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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Samuel Taylor Coleridge
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Porträt Samuel Taylor Coleridge
Samuel Taylor Coleridge
1772 – 1834
– Autorenporträt –

Samuel Taylor Coleridge

1772 – 1834 · 61 Jahre

Mitbegründer der englischen Romantik, Verfasser des "Alten Seemanns" und Schöpfer der Formel von der willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit.

Kurzporträt

Samuel Taylor Coleridge (1772–1834) zählt zu den Begründern der englischen Romantik. Gemeinsam mit William Wordsworth und Robert Southey gehörte er dem Kreis der Lake Poets an. Der mit Wordsworth herausgegebene Band Lyrical Ballads von 1798 gilt nach traditioneller Auffassung als Geburtsstunde dieser literarischen Bewegung. Sein berühmtestes Gedicht, die Ballade The Rime of the Ancient Mariner (deutsch Der alte Seemann), erschien in dieser Sammlung. Coleridge war zugleich Dichter, Kritiker und Philosoph. Auf ihn geht die einflussreiche Formel von der "willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit" zurück.


Biografie

Geboren wurde Samuel Taylor Coleridge am 21. Oktober 1772 als Sohn eines Pfarrers in Ottery St Mary in der Grafschaft Devon. In den Quellen schwankt die Schreibweise des Geburtsorts geringfügig: Wikidata führt ihn als "Ottery St Mary", die Deutsche Biographie als "Ottery Saint Mary". Gemeint ist derselbe Ort. Nach dem Tod des Vaters 1781 kam Coleridge auf das Londoner Internat Christ's Hospital. Dort gehörten Leigh Hunt und Charles Lamb zu seinen Mitschülern. Er galt als sehr guter Schüler. Um 1791 begann er, gegen rheumatische Beschwerden die Opiumtinktur Laudanum einzunehmen, damals ein verbreitetes Schmerzmittel. Das war der Beginn einer späteren Abhängigkeit.

Im selben Jahr ging Coleridge nach Cambridge und studierte am Jesus College. Da er hohe Schulden anhäufte, wurde er 1793 exmatrikuliert und meldete sich freiwillig zur Armee. Seine Familie holte ihn jedoch nach Cambridge zurück. 1794 lernte er Robert Southey kennen. Gemeinsam ersannen die beiden das idealistische Projekt der "Pantisocracy", einer in Pennsylvania geplanten Kommune, aus der nichts wurde. 1795 heirateten Southey und Edith Fricker, im selben Jahr Coleridge deren Schwester Sarah Fricker. 1796 erschien sein erster Gedichtband Poems on Various Subjects. Im September wurde sein Sohn David Hartley geboren.

Im Dezember 1796 zog die Familie nach Nether Stowey in Somerset. Kurz darauf siedelten William Wordsworth und seine Schwester Dorothy ins benachbarte Alfoxden über. Coleridge hatte Wordsworth bereits 1795 kennengelernt. Die literarische Partnerschaft mit ihm gilt allgemein als Initialzündung der englischen Romantik. 1798 erschien der gemeinsame Band Lyrical Ballads mit The Rime of the Ancient Mariner. Um diese Zeit entstanden auch die Schauerballade Christabel und das angeblich unter Opiumeinfluss niedergeschriebene Fragment Kublai Khan. Dessen Schauplatz, der entrückte Ort Xanadu, stellt dem Kunstschönen die unergründliche, gefährliche Naturschönheit gegenüber.

1798 reiste Coleridge mit den Wordsworths nach Deutschland. Dort beschäftigte er sich eingehend mit deutscher Literatur und Philosophie – mit August Wilhelm Schlegel, Friedrich Schelling, Immanuel Kant, Lessing und Schiller. Nach der Rückkehr übersetzte er einen Teil von Schillers Wallenstein-Trilogie ins Englische und plante eine Lessing-Biographie. 1800 zog die Familie nach Keswick im Lake District, in die Nähe der Wordsworths. Gesundheitliche und eheliche Probleme verschärften die Opiumsucht, während die literarische Produktion stockte. 1804 nahm Coleridge eine Stelle bei der britischen Zivilverwaltung in Malta an und bereiste anschließend Italien. Nach seiner Rückkehr im August 1806 trennte er sich von seiner Frau und wohnte eine Zeit lang bei den Wordsworths.

