1944
Gigi
Überblick↑
Die späte Erzählung Gigi schrieb die französische Autorin Colette im Jahr 1944, im Alter von einundsiebzig Jahren. Das Werk zählt zu ihren letzten Arbeiten und entstand rund zehn Jahre vor ihrem Tod. Im Mittelpunkt steht die Pariser Halbwelt der Belle Époque, jene Welt der Kurtisanen um 1900. Erzählt wird, wie ein heranwachsendes Mädchen in diesem Milieu groß wird. Als Vorbild diente die Beziehung zwischen Yola Henriquet und dem Pressemann Henri Letellier. Über Jahrzehnte hinweg regte der Stoff immer wieder Bearbeitungen für Kino und Theater an – stets unter demselben Titel.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Paris des Jahres 1899 wächst die fünfzehnjährige Gilberte heran, die alle nur Gigi nennen. Sie lebt in einfachen Verhältnissen bei ihrer Mutter und ihrer Großmutter. Die Mutter, Andrée, ist Sängerin an der Opéra-Comique und tritt eher zurückhaltend auf. Die Großmutter, von allen Mamita gerufen, gehörte einst selbst zur Halbwelt. Enttäuscht darüber, dass ihre Tochter keine glänzende Laufbahn eingeschlagen hat, setzt sie nun ihre ganze Hoffnung auf Gigi. Zur Seite steht ihr dabei ihre resolute Schwester Alicia, die auf eine erfolgreiche Vergangenheit als Kurtisane zurückblickt. Gemeinsam bereiten die beiden Frauen das Mädchen auf ein Leben als begehrte Geliebte der reichen Welt vor.
In diesem Haushalt verkehrt regelmäßig der junge Gaston Lachaille, ein steinreicher Lebemann und Erbe eines Zuckervermögens. Mit Gigi verbindet ihn eine unbekümmerte Freundschaft – bis sich die Lage zwischen den beiden allmählich zu verändern beginnt.
Die Handlung im Detail↑
Die Handlung setzt im Paris des Jahres 1899 ein. Gilberte, genannt Gigi, ist fünfzehn Jahre alt und lebt in bescheidenen Verhältnissen bei Mutter und Großmutter. Dieser rein weibliche Haushalt ist gleichwohl gebannt von der vornehmen Gesellschaft und verfolgt aufmerksam jeden Klatsch der mondänen Welt. Gigis Mutter Andrée ist eine unverheiratete, wenig durchsetzungsstarke Frau und singt an der Opéra-Comique. Die Großmutter nennt sich Madame Alvarez – nach dem Namen eines früheren Liebhabers –, mit Vornamen heißt sie Inès, und im Haus ruft man sie Mamita. Früher gehörte sie selbst zur Halbwelt, brachte es als Kurtisane jedoch nur zu bescheidenem Erfolg. Dass ihre Tochter keine solche Laufbahn eingeschlagen hat, hat sie enttäuscht; umso entschlossener richtet sie nun ihre Hoffnung auf die Enkelin. Zur Seite steht ihr dabei ihre Schwester Alicia de Saint-Efflam, eine kluge, willensstarke Frau mit glänzender und einträglicher Vergangenheit als Kurtisane. So behütet und angeleitet, scheint Gigi einem Leben als Geliebte reicher Männer entgegenzugehen.
Mit dem jungen Gaston Lachaille verbindet Gigi eine herzliche Kameradschaft. Er ist der Sohn eines Mannes, der einst Mamita nahegestanden haben soll. Gaston selbst ist der schwerreiche Erbe einer Zuckerfabrik, ein bekannter Pariser Lebemann und Frauenheld, über den die Klatschpresse eifrig berichtet. Trotzdem besucht er regelmäßig die bescheidene Familie, als Freund des Hauses. Bei ihr kann er für einen Augenblick seinem hektischen Gesellschaftsleben entfliehen.
Als Gaston sich jedoch in Gigi verliebt, zeigen sich ihre Reife und ihr entschiedener Wille. Sie weigert sich, nur eine weitere, rasch vergessene Eroberung für den jungen Mann zu sein und damit in ein Leben als Halbweltdame zu geraten. Sie weist seine Annäherungen zurück – sehr zum Entsetzen und zur Empörung ihrer Großmutter und ihrer Tante. Doch Gastons Liebe zu Gigi ist am Ende stark genug, dass er sich entschließt, um ihre Hand anzuhalten.
Stil↑
Als kurze Erzählung gehört das Werk zur Gattung der Novelle. Colette verfasste es spät, mit einundsiebzig Jahren, in knapper und zugespitzter Form. Die Pariser Halbwelt schildert sie vor allem von innen: aus dem kleinen Haushalt dreier Frauen heraus, deren Gespräche um Gerüchte, gute Gesellschaft und die Aussichten des Mädchens kreisen. Die Zeit ist genau bestimmt – das Jahr 1899, der Schauplatz Paris. Das heikle, leicht anrüchige Thema – ein Mädchen, das auf ein Leben als Kurtisane vorbereitet werden soll – behandelt Colette offen und ohne falsche Scheu. In manchen späteren Bearbeitungen wurde es dagegen verschleiert und abgemildert.
Rezeption↑
Über Jahrzehnte hinweg regte die Erzählung immer wieder neue Bearbeitungen für Film und Bühne an. Bereits 1949 entstand in Frankreich eine erste Verfilmung. Regie führte Jacqueline Audry, eine der ersten Regisseurinnen des Landes. Auf Anregung Colettes folgte eine Bühnenfassung am Broadway in den Jahren 1951 und 1952. Den englischen Text schrieb Anita Loos, Regie führte Raymond Rouleau. Die Titelrolle spielte die junge Audrey Hepburn, die Colette selbst ausgewählt hatte. Um 1957 wurde das Stück in London wieder aufgenommen, nun mit Leslie Caron als Gigi, doch der Erfolg blieb gering.
1958 kam eine zweite amerikanische Bearbeitung in die Kinos, diesmal als Musikfilm unter der Regie von Vincente Minnelli. In den Hauptrollen standen Leslie Caron und Maurice Chevalier. Die Musik stammte von Frederick Loewe, das Drehbuch von Alan Jay Lerner. Der Film wurde mehrfach ausgezeichnet. Für diese Fassung erfanden die Autoren eine neue Hauptfigur: den reichen, mondänen Onkel Lachaille, einen Mentor des jungen Gaston, zugeschnitten auf Maurice Chevalier. Das heikle Thema der Vorlage trat dabei stark zurück und wurde entschärft.
Weitere Bühnenfassungen kamen 1954 und 1965 in Paris heraus. 2006 verfilmte Caroline Huppert den Stoff fürs Fernsehen unter dem Titel Mademoiselle Gigi.
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