seestetten bei Passau, Nürnberg und München.

Den Weg in die Literatur ebneten ihm frühe Kontakte. 1906 schickte Carossa eigene Gedichte an Richard Dehmel und kam über ihn in Verbindung mit Hugo von Hofmannsthal. Dieser vermittelte ihn an den Insel-Verlag, bei dem fortan alle seine Werke erschienen. Am 11. Juli 1907 heiratete er Valerie Endlicher, mit der er bereits einen Sohn hatte. In seinem ersten Prosastück Die Schicksale Doktor Bürgers von 1913 setzte er dieser ersten Frau mit einer Figur ein literarisches Denkmal. Der Blick des Arztes prägt sein ganzes Werk, so auch Der Arzt Gion von 1931.

Von 1915 bis 1918 leistete Carossa Kriegsdienst als Arzt, unter anderem an der rumänischen Front und in Frankreich. Aus dieser Zeit ging das tagebuchartige Rumänisches Tagebuch hervor, das 1924 im Druck erschien. In den Auflagen ab 1934 trug es den Obertitel „Tagebuch im Kriege“. 1919 ließ er sich als Arzt in München nieder und betätigte sich zugleich literarisch. Ein Stipendium des Insel-Verlags ermöglichte es ihm, sich ab 1925 ganz dem Schreiben zu widmen. 1941 gab er die ärztliche Tätigkeit endgültig auf und zog als freier Schriftsteller nach Rittsteig bei Passau.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wählte Carossa die Innere Emigration – er blieb also im Land, zog sich aber aus der Öffentlichkeit zurück – und lehnte die Berufung in die Deutsche Akademie der Dichtung ab. In seinem Vortrag „Wirkungen Goethes in der Gegenwart“, gehalten im Juni 1938 vor der Goethe-Gesellschaft in Weimar, bezog er kritisch Stellung gegen Gewalt und Eroberungspolitik. Zugleich nahm er 1938 den Goethepreis der Stadt Frankfurt an und wurde 1941 zum Präsidenten der nationalsozialistischen „Europäischen Schriftsteller-Vereinigung“ ernannt, deren nächster Veranstaltung er jedoch fernblieb. So steht seine belegte Distanz zum Regime dem Umstand gegenüber, dass er zu den meistgeförderten Schriftstellern gehörte und 1944 in die sogenannte Gottbegnadetenliste aufgenommen wurde, das NS-Verzeichnis der als unentbehrlich eingestuften Künstler, obwohl sein Werk nicht von nationalsozialistischem Gedankengut geprägt war. Seine Stellung nutzte er auch, um verfolgten Kollegen zu helfen: 1941 erwirkte er die Entlassung Alfred Momberts aus dem Konzentrationslager Gurs und dessen Ausreise in die Schweiz, ebenso setzte er sich für die Freilassung von Peter Suhrkamp ein. Kurz vor Kriegsende bat er den Passauer Oberbürgermeister brieflich, die Stadt kampflos zu übergeben, und wurde dafür in Abwesenheit zum Tode verurteilt; das rasche Anrücken der US-Armee rettete ihn.

Nach 1945 wurde Carossa in Westdeutschland erneut zu einem der meistgelesenen deutschen Schriftsteller, während er in der DDR verfemt war und nicht gedruckt werden durfte. Trotz sich verschlechternder Gesundheit arbeitete er bis zuletzt weiter. 1955 schloss er mit Der Tag des jungen Arztes eine vierteilige autobiografische Erzählung ab. Am 12. September 1956 starb er, ein gutes halbes Jahr nach dem Tod seiner zweiten Frau Hedwig. In der Forschung umstritten ist der genaue Sterbeort: Die eine Quelle nennt Passau, die andere Heining; das Rittsteig, in dem er zuletzt lebte, liegt bei Passau, und seine Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof in Passau-Heining.


Literarische Merkmale

Charakteristisch für Carossa ist eine Dichtung, die sich der abendländischen Geistes- und Kulturtradition verpflichtet fühlte und zugleich mit den Problemen der Moderne vertraut war. Er gilt als Lyriker und Erzähler, dessen Prosa fast durchweg einen autobiografischen Charakter trägt. Sein Formenspektrum in der Lyrik reicht laut der Deutschen Biographie von liedhaften Strophengedichten über freirhythmische Hymnen und Knittelversgedichte bis zu epigrammatischen Formen.

