1616
Der Verführer von Sevilla und der steinerne Gast
Überblick↑
Das Drama Der Verführer von Sevilla und der steinerne Gast (spanisch El burlador de Sevilla y convidado de piedra) stammt von dem spanischen Bühnendichter Tirso de Molina. Es gehört zum Goldenen Zeitalter der spanischen Literatur, dem Siglo de Oro. Mit diesem Stück tritt die Gestalt des Don Juan in die Weltliteratur ein: der skrupellose Frauenheld, der eine Frau nach der anderen mit falschen Eheversprechen betrügt und sich in jugendlichem Übermut über jede Warnung hinwegsetzt.
Die Entstehung fällt in eine schwierige Zeit für den Autor. 1625 verurteilte eine Kommission in Madrid Tirsos weltliche Theaterstücke als anstößig und verbannte ihn. Im Frühjahr desselben Jahres ging er nach Sevilla. Dort entstand vermutlich dieses Drama, das als religiöses Stück dem Verbot nicht unterlag. Gedruckt wurde es 1630 in Barcelona. Eine frühere Fassung könnte bis in die Zeit um 1616 zurückreichen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der junge Edelmann Don Juan, ein hochmütiger Verführer aus vornehmem Haus, dem seine gesellschaftliche Stellung fast jede Freiheit erlaubt. Am Hof von Neapel schleicht er sich unter falschem Namen zu einer Frau, die einen anderen liebt. Als der Betrug auffliegt, verhilft ihm sein einflussreicher Onkel zur Flucht.
Die Reise nach Spanien endet in einem Schiffbruch an der Küste bei Tarragona. Eine Fischerin rettet den Ohnmächtigen und verliebt sich in ihn. Auch sie gewinnt er mit dem Versprechen der Ehe – und verschwindet bei Tagesanbruch. Von Station zu Station wiederholt sich dasselbe Muster: an einem Hof, bei einer adligen Dame in Sevilla, schließlich auf einer Bauernhochzeit, deren Braut er dem Bräutigam abspenstig macht. Immer schwört er hoch und heilig, immer bricht er sein Wort, und immer tröstet er sich mit dem Gedanken, die Rechnung liege noch in weiter Ferne.
Sein Diener Catalinón, der ängstliche Gegenspieler seines wagemutigen Herrn, warnt ihn vergeblich. Als Don Juan eines Nachts auf einem Friedhof vor der steinernen Grabfigur eines Mannes steht, den er auf dem Gewissen hat, treibt er den Spott auf die Spitze: Er lädt die Statue zum Abendessen ein.
Die Handlung im Detail↑
Der erste Akt beginnt am Hof von Neapel. Als Don Octavio verkleidet dringt Don Juan zu dessen Geliebter Doña Isabela vor. Auf ihre Hilferufe eilen der König von Neapel und Don Pedro herbei. Don Pedro, Don Juans Onkel, lässt den Neffen unter der Bedingung entkommen, dass er Italien verlässt. Der empörte König lässt Don Octavio verhaften, der zur Flucht nach Spanien geraten wird.
Das Schiff, auf dem Don Juan mit seinem Diener Catalinón reist, zerschellt bei Tarragona. Die Fischerin Tisbea zieht Don Juan aus dem Wasser und verliebt sich in ihn. Auf sein Eheversprechen hin lässt sie ihn in ihre Kammer. Er schwört ihr bei Gott, kümmert sich aber nicht um den Eid, überzeugt, der Tag der Abrechnung liege fern. Im Morgengrauen entkommt er auf bereitgehaltenen Pferden; das verzweifelte Mädchen will sich das Leben nehmen. Am Königshof berichtet unterdessen Don Gonzalo, Komtur des Calatrava-Ordens, von seiner Reise nach Lissabon. Der König verspricht, seine Tochter Doña Ana mit Don Juan zu vermählen.
Im zweiten Akt unterrichtet Don Diego, Don Juans Vater, den König über den Skandal in Neapel. Der König beschließt nun, Don Juan mit Doña Isabela und Don Octavio mit Doña Ana zu verbinden; Don Juan soll zudem nach Lebrija verbannt werden. Von seinem alten Kameraden, dem Marqués de la Mota, erfährt Don Juan, dass dieser die schöne Doña Ana liebt, die gegen ihren Willen einem anderen versprochen ist. Ein Brief Doña Anas fällt Don Juan in die Hände: Sie will sich dem Geliebten hingeben und bestellt de la Mota für elf Uhr zu sich. Don Juan verschiebt die Stunde heimtückisch auf zwölf, leiht sich de la Motas Mantel und geht selbst zu der Verabredung. Doña Ana durchschaut den Betrug. Ihr herbeigerufener Vater Don Gonzalo eilt ihr zu Hilfe und fällt durch Don Juans Hand. Der Mörder flieht, gibt de la Mota den Mantel zurück – und die Wache verhaftet den Ahnungslosen als Täter. Vergnügt über seinen Streich reist Don Juan nach Lebrija und gerät dort auf die Dorfhochzeit von Aminta und Batricio.
