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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Rashomon
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Cover Rashomon
Rashomon
1915
– Werkseintrag –

Rashomon

1915 · Novelle

Ein entlassener Diener sucht im verfallenen Stadttor von Kyōto Unterschlupf und trifft dort auf eine alte Frau, die zwischen den Toten einem seltsamen Geschäft nachgeht.

Überblick↑

Die Novelle Rashomon von Akutagawa Ryūnosuke erschien 1915. Sie spielt im Kyōto des 12. Jahrhunderts und handelt von einem entlassenen Dienstmann, der unter dem verfallenen Stadttor Rashōmon Zuflucht sucht. Den Kern der Geschichte entnahm der Autor einer Geschichtensammlung aus dem 12. Jahrhundert, dem Konjaku Monogatarishū. Bekannt wurde der Titel weit über Japan hinaus durch Akira Kurosawas Film von 1950, der auf Deutsch Rashomon – Das Lustwäldchen heißt. Dort dient das Tor allerdings nur als Ausgangsort für eine andere Handlung.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Kyōto des 12. Jahrhunderts steht weit im Süden der Stadt das große Tor Rashōmon, verlassen und verfallen. Die Stadt ist nie ganz fertig geworden und hat ihre Glanzzeit längst hinter sich. Die Familien sind verarmt.

Unter diesem Tor wartet der Diener eines Samurai darauf, dass der Regen aufhört. Auch er ist gerade entlassen worden. Er denkt über sein Unglück nach und erwägt, künftig als Dieb zu leben. Er verwirft den Gedanken und fasst ihn wieder. Schließlich beschließt er, in dem alten Holzbau zu übernachten.

Als er nach oben klettert, um eine geeignete Ecke zu suchen, sieht er dort Licht und bemerkt eine Bewegung. Im Obergeschoss liegen Leichen herum, wie er es aus Gerüchten kannte. Zwischen ihnen entdeckt er eine alte Frau, die sich mit einer Fackel über eine Tote beugt. Was sie dort tut und wie sie es rechtfertigt, stellt den Mann vor eine Entscheidung, die er den ganzen Abend vor sich hergeschoben hat.

Die Handlung im Detail↑

Der Schauplatz ist das Kyōto des 12. Jahrhunderts. Weit im Süden steht das große Stadttor Rashōmon verlassen da. Ein Diener eines Samurai hat darunter Schutz gesucht und wartet das Ende des Regens ab. Die Stadt hat ihre besten Zeiten hinter sich, die Familien sind verarmt, und der Mann selbst wurde gerade aus dem Dienst entlassen. Er sinniert über sein Missgeschick. Der Gedanke, als Dieb zu leben, kommt ihm, er verwirft ihn und kommt doch wieder darauf zurück. Am Ende entschließt er sich, in dem alten Holzbau die Nacht zu verbringen.

Beim Hochklettern bemerkt er, dass sich oben etwas bewegt, und er sieht Licht. Wie aus Gerüchten bekannt, liegen im Obergeschoss Leichen herum. Zählen kann er sie nicht. Manche sind nackt, manche bekleidet. Der Gestank zwingt ihn, sich die Nase zuzuhalten. Dann erkennt er eine gespenstische Gestalt, die sich über einen Toten beugt. Es ist eine alte Frau mit einer Fackel in der Hand, und sie schneidet einer Leiche die Haare ab. Seine Angst weicht, an ihre Stelle tritt Hass auf die Frau und ihr Tun.

Er richtet sich auf, legt eine Hand ans Schwert und wendet sich ihr zu. Sie erschrickt und will fliehen, doch er hält sie fest. Er sei nicht von der Polizei, sagt er, aber sie müsse ihm sagen, was sie hier treibe. Die Frau antwortet, sie ziehe die Haare aus, um daraus Perücken zu machen. Sie räumt ein, dass das als böses Übel erscheine. Doch die Tote, deren schönes schwarzes Haar sie gerade nehme, habe sie gekannt: Diese habe Schlangenfleisch betrügerisch als Fischfleisch verkauft, und die Kunden hätten es sogar gelobt. Nun sei sie tot.

Während er ihr zuhört, verlieren seine Überlegungen ihr Gewicht, ob er lieber verhungern oder zum Dieb werden solle. Im Handgemenge reißt er ihr die Kleider vom Leib und verschwindet mit der Beute. Die Frau erhebt sich mit ihren kurzen weißen Haaren, stöhnt und flucht, kriecht zur Treppe und blickt im Fackellicht nach unten, wo nur Dunkelheit ist. Der letzte Satz der Novelle lautet: „Niemand weiß, wohin der Diener gegangen ist.“

Stil↑

Knapp und ohne Ausschmückung führt die Novelle ihre Figuren vor. Zunächst wird der Schauplatz umrissen: das verfallene Tor, die verarmte Stadt, der Regen. Erst dann setzt die eigentliche Begegnung ein. Der Autor greift auf einen alten Stoff zurück und verlegt ihn in eine genau bestimmte Zeit, das Kyōto des 12. Jahrhunderts.

Auffällig ist, wie das Innenleben des Mannes ohne Umschweife benannt wird. Sein Schwanken zwischen Verhungern und Diebstahl kehrt mehrfach wieder und treibt die Handlung voran. Die Rede der alten Frau steht als geschlossene Rechtfertigung im Zentrum. Der Schlusssatz verweigert jede Auskunft über den weiteren Weg der Hauptfigur und lässt die Geschichte offen enden.

Rezeption↑

Weltweit bekannt wurde der Name Rashōmon durch Akira Kurosawas Film von 1950, der im Deutschen den Titel Rashomon – Das Lustwäldchen trägt. Das Stadttor gab dem Film den Namen, dient dort aber nur als Ausgangsort einer anderen Handlung. Martin Ritt verfilmte den Stoff 1964 unter dem Titel Carrasco, der Schänder.

Auf Deutsch erschien die Novelle in einer von Jürgen Berndt herausgegebenen und übersetzten Auswahl unter dem Titel Rashomon. Ausgewählte Erzählungen. Diese Ausgabe kam 1964 im Verlag Volk und Wissen heraus und wurde 2001 bei Luchterhand neu aufgelegt.

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