Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Untouchable
Eingang · Werke · Untouchable
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Untouchable
1935
– Werkseintrag –

Untouchable

1935 · Roman

Ein einziger Tag im Leben eines jungen indischen Latrinenreinigers, der als „unberührbar“ gilt – und in diesem Tag zeigt sich die ganze Härte einer Ordnung, die Menschen nach Geburt sortiert.

Überblick↑

Der Roman Untouchable von Mulk Raj Anand erschien 1935 und ist auf Englisch geschrieben. Er war Anands erstes Buch und machte ihn zu einem der führenden indischen Autoren englischer Sprache. Erzählt wird ein einziger Tag im Leben Bakhas, eines jungen Latrinenreinigers, der wegen seiner Arbeit als „unberührbar“ gilt. Anregung fand Anand in der Erfahrung seiner Tante, die geächtet wurde, weil sie mit einer muslimischen Frau gegessen hatte. Das Buch führt einen Fall gegen das Kastenwesen: Es zeigt die Unberührbarkeit als unmenschliches und ungerechtes System der Unterdrückung.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Schauplatz des Romans ist die nordindische Garnisonsstadt Bulandshahr. Bakha ist der Sohn Lakhas, der allen Kehrern der Stadt vorsteht. Der junge Mann ist klug, aber unerfahren, bescheiden und zugleich eitel. Sein Tag beginnt damit, dass ihn der Vater aus dem Bett schreit: Die Latrinen sind zu reinigen.

Ein Angehöriger einer hohen Kaste, der bekannte Hockeyspieler Charat Singh, fährt ihn zunächst an, verspricht ihm dann aber ein Geschenk für später am Tag. Beschwingt eilt Bakha nach Hause. Doch im Lauf der Stunden häufen sich Kränkungen und Unglücksfälle, große wie kleine. Bakhas Schwester Sohini gerät am Brunnen zwischen die Fronten. Bakha selbst wird auf offener Straße öffentlich beschämt, weil er den vorgeschriebenen Warnruf der Unberührbaren vergessen hat.

Der Tag treibt ihn durch Tempelhof, Bettelgänge, ein Hochzeitsfest und ein Hockeyspiel. Immer wieder stößt er an die unsichtbaren Grenzen, die seine Herkunft ihm zieht. Was er erlebt, lässt ihn reifen und den Blick nach innen richten. Am Ende kreuzt sich sein Weg mit dem einer großen politischen Gestalt der Zeit, und Bakha hört Worte, die seine Lage betreffen.

Die Handlung im Detail↑

Bakhas Verhältnis zu seinem Vater ist gespannt. Der Sohn schwärmt für die Briten und gilt dem Vater als faul. Zunächst überhört Bakha das Rufen, steht dann aber doch auf, weil ein Mann hoher Kaste die Latrine benutzen will. Es ist Charat Singh, ein berühmter Hockeyspieler von unbeständigem Gemüt. Erst schimpft er über Bakhas nachlässige Arbeit, bald darauf lädt er ihn ein, später vorbeizukommen: Er wolle ihm einen wertvollen Hockeyschläger schenken. Überglücklich sagt Bakha zu.

Vor Durst vergehend beendet er rasch seine Morgenschicht und eilt heim. Im Haus ist kein Wasser. Seine Schwester Sohini bietet an, den Eimer zu füllen. Am Brunnen muss sie hinter anderen Ausgestoßenen warten. Auch Gulabo wartet dort, die Mutter eines von Bakhas Freunden, eine neidische Frau. Sie hasst Sohini und wird nur mit Mühe daran gehindert, sie zu schlagen. Da kommt Pundit Kali Nath, ein Priester des Stadttempels, und verhilft Sohini zu Wasser. Er weist sie an, später den Tempel zu reinigen. Sohini sagt zu und eilt mit dem Wasser nach Hause.

Daheim stellt sich Lakha krank und trägt Bakha auf, an seiner Stelle den Marktplatz und den Tempelhof zu kehren. Bakha durchschaut die Schliche seines Vaters, kann aber nicht widersprechen. Da ihn seine Arbeit sonst kaum in die Stadt kommen lässt, nutzt er die Gelegenheit und kauft Zigaretten und Süßigkeiten.

Während er die Süßigkeiten isst, streift ihn ein Mann hoher Kaste. Der Mann hatte ihn nicht gesehen, weil Bakha den Warnruf der Unberührbaren vergessen hatte. Er tobt. Sein Geschrei zieht eine große Menge an, die in die öffentliche Beschämung einstimmt. Ein muslimischer Händler, der mit Pferd und Wagen des Weges kommt, zerstreut die Menge. Bevor der berührte Mann geht, schlägt er Bakha für dessen Unverschämtheit ins Gesicht und eilt davon. Erschüttert weint Bakha auf der Straße, dann rafft er seine Sachen zusammen und geht zum Tempel. Diesmal vergisst er den Warnruf nicht.