Im dritten Akt setzt Don Juan alles daran, die Braut zu verführen. Er redet dem Bräutigam Batricio ein, Aminta sei einst seine Geliebte gewesen. Aminta verspricht er die Ehe und den Rang einer Herzogin. Er schwört bei Gott, spottet aber, strafen könne ihn nur ein Toter, denn vor den Lebenden fürchte er sich nicht. Auf dem Weg zum Hof trifft Isabela die Fischerin Tisbea, die ihr ihr Unglück klagt; die Fürstin verspricht Hilfe. Trotz Verbot und Gefahr kehrt Don Juan nach Sevilla zurück. Auf einem Friedhof steht er vor dem Standbild des toten Komturs und lädt es zum Abendessen. Zum Entsetzen der Dienerschaft erscheint der steinerne Gast, nimmt das Mahl ein und bittet Don Juan seinerseits in seine Grabkapelle.
Am Hof will der König nun de la Mota mit Doña Ana vermählen; Octavios Bitte um ein Duell mit Don Juan lehnt er ab. Amintas Vater bittet Octavio, die versprochene Heirat seiner Tochter durchzusetzen. In der Grabkapelle setzt der Komtur Don Juan und Catalinón Schlangen, Skorpione und Galle mit Essig vor und verkündet, Gottes Geduld sei zu Ende. Don Juan sinkt vom Händedruck des Komturs tot zu Boden und ruft noch nach einem Beichtvater; das Grab versinkt. Vor den König treten nacheinander die Betrogenen mit ihren Klagen. De la Mota gesteht, den Komtur nicht getötet zu haben. Der wie durch ein Wunder entkommene Catalinón schildert den Tod seines Herrn. Der König lässt die aufgeschobenen Ehen schließen: Octavio erhält Isabela, de la Mota die Doña Ana.
Stil↑
Der Aufbau des Dramas fällt in zwei deutlich verschiedene Hälften. Der erste Teil, bis zum Auftritt der steinernen Statue, hat den Ton einer heiteren, farbigen Mantel-und-Degen-Komödie und streift stellenweise sogar die Posse. Danach verdichtet sich die Stimmung allmählich, bis sie in der Szene von Don Juans tragischem Tod eine geradezu erhabene Höhe erreicht.
Die Figur des Verführers ist dabei bewusst schlicht angelegt. Don Juan begründet sein Handeln nicht mit langen Reden; seine Beweggründe sind nicht gedanklicher, sondern natürlicher und gesellschaftlicher Art. Er ist gut aussehend, gehört einer mächtigen Schicht an, ihm gefallen die Frauen, und er gefällt ihnen. Seine Methoden sind wenig fein. Wichtiger als das Liebesabenteuer selbst ist ihm die Genugtuung, seine Opfer zu betrügen und um die Ehre zu bringen. Er nutzt fremde Schwächen und Täuschungen aus. Seine Straflosigkeit, die er seiner Stellung in einer verdorbenen Gesellschaft verdankt, endet erst in der Begegnung mit einer überirdischen Wirklichkeit, gegen die weder Vorrechte noch Kniffe helfen. Bestraft wird er nicht für die Lust am Genuss, sondern dafür, dass er alle Warnungen vor dem göttlichen Gericht in den Wind schlägt. In gewissem Sinn ist es ein Stück mit einer These: Wer nur dem Augenblick lebt, dem hält der Autor entgegen, dass keine Frist ausbleibt und keine Schuld unbezahlt bleibt.
Rezeption↑
Die Wirkung dieses Dramas reicht weit über seine Zeit hinaus, denn mit ihm gelangte die Gestalt des Don Juan auf die Bühne und wurde zu einem der großen Stoffe der europäischen Literatur und Musik. Spätere Dichter und Komponisten griffen sie immer wieder auf: 1676 entstand das Bühnenwerk The Libertine, und 1787 wurde die Oper Don Giovanni mit der Musik Mozarts zu einer der bekanntesten Fassungen des Themas. Auch ein Don Giovanni Tenorio zählt zu den musikalisch-dramatischen Bearbeitungen des Stoffs.
Um die Urheberschaft des Werks entspann sich ein langer gelehrter Streit. 1878 tauchte eine bis dahin unbekannte Fassung auf, ein offenkundig unerlaubter Druck mit dem Titel Tan largo me lo fiáis, der unter dem Namen Pedro Calderón de la Barcas erschien. Dieser Text stimmt zu etwa vier Fünfteln mit dem bekannten Drama überein; im Übrigen weicht er ab, so ist etwa die berühmte Beschreibung Lissabons durch eine Beschreibung Sevillas ersetzt. Über die Datierung dieses Drucks gehen die Meinungen auseinander: Manche Forscher setzen ihn um 1660 an, andere in die Jahre 1632 bis 1635. Ein Teil der Gelehrten hält Tan largo für die ältere Fassung; Blanca de los Ríos sah darin eine ursprüngliche, um 1616 von Tirso verfasste Version. Andere schrieben das Werk dem wenig bekannten Dramatiker Andrés de Claramonte zu oder deuteten beide Texte als Fassungen eines verlorenen Originals, dessen Verfasser bis heute umstritten bleibt.
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