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Werkseintrag · Der Verschollene
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Cover Der Verschollene
Der Verschollene
1927
– Werkseintrag –

Der Verschollene

1927 · Roman

Ein siebzehnjähriger Auswanderer sucht in Amerika sein Glück und wird von einer Station zur nächsten weitergereicht – Kafkas unvollendeter Roman über einen jungen Mann, der in der fremden, hektischen neuen Welt keinen Halt findet.

Überblick

Mit dem Roman Der Verschollene erzählt Franz Kafka die Geschichte eines jungen Auswanderers in den Vereinigten Staaten. Das Buch zählt neben Das Schloss und Der Process zu den drei unvollendeten Romanen Kafkas. Es entstand zwischen 1911 und 1914 und wurde erst 1927 von Kafkas Freund und Herausgeber Max Brod aus dem Nachlass veröffentlicht. In den frühen Ausgaben trug der Roman den von Brod gewählten Titel Amerika. Noch zu Kafkas Lebzeiten erschien das erste Kapitel als eigenständige Erzählung Der Heizer im Kurt Wolff Verlag.

Inhalt (ohne Spoiler)

Der siebzehnjährige Karl Roßmann wird von seinen Eltern nach Amerika geschickt, weil ein Dienstmädchen ein Kind von ihm bekommen hat. Schon auf dem Schiff, das ihn nach New York bringt, begegnet er einem reichen Onkel, der den Jungen zu sich nimmt. Eine Zeit lang lebt Karl von dessen Vermögen. Doch der Schutz hält nicht lange an, und Karl ist bald auf sich allein gestellt.

In der fremden Welt zwischen Hafen, Hotels und Mietwohnungen lernt er verschiedene Menschen kennen, die sich seiner annehmen – meist jedoch zu seinem Nachteil. Karl gerät an zwei Landstreicher und an eine Sängerin und muss erleben, wie schwer es ist, in dieser neuen Ordnung Halt zu finden. Der Roman folgt ihm durch eine Reihe von Stationen, an denen er immer wieder von vorn beginnen muss. Da das Werk Fragment blieb, bricht die Handlung ab und wird durch weitere Textstücke ergänzt, darunter das bekannte „Naturtheater von Oklahoma".

Die Handlung im Detail

Der siebzehnjährige Karl Roßmann wird von seinen Eltern in die USA geschickt, weil er von einem Dienstmädchen „verführt" wurde und dieses nun ein Kind von ihm erwartet. Im Hafen von New York angekommen, trifft er noch auf dem Schiff einen reichen Onkel, der ihn zu sich nimmt. Von dessen Reichtum lebt Karl nun. Doch bald verstößt der Onkel den Jungen: Karl hatte die Einladung eines Geschäftsfreundes des Onkels zu einem Landhausbesuch eigenmächtig angenommen. Ohne eine Aussprache setzt der Onkel ihn auf die Straße.

Karl lernt zwei Landstreicher kennen, einen Franzosen und einen Iren, die sich seiner annehmen – freilich immer zu seinem Nachteil. Wegen des Iren verliert er eine Anstellung als Liftjunge in einem riesigen Hotel mit bedrückenden Arbeitsbedingungen. Anschließend wird er in einer Wohnung, die die beiden Landstreicher mit der „übermäßig dicken" älteren Sängerin Brunelda teilen, gegen seinen Willen als Diener angestellt und ausgenutzt.

An dieser Stelle bricht die Handlung ab. Die Kritische Kafka-Ausgabe führt danach zwei Textfragmente an. Im ersten schiebt Karl Brunelda in einem Rollstuhl durch die Straßen der Stadt zu einem „Unternehmen Nr. 25". Das zweite ist das bekannte „Naturtheater von Oklahoma", das einige für das geplante Abschlusskapitel halten. Karl entdeckt darin ein Plakat für ein Theater in Oklahoma, das allen Menschen Beschäftigung verspricht. Nach einer peniblen Befragung wird er von den Werbern aufgenommen, allerdings nur „für niedrige technische Arbeiten". Der Textteil endet mit einer langen Zugfahrt nach Oklahoma, auf der Karl zum ersten Mal die „Größe Amerikas" begreift. Wie das Ganze ausgehen sollte, bleibt offen – in der Forschung schwankt die Deutung dieses Schlusses zwischen einer Rettung des Protagonisten und einem letztlich tödlichen Ausgang.