Unbeeinflusst vom zeitgenössischen Expressionismus dichtete er anfänglich unter dem Einfluss von Richard Dehmel, Hugo von Hofmannsthal und Alfred Mombert, kurzzeitig auch Stefan George. Zeitlebens war ihm Johann Wolfgang von Goethe wichtig, an dessen Naturgedichten er sich in seinem Frühwerk orientierte. In seinen Gedichten stellte er den Krisenerfahrungen seiner Gegenwart ein ruhevolles Wirklichkeitsverständnis entgegen: Alles Seiende sah er in einer kosmisch begründeten Ordnung des stetigen Werdens, Vergehens und neuen Werdens aufgehoben. Der Mensch, so seine Auffassung, könne diese Ordnung stören, aber nicht zerstören.

Seine Prosa ist vom Blick des Arztes durchdrungen. In Doktor Bürgers Ende von 1913 thematisierte er anhand eines fiktiven Tagebuchs die Gefahr des Selbstverlusts als junger Arzt. Sein bekanntestes Prosawerk, das Rumänisches Tagebuch, bringt in mehreren Handlungssträngen und auf verschiedenen Sinnbildebenen die Gewissheit zum Ausdruck, dass vom Menschen verursachte Katastrophen wie der Krieg die naturverbürgte Seinsordnung nur zeitweise verdecken. Ergänzend dazu erzählt Der Arzt Gion von vier durch den Ersten Weltkrieg verstörten Menschen, die allmählich in ein sinnerfülltes Leben hineinfinden. Reisen nach Italien mündeten in kulturhistorische Aufsätze, die 1947 unter dem Titel Aufzeichnungen aus Italien erschienen. Über Jahrzehnte begleitete ihn zudem ein lyrisch-dramatisches Traumspiel um die Gestalt eines alten Magiers, das zeigen wollte, was Dichtung einer verworrenen Welt als Ordnungskraft und Heilung entgegenzusetzen vermag.


Rezeption

Angesehen wird Carossa als Vertreter der neuromantischen Lyrik, die sich durch reiche Stimmungsbilder auszeichnete. Im Gegensatz zur älteren Generation um die Jahrhundertwende ist seine Dichtung von einer melancholischen Stimmung des Abschieds geprägt, vergleichbar zeitgenössischen österreichischen Dichtern; sein „Ton der Ergriffenheit“ weist Ähnlichkeiten mit dem deutschen Symbolismus auf. Zugleich trug ihm sein Beharren auf einer seelenvollen, an Goethe orientierten Wirklichkeit den Vorwurf der Idylle ein. Gegen seine Gedichte wurde der Vorwurf der Wirkungslosigkeit und der mangelnden Widerstandskraft erhoben.

Dieser Kritik ist widersprochen worden. Der Literaturwissenschaftler Hartmut Laufhütte entgegnete auf Jean Amérys Urteil, Carossa sei ein „geschickt schreibende[r] Mittelständler“, man könne ein so beunruhigendes Künstlertum unmöglich nur auf Harmonie und Idylle festlegen. Auch Walter Hinck verwies auf die „genauere Bedeutung der angstbannenden ‚heilenden Welt'“. Als Arzt und Kriegsteilnehmer stand Carossa der Erfahrung existentiellen Leidens keineswegs so fern, wie die Abgeschiedenheit seines Schriftstellerdaseins vermuten lassen könnte.

Besonders kontrovers diskutiert wird seine Rolle in der Zeit der Inneren Emigration. Anders als die kritische Kriegslyrik der Expressionisten oder die Exillyrik Bertolt Brechts antwortete Carossas Spätlyrik nicht mit politischem Aufruf, sondern mit Angeboten des Trostes, die den Blick auf die Schönheit der ewigen Naturordnung lenkten. Im Unterschied zu vielen Angepassten, die schwiegen, verarbeitete Carossa die NS-Zeit selbstkritisch, vor allem in dem Buch Ungleiche Welten von 1951. Auch dieses Werk stieß auf scharfe Kritik: Es verschleiere und stelle die Nationalsozialisten als unabwendbare Schicksalsmacht dar. Positiv urteilte hingegen der Literaturwissenschaftler Rüdiger Görner, dem zufolge dieses eine Buch genügte, um Carossa „auf immer einen Logenplatz in der deutschsprachigen Literatur zu sichern“. Thomas Mann revidierte nach der Lektüre sein Verdammungsurteil und nannte es ein „Buch, dessen noble Menschlichkeit in seiner Sprache reinsten Ausdruck findet“. Alfred Andersch sprach von der „ruhigste[n], klarste[n] und gerade deshalb schonungsloseste[n] Analyse des Nationalsozialismus“. Wie das Verhalten Carossas unter der Diktatur letztlich zu bewerten ist, hängt an der Frage, ob er sich seiner Vereinnahmung hätte entziehen können, ohne seine Leserschaft und alle Einwirkungsmöglichkeiten zu verlieren.

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