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Porträt Colette
Colette
1873 – 1954
– Autorenporträt –

Colette

1873 – 1954 · 81 Jahre

Französische Erzählerin, die Frauenschicksale und weibliche Sinnlichkeit ohne Tabus schilderte – bei ihrem Tod 1954 erhielt sie als erste Frau in Frankreich ein Staatsbegräbnis.

Kurzporträt

Sidonie-Gabrielle Colette führte als Schriftstellerin nur ihren Familiennamen Colette. Sie zählt zu den bekanntesten französischen Erzählerinnen des 20. Jahrhunderts. Geboren wurde sie 1873 im Burgund. Ihre literarische Laufbahn begann im Schatten ihres ersten Mannes, der ihre frühen Romane herausbrachte. Sie war zugleich Varietékünstlerin und Journalistin. Ihr Lebensstil war für ihre Zeit unkonventionell und selbstbestimmt. In ihren Romanen beschrieb sie vor allem Frauenschicksale. Sie setzte sich kritisch mit der Ehe auseinander und behandelte die Sexualität der Frau offen. Bei ihrem Tod 1954 wurde ihr als erster Frau in Frankreich ein Staatsbegräbnis zuteil.


Biografie

Sidonie-Gabrielle Colette wuchs als jüngstes Kind im burgundischen Saint-Sauveur-en-Puisaye auf. Dort wurde sie am 28. Januar 1873 geboren. Ihr Vater war ein wegen einer Kriegsverletzung ausgemusterter Offizier und arbeitete als Steuereinnehmer. Anders als ihre älteren Geschwister besuchte sie keine weiterführende Schule. Gefördert wurde sie aber von ihrem literarisch interessierten Vater und vor allem von ihrer klugen Mutter. Mit dieser blieb sie bis zu deren Tod in engem Briefkontakt.

Auf einer Reise nach Paris lernte sie 1889 Henry Gauthier-Villars kennen. Er hatte sich dort bereits einen Namen als Literat und Lebemann gemacht. 1893 heiratete sie ihn. Er erkannte rasch ihr Schreibtalent, lernte sie an und nutzte sie aus. Unter seinem Pseudonym „Willy" verfasste Colette ab 1896 eine Reihe zunehmend erfolgreicher Romane. Diese erzählen in der Ich-Form und mit vielen autobiografischen Zügen das Leben einer jungen Frau: Claudine à l'École, Claudine à Paris, Claudine en Ménage und Claudine s'en va, erschienen zwischen 1900 und 1903. Bald nach dem vorerst letzten dieser Bücher ließ sie sich von ihrem untreuen Mann scheiden. Dieser sicherte sich jedoch die Autorenrechte an den Claudine-Romanen.

Nach der Scheidung lebte Colette eine Zeitlang bei Natalie Clifford Barney. Mit ihr verband sie eine kurze Liebesbeziehung, und danach blieb sie mit ihr bis zu ihrem Tod befreundet. Sie nahm Unterricht beim Pantomimen Georges Wague. Von 1906 an trat sie sechs Jahre lang mit Mimodramen auf Varietébühnen in Paris und in der Provinz auf. Häufig stand sie dabei mit Mathilde de Morny („Missy") auf der Bühne. Mit dieser hatte sie bis etwa 1912 eine Liebesbeziehung. 1907 küssten sich die beiden Frauen in einer Pantomime im Moulin Rouge auf der Bühne. Daraufhin kam es zu einem Tumult, und weitere Aufführungen wurden verboten.

Mit La Vagabonde, begonnen 1909, schilderte Colette in der Ich-Form das Leben einer enttäuschten, geschiedenen Frau und Varietékünstlerin. Der Roman kam 1910 in die engere Wahl für den Prix Goncourt. Er brachte ihr die Anerkennung als Schriftstellerin. Auch als Journalistin war sie nun gefragt und erhielt eine eigene Rubrik im Feuilleton der Pariser Tageszeitung Le Matin. Ab 1911 lebte sie mit deren Chefredakteur, dem Baron Henry de Jouvenel. Ende 1912 heiratete sie ihn; kurz zuvor war ihre Mutter gestorben. 1913 kam ihre Tochter zur Welt. Im selben Jahr verarbeitete sie ihre Variétézeit erneut in dem autobiografischen Roman L'Envers du music-hall.

Der Erste Weltkrieg bedeutete einen tiefen Einschnitt. Während Jouvenel eingezogen wurde, arbeitete Colette als Krankenschwester, zunächst in Paris, dann in einem Lazarett bei Verdun. 1915 bereiste sie als Reporterin für Le Matin das verbündete Italien. 1919 wurde sie Leiterin des literarischen Feuilletons der Zeitung. 1919/20 verfasste sie ihren bekanntesten Roman Chéri, die Geschichte einer letztlich unmöglichen Liebe zwischen einem jungen Mann und einer älteren Frau. Zu dieser Zeit hatte sie selbst ein Verhältnis mit ihrem Stiefsohn Bertrand de Jouvenel begonnen. Chéri wurde 1921 auch zum Theaterstück, in dem sie gelegentlich selbst die weibliche Hauptrolle spielte.

