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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Rayuela
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Cover Rayuela
Rayuela
1963
– Werkseintrag –

Rayuela

1963 · Roman

Ein Roman, der wie das Kinderspiel Himmel und Hölle funktioniert: Der Leser darf von Kapitel zu Kapitel springen und entscheidet selbst, welchen Weg er durch die Geschichte eines argentinischen Bohémiens in Paris nimmt.

Überblick↑

Der Roman Rayuela von Julio Cortázar (1914–1984) erschien erstmals 1963. Auf Deutsch kam er 1981 bei Suhrkamp unter dem Titel Rayuela: Himmel-und-Hölle heraus. Das Buch ist ein literarisches Experiment in der Tradition des Nouveau Roman und zählt zu den wichtigsten spanischsprachigen Romanen des 20. Jahrhunderts. Der spanische Titel bezeichnet das Kinderspiel Himmel und Hölle, bei dem man von Feld zu Feld hüpft. Genau so darf auch der Leser durch dieses Buch springen: Cortázar schlägt zwei verschiedene Lesewege vor.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Horacio Oliveira, ein Bohémien mit eher intellektuellen als künstlerischen Neigungen. Er stammt aus Buenos Aires, lebt aber in Paris und hält sich mit Gelegenheitsjobs und Überweisungen seines Bruders über Wasser. An seiner Seite ist seine Geliebte Lucía, die alle nur „die Maga“ nennen, die Zauberin. Sie kommt aus Montevideo und ist in fast allem sein Gegenbild: wenig gebildet, spontan, ihrem eigenen Urteil vertrauend. Sie scheint ganz selbstverständlich mit der Welt im Einklang zu leben, während Horacio um genau diesen Zustand vergeblich ringt.

Um die beiden versammelt sich der „Club de la serpiente“, der Klub der Schlange: eher erfolglose Musiker und bildende Künstler. Man hört gemeinsam Jazzplatten, diskutiert über Kunst und über metaphysische Fragen. Vor allem aber verehrt man die Schriften eines Mannes, von dem man nur den Nachnamen erfährt: Morelli.

Der zweite Teil führt nach Buenos Aires. Dort trifft Horacio seinen alten Freund Traveler wieder, der seit Jahren mit der Apothekerin Atalía verheiratet ist, genannt Talita. Talita steht mit beiden Beinen auf dem Boden und ist der Maga eigentlich gar nicht ähnlich, und doch erinnert sie Horacio unablässig an sie. Von da an beginnen für ihn die Grenzen zwischen den Menschen zu verschwimmen.

Das Buch besteht aus drei Teilen. Der erste spielt in Paris, der zweite in Buenos Aires, der dritte trägt den Titel „Von anderswo“ und versammelt die sogenannten entbehrlichen Kapitel. Wer nur die ersten beiden Teile liest, hat einen vollständigen Roman gelesen. Wer dem zweiten Leseweg folgt, springt nach jedem Kapitel dorthin, wo der Autor ihn hinschickt.

Die Handlung im Detail↑

Der erste Teil spielt in Paris. Horacio Oliveira lebt dort mit der Maga zusammen, in einem Zimmer von vierzehn Quadratmetern, das die beiden zuletzt noch mit ihrem kranken Kleinkind teilen. Es kommt zum Bruch zwischen ihnen. Ob Dritte daran einen Anteil haben, bleibt offen. Die Maga wirft Horacio aus der gemeinsamen Wohnung.

In der folgenden Nacht findet sich der gesamte Klub der Schlange in diesem Zimmer ein, Oliveira eingeschlossen, jeder aus einem anderen Grund. Nach mehreren Stunden entdeckt die Maga, was alle anderen längst bemerkt haben: Ihr Sohn ist gestorben. Nach der Beerdigung verschwindet sie spurlos, und niemand weiß wohin. Oliveira beginnt, sie wie besessen zu suchen, und vermutet, sie habe sich in die Seine gestürzt. Was tatsächlich geschehen ist, erfährt der Leser an keiner Stelle. Horacio hat nun kein Dach mehr über dem Kopf. Er freundet sich mit Obdachlosen an, hat in aller Öffentlichkeit Sex mit einer Clocharde und wird daraufhin ausgewiesen.