1808 hielt er am Royal Institute in London seine erste Vortragsreihe unter dem Titel "On Poetry and the Principles of Taste". Coleridge war auch ein ausgezeichneter Redner. Besondere Bedeutung kommt seinen Vorlesungen über Shakespeare zu. Politisch wandelte er sich zum Konservativen und unterstützte in Zeitungsartikeln die Regierungslinie. 1810 zerstritt er sich mit Wordsworth. 1813 erlitt er einen körperlichen wie geistigen Zusammenbruch, von dem er sich nur langsam erholte. 1816 übersiedelte er nach Highgate bei London in das Haus des Arztes James Gillman, wo er bis zu seinem Tod lebte. 1817 erschien die Biographia Literaria, eine Mischung aus autobiographischen und literaturtheoretischen Texten. Sie gilt heute als das wichtigste theoretische Zeugnis der englischen Romantik. In den folgenden Jahren veröffentlichte Coleridge vor allem gesellschaftstheoretische und philosophische Schriften. Im Lauf der 1820er Jahre versöhnte er sich mit Wordsworth. 1828 reisten beide noch einmal nach Deutschland, wo Coleridge Friedrich Schlegel begegnete. Am 25. Juli 1834 starb er in Highgate an Herzversagen.


Literarische Merkmale

Coleridges Dichtung verbindet balladeskes Erzählen mit visionärer, oft schauerlich getönter Bildwelt. Schon The Rime of the Ancient Mariner prägte zahlreiche Wendungen, die im Englischen sprichwörtlich wurden. Die Schauerballade Christabel wie das Fragment Kublai Khan rücken das Geheimnisvolle, Traumhafte und Unergründliche in den Mittelpunkt. Charakteristisch ist die Spannung zwischen dem Kunstschönen und einer wilden, bedrohten Naturschönheit. In Kublai Khan wird sie am Bild des heiligen Flusses Alph und seiner Quelle ausgetragen. Dieses Bild verweist zugleich auf die dichterische Imagination selbst, deren Versiegen Coleridge auch in sich selbst immer wieder fürchtet.

Neben dem Dichter steht der scharfsinnige Theoretiker und Redner. In seinen Londoner Vortragsreihen, besonders in den Shakespeare-Vorlesungen, entwickelte er eine eigene Poetik. In der Biographia Literaria von 1817 verschränkte er Autobiographie und Literaturtheorie. Auf ihn geht die berühmte Formel von der "willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit" (suspension of disbelief) zurück. Mit ihr beschreibt er, wie der Leser sich auf das Phantastische einer Dichtung einlässt. Sein Denken ist tief geprägt von der Auseinandersetzung mit der deutschen Literatur und Philosophie – mit Kant, Schelling, Lessing, Schiller und den Brüdern Schlegel. Das grundiert seine Schriften unter den englischen Romantikern besonders philosophisch.


Rezeption

Die Lyrical Ballads von 1798, in denen The Rime of the Ancient Mariner erschien, gelten nach traditioneller Auffassung als Geburtsstunde der englischen Romantik. Die literarische Partnerschaft mit Wordsworth wird gemeinhin als Initialzündung dieser Bewegung beschrieben. Coleridges Ballade ist sein bekanntestes Werk geblieben, und ihre Wendungen sind im Englischen sprichwörtlich geworden. Auch als Redner fand er rasch ein großes Publikum. Seine Vorträge zogen viele Zuhörer an, besonders die Shakespeare-Vorlesungen sind als bedeutend in Erinnerung geblieben.

Seine 1817 erschienene Biographia Literaria gilt heute als das wichtigste theoretische Zeugnis der englischen Romantik. Mit ihr und der Formel von der "willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit" wirkt Coleridge bis in die moderne Literaturtheorie nach. Sein Einfluss reicht zudem in die deutsch-englischen Literaturbeziehungen hinein. Er übersetzte Teile von Schillers Wallenstein-Trilogie und vermittelte die deutsche Philosophie in den englischsprachigen Raum. Die Deutsche Biographie verzeichnet ihn unter zahlreichen Namensformen, darunter russische und japanische Transliterationen. Damit dokumentiert sie eine internationale Wirkungsgeschichte, die weit über den englischen Sprachraum hinausreicht.

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