Inzwischen kam Colette zu gesellschaftlichen Ehren. 1920 wurde sie zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, später zu deren Offizier und Kommandeur. Ihre Ehe mit Jouvenel zerbrach 1923, als auch er sie verließ. Im selben Jahr veröffentlichte sie den Roman Le Blé en herbe. Dessen Vorabdruck in Le Matin war wegen entrüsteter Leserreaktionen abgebrochen worden. Bei der Buchausgabe nutzte sie erstmals allein den Namen Colette. 1925 lernte sie den jüngeren Perlenhändler Maurice Goudeket kennen, den sie 1935 heiratete. Ab 1939 litt sie unter einer Hüftgelenksarthrose, die sie zunehmend an ihre Wohnung fesselte. Ein autobiografischer Text von 1941 trug entsprechend den Titel De ma fenêtre.

Während der deutschen Besetzung Frankreichs gelang es ihr, die Freilassung ihres jüdischen Mannes zu erwirken und ihm beim Untertauchen zu helfen. Er wurde ab Dezember 1941 im Lager Royallieu festgehalten. Zugleich veröffentlichte sie in dieser Zeit auch in Zeitschriften der Kollaboration. Ihre Beiträge bewahrten dabei stets einen unpolitischen Ton und behandelten unverfängliche Themen wie Kochen und Mode. 1944 erzielte sie mit dem kurzen Roman Gigi einen ihrer größten Erfolge. Das Buch wurde 1958 zur Vorlage des gleichnamigen Hollywood-Musicalfilms, der neun Oscars gewann.

In ihren letzten Jahren wurde Colette zur gefeierten großen Dame der französischen Literatur. 1945 wurde sie als zweite Frau in die Académie Goncourt gewählt, 1949 deren Vorsitzende. Ihr 80. Geburtstag 1953 wurde als nationales Ereignis begangen. Als sie am 3. August 1954 in Paris starb, erhielt sie als erste Frau in Frankreich ein Staatsbegräbnis.


Literarische Merkmale

Frauenschicksale standen im Mittelpunkt ihrer Romane. Colette verstand es, sie psychologisch einfühlsam und lebensnah zu schildern. Ihr eigener unkonventioneller Lebensweg schlug sich unmittelbar in ihrem Werk nieder. Immer wieder setzte sie sich kritisch mit der Ehe auseinander und behandelte die Sexualität der Frau, ohne sie zu tabuisieren. Auffällig oft schrieb sie aus der Ich-Perspektive und arbeitete autobiografische Erfahrungen in ihre Geschichten ein – von den frühen Claudine-Romanen über La Vagabonde bis zu den Variété-Büchern.

Wiederkehrend ist bei ihr das Thema der Liebe zwischen den Generationen, etwa in Chéri oder in Le Blé en herbe, das um die sexuelle Initiation eines Jugendlichen durch eine ältere Frau kreist. Mit Le Pur et l'Impur von 1932 wollte sie zu Marcel Prousts Sodome et Gomorrhe ein Gegenstück aus weiblicher Sicht schaffen. Ihrer naturverbundenen Mutter setzte sie in den Romanen La Maison de Claudine und Sido ein Denkmal. Das ist ein Zeichen für die enge Verbindung von gelebter Erfahrung und Erzählung, die ihr Werk insgesamt prägt.


Rezeption

Hochgeschätzt war Colette schon zu Lebzeiten – von vielen Lesern ebenso wie von Autorenkollegen. Von der universitären Literaturkritik wurde sie dagegen lange Zeit unterschätzt. Ihre öffentliche Anerkennung wuchs dagegen stetig. 1910 brachte ihr La Vagabonde die engere Wahl für den Prix Goncourt und die Geltung als Schriftstellerin ein. Später folgten zahlreiche Ehrungen.

Sie wurde zum Ritter, Offizier und Kommandeur der Ehrenlegion ernannt und 1953 zum Grand Officier. Im selben Jahr wurde sie als auswärtiges Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Letters gewählt. 1945 nahm die Académie Goncourt sie als zweite Frau in ihren Kreis auf, 1949 stand sie ihr vor. Die Académie française konnte sich dagegen nicht zu ihrer Aufnahme entschließen. Von 1948 bis 1950 erschien eine fünfzehnbändige Gesamtausgabe ihrer Werke.

Ihre Wirkung reicht weit über die Bücher hinaus. Zahlreiche ihrer Romane wurden verfilmt. Gigi wurde 1958 zum vielfach preisgekrönten Hollywood-Musical und kam 1973 auch auf die Bühne des Broadway. Mehrere Filme zeichneten ihr Leben nach. Ihr 80. Geburtstag wurde als nationales Ereignis gefeiert. Ihr Staatsbegräbnis 1954 unterstrich den Rang, den sie in der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts erreicht hatte.

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