1788 – 1824
George Gordon Byron
Kurzbiografie↑
George Gordon Byron, 6. Baron Byron, wurde am 22. Januar 1788 geboren und starb am 19. April 1824 in Messolongi. Er gilt als einer der wesentlichen Vertreter der englischen Romantik. Bekannt wurde er als Lord Byron: als Dichter, als Dandy und als Skandalfigur der Londoner Gesellschaft. Mit den ersten Gesängen seines Versepos Childe Harold's Pilgrimage wurde er 1812 über Nacht berühmt. Sein Leben verband leidenschaftliche Liebschaften, gesellschaftliche Eklats und politisches Engagement. Dieses Engagement reichte bis zum Freiheitskampf der Griechen, in dem er sein Ende fand.
Biografie↑
Byron war ein Enkel des Südseeforschers und britischen Admirals John Byron. Sein Vater, der Gardehauptmann John „Mad Jack“ Byron, starb bereits 1791. Die frühe Kindheit verbrachte Byron im schottischen Aberdeen bei seiner Mutter Catherine Gordon of Gight, einer schottischen Adligen. Geprägt wurde er auch vom calvinistischen Glauben seines Kindermädchens May Grey. Byron war gutaussehend, vermögend und gehörte dem englischen Hochadel an. Zeitlebens litt er aber unter einem Klumpfuß. Diesen empfand er als entwürdigende Missbildung, und er schloss ihn etwa vom Tanzen aus. Über den Geburtsort gibt es widersprüchliche Angaben: Die Deutsche Biographie gibt London an, Wikidata verzeichnet genauer die City of Westminster.
Mit dem Tod seines Großonkels William erbte Byron 1798 im Alter von zehn Jahren den Adelstitel Baron Byron. Dazu kam das heruntergewirtschaftete Anwesen Newstead Abbey. Ab 1801 besuchte er die Harrow School, 1805 trat er ins Trinity College in Cambridge ein. Dort verliebte er sich in den jüngeren Chorsänger John Edleston. Er liebte ihn, wie er 1807 schrieb, mehr als irgendein anderes menschliches Wesen. Byron unterhielt zeit seines Lebens sowohl heterosexuelle als auch homosexuelle Beziehungen. In England musste er sehr vorsichtig sein, denn auf homosexuellen Geschlechtsverkehr stand die Todesstrafe.
1808 nahm Byron nach Erreichen der Volljährigkeit seinen Sitz im House of Lords ein. 1809 brach er zu einer großen Reise in den Mittelmeerraum auf. Sie führte ihn über Lissabon nach Spanien, Malta, Albanien, Griechenland und an die Küste Kleinasiens. Ein Grund war auch, dass der Osten toleranter mit homosexuellen Beziehungen umging. Aus Patras berichtete er 1810 von einer großen Anzahl befriedigender Erlebnisse. Nach seiner Rückkehr 1811 erfuhr er vom frühen Tod John Edlestons. Der Schock stürzte ihn in einen apathischen Zustand. In dieser Zeit schrieb er eine Reihe von Elegien, in denen er Edleston hinter dem Namen „Thyrza“ verbarg. Sechs davon erschienen als Anhang zu den ersten Auflagen von Childe Harold's Pilgrimage.
1812 wurde Byron durch die Publikation der ersten beiden Gesänge dieses Versepos schlagartig berühmt – „I woke up one morning and found myself famous“. Im selben Jahr löste er mit dem offenen Verhältnis zur verheirateten Lady Caroline Lamb einen Skandal aus. Dieser prägte seinen Ruf als „Mann von zweifelhafter Moral“. Lady Caroline nannte ihn „mad, bad and dangerous to know“. Nach der Trennung verfolgte sie ihn besessen. Ihre in einem Buch hinterlassenen Worte „Remember me!“ beantwortete Byron mit dem wütenden Gedicht Remember Thee!, das erst nach seinem Tod erschien.
1813 traf Byron in London seine Halbschwester Augusta Leigh wieder. Briefe an seine Vertraute Lady Melbourne lassen auf ein inzestuöses Verhältnis schließen. Vermutlich war Byron der Vater von Augustas im April 1814 geborener Tochter Elizabeth Medora. Er widmete seiner Halbschwester Gedichte wie Stanzas for Augusta und Epistle for Augusta. Auch in den Werken Kain und Manfred kehrt das Motiv der Geschwisterliebe wieder. Auf Anraten Lady Melbournes verlobte sich Byron mit deren Nichte Anne Isabella „Annabella“ Milbanke. Im Januar 1815 heiratete er sie in Seaham. Die Ehe war rasch zerrüttet: Annabella, eine rational veranlagte Amateur-Mathematikerin, berichtete von brutalen Wutanfällen ihres Mannes. Am 10. Dezember 1815 kam die gemeinsame Tochter Augusta Ada zur Welt, die spätere Mathematikerin Ada Lovelace. Anfang 1816 trennte sich das Paar. Annabella hielt Byron für geisteskrank, ein Arzt befand ihn aber für geistig gesund. Die skandalumwobene Trennung und Lady Carolines Andeutungen zur Homosexualität führten zur gesellschaftlichen Isolation. Am 25. April 1816 verließ Byron England auf Dauer.