Stil

Durchgängig sieht der Leser die Welt aus der Sicht des Protagonisten – räumlich wie zeitlich. Auffällig ist dabei, dass die Fülle der Beschreibungen und Eindrücke nicht wirklich in Karls Bewusstsein vordringt. Wie Reiner Stach es formuliert, erfühlt er „die Gewalt der dahinter verborgenen Ordnungen" nicht. Besonders in den ersten Kapiteln bewegt sich Karl in seiner eigenen Welt, oft in Form von Wunschvorstellungen.

Ein zentrales Thema sind die Bewegungsformen des modernen Verkehrs. Den Schiffsverkehr im Hafen von New York und die Verkehrsfluten in den Straßenschluchten nimmt der junge Mann nur aus einer engen, reduzierten Perspektive wahr. So wird deutlich, dass er die neuen Sinnesreize noch nicht vollständig erfassen kann. Besonders die grotesk wirkende Fluchtszene, die Karls Abgang aus dem Hotel schildert, wirkt wie mit einer Kamera aufgenommen: Kafka verwandelt die Wirklichkeit in eine Folge bewegter Bilder. Schon Max Brod schrieb im Nachwort zur Erstausgabe, dass die Schilderungen „unwiderstehlich an Chaplin-Filme erinnern".

Im ersten und dritten Kapitel hebt Karl noch zu längeren, naiv-wohlmeinenden Reden an. Im weiteren Verlauf geschieht das nicht mehr, und auch sein Innenleben wird seltener gezeigt. Zunehmend werden nur noch knappe Frage- und Antwortsätze ausgetauscht; für umständliche Überlegungen ist kein Raum mehr. Wenn Karl am Ende meint, nun erst die „Größe Amerikas" zu begreifen, deutet sich vielleicht eine erste Stufe einer Entwicklung an – an der der Leser jedoch keinen weiteren Anteil hat.

Rezeption

Verschiedene Deutungen heben den geschichtlichen Hintergrund hervor: Kindlers Literaturlexikon verweist auf die massenhaften Amerika-Auswanderungen ostjüdischer Flüchtlinge. Karl Roßmann wird von seiner Familie als Strafaktion fortgeschickt. Er ist kein Überlebender, der gerade noch davonkommt, sondern – wie der Titel sagt – ein Verschollener. Und wer verschollen ist, kann nach einer gewissen Frist für tot erklärt werden.

Mehrere Forscher beschreiben die innere Struktur des Romans als ein Labyrinth des Scheiterns. Die aufeinanderfolgenden Stationen – Schiff, Haus des Onkels, Pollunders Landhaus, Hotel – bilden einen Kreislauf, in dem Karl immer wieder fällt. Auch Karls Einführung in die Sexualität wird betont; die Erotik im Umfeld Bruneldas ist von Peinlichkeit und Ganoventum geprägt. Andere Stimmen heben die Darstellung der modernen Arbeitswelt hervor: die permanente Zirkulation der Güter, die Hierarchien erzeugt. Reiner Stach spricht von Kafkas Hellsicht bei der Schilderung hektisch-bedrängender Arbeitsverhältnisse – lange vor der Einführung des Fließbandes. Hinter der Komik dieser Bilder, so Stach, lauere das Grauen.

Besonders umstritten ist das abschließende Oklahoma-Kapitel. Es bildet einen scharfen Kontrast zum übrigen Geschehen: Karls sozialer Abstieg scheint gebremst, die drastische Wirklichkeit löst sich in eine harmonische Sozialutopie auf. Ob darin die Rettung des Protagonisten oder doch ein tödlicher Ausgang angelegt ist, bleibt in der Forschung bis heute offen.

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