1914 – 1984
Julio Cortázar
Kurzbiografie↑
Julio Cortázar zählt zu den bekanntesten Autoren der phantastischen Literatur in spanischer Sprache. Er wurde 1914 in Belgien geboren und wuchs in einem Vorort von Buenos Aires auf. 1951 verließ er Argentinien und lebte bis zu seinem Tod 1984 in Frankreich. Berühmt wurde er vor allem durch seine Kurzgeschichten und durch den Roman Rayuela, der 1963 erschien und zu den Auslösern des lateinamerikanischen Booms gehörte. Kennzeichnend für seine Texte ist, dass der gewöhnliche Alltag unversehens ins Unheimliche und Wunderbare hinübergleitet.
Biografie↑
Geboren wurde Julio Florencio Cortázar am 26. August 1914. Der Geburtsort wird unterschiedlich angegeben: Wikidata nennt Brüssel, die Deutsche Nationalbibliothek dagegen Ixelles, eine Gemeinde im Brüsseler Stadtgebiet. Sein Vater war Argentinier und arbeitete als Handelsattaché an der argentinischen Botschaft in Brüssel; die Stadt war zu diesem Zeitpunkt von deutschen Truppen besetzt.
Die Familie verließ Belgien 1916 und zog zunächst in die Schweiz, danach nach Barcelona. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kehrte sie nach Argentinien zurück. Cortázar war damals vier Jahre alt. Aufgewachsen ist er in einem Vorort von Buenos Aires. Seine langjährige Lebensgefährtin Ugnė Karvelis hat die Atmosphäre dieser Kindheitsjahre später als prägend für viele seiner Erzählungen bezeichnet.
Cortázar studierte an der Universidad de Buenos Aires. 1937 trat er eine Stelle als Lehrer in einer Kleinstadt der Provinz Buenos Aires an. Mitte der 1940er Jahre wurde er Professor für französische Literatur an der Universität Cuyo in Mendoza. 1951 emigrierte er nach Frankreich. Der Grund war seine Gegnerschaft zum Regime Juan Peróns. In Frankreich blieb er bis zu seinem Tod.
Ab 1952 arbeitete Cortázar als Übersetzer für die UNESCO. Er übertrug unter anderem Robinson Crusoe und die Erzählungen Edgar Allan Poes ins Spanische. Poes Einfluss ist auch in seinem eigenen Werk spürbar.
In seinen späten Jahren änderte sich Cortázars politische Haltung. Er wandte sich dem Sozialismus zu und engagierte sich in linksgerichteten Gruppierungen Südamerikas. Die kubanische Revolution unterstützte er ebenso wie später die sandinistische Regierung in Nicaragua, wohin er im Oktober 1979 reiste. Einige seiner Texte wurden dort bei der Alphabetisierungskampagne eingesetzt. Am 24. Juni 1981 erhielt er durch ein Dekret der Regierung von François Mitterrand die französische Staatsbürgerschaft.
Cortázar war zweimal verheiratet. Von 1953 bis 1967 lebte er mit der argentinischen Übersetzerin Aurora Bernárdez zusammen. Von 1967 bis 1979 war er mit der litauischen Schriftstellerin und Übersetzerin Ugnė Karvelis (1935–2002) liiert, die in den 1990er Jahren Litauen bei der UNESCO vertrat; ob die Verbindung förmlich als Ehe geschlossen wurde, ist in den Quellen umstritten. Seine zweite Ehefrau war die Kanadierin Carol Dunlop (1946–1982); die Ehe bestand von 1979 bis zu ihrem Tod.
Julio Cortázar starb am 12. Februar 1984 in Paris an Leukämie. Umstritten ist die eigentliche Todesursache: Es wurde auch angenommen, dass eine Bluttransfusion aus der Zeit vor der Identifizierung des HI-Virus zu einer AIDS-Erkrankung geführt haben könnte.
Literarische Merkmale↑
Bekannt wurde Cortázar vor allem als Verfasser von Kurzgeschichten, insbesondere solcher des phantastischen Genres. Dazu zählen die Sammlungen Bestiario von 1951 und Final de Juego von 1956 sowie einzelne Erzählungen wie Axolotl, Die Nacht auf dem Rücken und Das besetzte Haus. Daneben schrieb er Romane, von denen einige große Bedeutung für die spanischsprachige Literatur des 20. Jahrhunderts erlangten: Rayuela von 1963 und Libro de Manuel von 1973. Auch Theaterstücke, Gedichte und Tangos stammen von ihm, doch damit hatte er weit weniger Erfolg.
Als seine Stärken gelten ein reizvoller und respektloser Humor, große technische Fertigkeit, ein poetischer und neuartiger Sprachgebrauch sowie die sorgfältig ausbalancierte Entwicklung des Unheimlichen in den Kurzgeschichten. Das Spielerische und den Humor hat Cortázar selbst als Grundmotiv seines Schreibens verstanden.
Die Spannung seiner Erzählungen entsteht nicht aus Action oder einer Kriminalhandlung. Sie folgt vielmehr dem Verlauf von Krisen, die sich immer weiter zuspitzen und den Leser dabei in das Geschehen hineinziehen. Situationen des modernen Alltags schildert Cortázar präzise und plastisch, ohne ins Triviale abzugleiten. Umgekehrt wurde ihm verschiedentlich vorgeworfen, elitär und hermetisch zu schreiben. Beschrieben wurde sein Verfahren als eine „Mischung aus Alltags- und literarischer Sprache, die uns vor Uhrwerke von Armbanduhren stellt, in von Touristen überfüllte Hotels, und uns mit dem konfrontiert, was einem durch den Kopf geht, während man in einem ewigen Stau auf der Autobahn steht."
Kennzeichnend ist, dass die Wirklichkeit des Alltags zwanglos in die Wirklichkeit des Phantastischen hinübergleitet. Es ist, als gäben die alltäglichen Verhältnisse „einem verborgenen Druck“ nach, „der sie zum Wunderbaren treibt und sie, ohne sie voll einstürzen zu lassen, in einer Art gespanntem, verwirrenden Zwischenbereich schweben lässt, in dem das Wirkliche und das Phantastische sich überlagern, ohne sich zu vermischen." Für Cortázar ist das Wirkliche nicht eindimensional, sondern „porös und flexibel“. Das Phantastische ergibt sich aus der Weigerung, die bestehenden Verhältnisse als gottgegeben und unveränderlich hinzunehmen. Weil seine Texte die Grenzen zwischen Realität und Fiktion ausloten, werden sie mit dem Surrealismus in Verbindung gebracht. Cortázar selbst erklärte in seiner Tunnel-Theorie, er verwende lediglich einzelne surrealistische Elemente, um die Grenzen der alltäglichen Realität zu sprengen.
Rezeption↑
Neben Jorge Luis Borges gilt Cortázar als einer der bedeutendsten Autoren der phantastischen Literatur. Sein Roman Rayuela gehörte zu den Auslösern des lateinamerikanischen Booms und trug damit wesentlich dazu bei, dass die Literatur des Kontinents weltweit Aufmerksamkeit fand. Der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa bezeichnete ihn als Vorbild und Mentor.
Nicht alle Urteile fielen zustimmend aus. Wiederholt wurde Cortázar ein elitärer und hermetischer Schreibstil vorgeworfen. Seine Theaterstücke, Gedichte und Tangos blieben ohne vergleichbaren Erfolg.
Seit 1986 gibt der spanische Verlag Alfaguara eine Gesamtausgabe seiner Werke heraus. In dieser Biblioteca Cortázar erschienen auch bis dahin unveröffentlichte Texte wie El Examen und Divertimento.
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