Er mietete die Villa Diodati am Genfersee, wo er mit seinem Leibarzt John Polidori lebte. Dort besuchten ihn Percy Bysshe Shelley, dessen Partnerin Mary Godwin und deren Stiefschwester Claire Clairmont. Mit Claire Clairmont hatte Byron eine Affäre. Der berühmte Sommer fiel in das „Jahr ohne Sommer“, in dem die Runde verabredete, Schauergeschichten zu schreiben. Daraus entstanden Mary Shelleys Frankenstein und Polidoris The Vampyre. Im Januar 1817 wurde Byrons Tochter Allegra geboren. Sie wuchs zeitweise bei ihm auf und wurde zuletzt einem katholischen Konvent übergeben.
Im Oktober 1816 zog Byron nach Venedig. Auf der Insel San Lazzaro degli Armeni erlernte er bei Harutiun Avgerian die armenische Sprache. 1817 verkaufte er Newstead Abbey. 1819 begann seine vier Jahre währende Beziehung zur verheirateten Gräfin Teresa Guiccioli. Nach der päpstlich erlaubten Trennung folgte er ihr in die Nähe von Ravenna. 1820 schloss er sich der italienischen Freiheitsbewegung der Carbonari an, ging aber Anfang 1821 wieder auf Distanz. Als Teresas Familie aus Ravenna verbannt wurde, zog Byron auf Shelleys Vorschlag nach Pisa. Dort sammelte sich der sogenannte Pisan Circle um Byron und die Shelleys. Am 8. Juli 1822 ertrank Shelley vor der Küste. Byron ließ den Leichnam in einer besonderen Zeremonie am Strand verbrennen.
Anfang 1823 nahm Byron als Philhellene das Kommando über die freien griechischen Streitkräfte an. Ein Jahr später starb er in Messolongi an den Folgen einer Unterkühlung, geschwächt durch medizinischen Aderlass. In seinen letzten Monaten hatte er sich heftig in den jungen Griechen Lukas Chalandritsanos verliebt, der seine Liebe nicht erwiderte. Eines seiner letzten Gedichte, On this day I Complete My Thirty-Sixth Year, enthält die Zeilen „Yet, though I cannot be beloved / Still let me love!“. Sein Leichnam wurde einbalsamiert und nach England überführt. Sein Grab liegt in der Familiengruft in Hucknall bei Newstead Abbey.
Literarische Merkmale↑
Byron schrieb in einem breiten Spektrum: vom großen Versepos über Elegien und Liebesgedichte bis zum Versdrama. Berühmt wurde er mit Childe Harold's Pilgrimage, einem Versepos. Dessen erste beide Gesänge machten ihn 1812 schlagartig bekannt. Daneben verfasste er Versdramen wie Kain und Manfred. In ihnen wiederholt sich, wie in der Lyrik an seine Halbschwester, das Motiv der Geschwisterliebe.
Auffällig ist die enge Verschränkung von Leben und Werk. Persönliche Erschütterungen schlugen unmittelbar in Verse um. Den Tod John Edlestons verarbeitete Byron in einer Reihe von Elegien. Darin verbarg er die Identität des Geliebten hinter dem Decknamen „Thyrza“. Aus der Beziehung zu Augusta Leigh gingen die Stanzas for Augusta und die Epistle for Augusta hervor. Auf Lady Carolines provokantes „Remember me!“ antwortete er mit dem wütenden, verfluchenden Gedicht Remember Thee!. Und noch in den letzten Monaten in Griechenland entstand On this day I Complete My Thirty-Sixth Year. Dieses Gedicht fasst die unerwiderte Liebe zu Lukas Chalandritsanos in die viel zitierte Bitte: „Yet, though I cannot be beloved / Still let me love!“.
Sein Auftreten als Dandy, sein Ruf als „mad, bad and dangerous to know“ und die kalkulierte Pose des skandalumwitterten Aristokraten gehörten zu dieser Verbindung von Person und Werk dazu. Byron stilisierte sich selbst zum Helden seiner Dichtung. Und seine Dichtung trug die Spuren seiner Affären, Reisen und politischen Bündnisse.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten machte Childe Harold's Pilgrimage Byron 1812 über Nacht zum literarischen Star Londons und zum Salonlöwen der Gesellschaft. Sein eigener Satz, er sei eines Morgens erwacht und habe sich berühmt wiedergefunden, ist bis heute geflügeltes Wort. Ebenso prägend für sein Nachleben wurde Lady Caroline Lambs Urteil „mad, bad and dangerous to know“. Es formte den Typus des skandalumwobenen romantischen Dichters mit.
Der Skandal um seine Ehe, die Andeutungen zur Homosexualität und die Trennung von Annabella Milbanke trieben ihn 1816 ins dauerhafte Exil. Dieser Bruch isolierte ihn gesellschaftlich, machte ihn literarisch aber zur europäischen Figur. In der Villa Diodati am Genfersee gab er der Gesellschaft jenen Anstoß, aus dem Mary Shelleys Frankenstein und Polidoris The Vampyre hervorgingen, die Anfangsschriften zweier ganzer Genres.
Besonders nachhaltig wirkt Byrons Engagement für die griechische Unabhängigkeit. Wegen seines Einsatzes ist er in Griechenland bis heute bekannt und hoch angesehen. Die attische Gemeinde Vyronas entstand nach dem Griechisch-Türkischen Krieg und wurde rund hundert Jahre nach seinem Tod nach ihm benannt. In England wurde ihm erst 1969 im Poets' Corner der Westminster Abbey eine Gedenktafel gewidmet. Das war ein später Akt der offiziellen Würdigung, denn im Vereinigten Königreich hatte sein Ruf lange zwischen Bewunderung und moralischem Vorbehalt geschwankt.
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