Der zweite Teil spielt in Buenos Aires. Dort lebt Oliveiras alter Freund Traveler mit seiner Frau Talita. Je länger Horacio die beiden beobachtet, desto weniger kann er die Menschen auseinanderhalten. Talita wird ihm zur Wiedergängerin der Maga, und in Traveler sieht er seinen Doppelgänger, wie er ihn manchmal auch nennt. Bemerkenswert ist, dass Cortázar dafür das deutsche Wort verwendet. Auch Traveler und Talita spüren, dass die Grenzen verschwimmen. Sie wissen nicht recht, was da eigentlich geschieht, können aber immerhin miteinander darüber sprechen, während Oliveira sich immer tiefer in seine Wahnvorstellungen verstrickt. Allein ist er dabei nicht: Gekrepten, die Frau, die er einst zurückgelassen hatte, bemächtigt sich seiner nach der Rückkehr aus Paris ohne jeden Widerstand, obwohl er sie aus tiefstem Herzen verachtet.

Eine Szene sticht heraus und gilt als Schlüsselszene des Romans. Talita balanciert drei Stockwerke über der Straße auf einer aus Brettern improvisierten Brücke, um Horacio ein paar Kleinigkeiten aus ihrem Haushalt hinüberzureichen.

Traveler verschafft Horacio danach eine Stelle bei dem Zirkus, in dem er und Talita seit Jahren arbeiten. Doch die Tage des Zirkus sind gezählt. Der Direktor verkauft ihn und erwirbt dafür eine Irrenanstalt, in der die frühere Zirkusbelegschaft Arbeit findet. In einer Nacht verliert Horacio vollends den Bezug zur Wirklichkeit. Er hält Traveler für seinen Todfeind und baut sein Zimmer mit Hilfe eines Patienten zu einer bizarren Festung aus Fäden und Kugellagern um. Am Ende denkt er darüber nach, sich aus dem Fenster zu stürzen. Der Roman schließt offen.

Der dritte Teil umfasst die Kapitel 57 bis 155 und trägt den Titel „Von anderswo“. Er enthält die entbehrlichen Kapitel, eine bunte Mischung sehr verschiedener Texte: weitere Romankapitel, innere Monologe, Zeitungsartikel, Zitate und Pseudozitate. Einen großen Raum nehmen die Notizen des erfundenen Schriftstellers Morelli ein, den der Klub der Schlange wie einen Guru verehrt. Ihm werden zugleich jene Überlegungen zugeschrieben, die zur Bauweise von Rayuela selbst geführt haben. Morellis poetologische Gedanken aus dem 62. Kapitel versuchte Cortázar in seinem nächsten Roman 62/Modellbaukasten umzusetzen.

Stil↑

Ungewöhnlich an diesem Buch ist vor allem seine Bauweise. Cortázar schlägt dem Leser zwei Lesarten vor. Die erste verläuft schlicht von Kapitel 1 bis 56, umfasst also die beiden ersten Teile. Die zweite beginnt mitten im dritten Teil, nämlich bei Kapitel 73, und wird jeweils mit jenem Kapitel fortgesetzt, dessen Nummer am Ende in Klammern angegeben ist. Die Kapitel der ersten beiden Teile kommen dabei in derselben Reihenfolge vor wie beim linearen Lesen. Nur Kapitel 55 fällt weg und wird durch andere ersetzt. Dazwischen geschoben sind die entbehrlichen Kapitel, die mal mehr, mal weniger erhellend sind.

Der Titel verweist auf das Hüpfspiel Himmel und Hölle, und genau ein solches Springen von Feld zu Feld verlangt der Roman seinem Leser ab. Dieser soll nicht bloß aufnehmen, was ihm vorgesetzt wird, sondern aktiv lesen und gewissermaßen zum Komplizen des Autors werden. Genau das ist der Gedanke, den Cortázar dem erfundenen Schriftsteller Morelli in den Mund legt.

Auch sonst mischt das Buch die Formen. Neben erzählte Kapitel treten innere Monologe, Zeitungsausschnitte, echte Zitate und erfundene. Gattungsmäßig wird das Werk dem Antiroman zugeordnet und steht in der Tradition des Nouveau Roman. Bezeichnend ist schließlich, dass Cortázar für Oliveiras Wahnvorstellung ausgerechnet das deutsche Wort „Doppelgänger“ verwendet.

Rezeption↑

Als Cortázars Meisterwerk gilt der Roman bis heute. Er wird zu den wichtigsten spanischsprachigen Romanen des 20. Jahrhunderts gezählt. Unter den lateinamerikanischen Schriftstellern seiner Zeit fand er große Bewunderung, unter anderem bei Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa und José Lezama Lima. Eine deutsche Übersetzung erschien erst 1981 bei Suhrkamp unter dem Titel Rayuela: Himmel-und-Hölle.

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