Im Tempel ist ein Gottesdienst im Gange. Bakha fasziniert das, und er nimmt allen Mut zusammen, steigt die Stufen zur Tempeltür hinauf und späht hinein. Kaum steht er dort, bricht hinter ihm Lärm los. Es sind Sohini und Pundit Kali Nath, der sie beschuldigt, ihn verunreinigt zu haben. Während sich eine Menge sammelt, zieht Bakha seine Schwester fort. Weinend erzählt sie ihm, der Priester habe sich an ihr vergangen. Wütend will Bakha zurück, um den Priester zur Rede zu stellen, doch die beschämte Sohini zwingt ihn zu gehen. Er schickt sie nach Hause und übernimmt für den Rest des Tages ihre Aufgaben in der Stadt.

Verstört irrt Bakha umher, dann geht er zu einer Häuserreihe, um das tägliche Brot für die Familie zu erbetteln. Niemand ist zu Hause. Er rollt sich vor einer Tür zusammen und schläft ein. Ein Sadhu, der ebenfalls um Essen bittet, weckt ihn. Die Hausherrin tritt heraus und bringt dem Sadhu Speise. Als sie Bakha sieht, schreit sie ihn an und will ihm nichts geben. Schließlich verspricht sie ihm Brot, wenn er den Platz vor ihrem Haus fege. Während er kehrt, weist sie ihren kleinen Sohn an, sich in die Rinne zu erleichtern, die Bakha gerade säubert, damit er das auch noch wegräumen könne. Angewidert wirft Bakha den Besen hin und geht heim in die Siedlung der Ausgestoßenen.

Zu Hause sind nur Lakha und Sohini. Rakha, Bakhas jüngerer Bruder, ist noch unterwegs, um Essen zu sammeln. Bakha erzählt dem Vater von dem Schlag auf offener Straße. Lakha spürt den Zorn seines Sohnes und erzählt ihm von der Güte eines Arztes hoher Kaste, der Bakha einst das Leben rettete. Die Geschichte rührt Bakha tief, doch sein Groll bleibt. Kurz darauf kehrt Rakha mit Essen zurück. Ausgehungert greift Bakha zu, doch dann ekelt ihn der Gedanke, die Reste der Hochkastigen zu essen. Er springt auf und erklärt, er gehe zur Hochzeit der Schwester seines Freundes Ram Charan.

Bei Ram Charans Haus trifft Bakha seinen anderen Freund Chota. Die beiden warten, bis Ram Charan sie im Gedränge der Hochzeitsgäste entdeckt. Schließlich sieht er sie und läuft trotz der Einwände seiner Mutter mit ihnen davon. Allein unter sich merken Chota und Ram Charan, dass etwas mit ihrem Freund nicht stimmt. Sie reden ihm gut zu, bis Bakha zusammenbricht und von dem Schlag und dem Übergriff auf Sohini erzählt. Ram Charan wird still und verlegen, Chota dagegen empört sich. Er fragt Bakha, ob er Rache wolle. Bakha will, erkennt aber, dass Rache gefährlich und vergeblich wäre. Schwermut legt sich über die drei. Chota versucht ihn aufzuheitern und erinnert ihn an das Hockeyspiel am Nachmittag. Da fällt Bakha ein, dass er sein Geschenk bei Charat Singh abholen muss.

Bakha geht zu Singhs Haus in den Baracken, kann aber nicht erkennen, ob der Mann daheim ist. Da er ihn und die anderen Bewohner nicht stören will, setzt er sich unter einen Baum und wartet. Bald tritt Singh heraus. Er lädt Bakha ein, mit ihm Tee zu trinken, und lässt ihn seine Sachen anfassen. Dass Singh sich um die angebliche verunreinigende Wirkung seiner Gegenwart nicht schert, beglückt Bakha zutiefst. Überwältigt nimmt er den funkelnagelneuen Hockeyschläger entgegen.

Beflügelt von dieser Wendung geht Bakha mit Feuereifer ins Spiel und schießt das erste Tor. Der Torwart der gegnerischen Mannschaft ärgert sich über seinen Erfolg und schlägt ihn. Daraus wird eine allgemeine Rauferei, die erst endet, als der jüngere Bruder eines hochkastigen Spielers verletzt wird. Bakha hebt den Jungen auf und bringt ihn eilends nach Hause, doch die Mutter beschuldigt ihn, ihren Sohn getötet zu haben. Die gute Laune ist dahin. Bakha schleppt sich heim, wo ihn der Vater anschreit, weil er den ganzen Nachmittag fort war. Lakha verstößt ihn: Der Sohn dürfe nie wieder zurückkehren.

Bakha läuft davon und sucht weit weg von daheim unter einem Baum Zuflucht. Der Leiter der örtlichen Heilsarmee, ein Brite namens Colonel Hutchinson, tritt zu ihm. Er sieht Bakhas Not und überredet ihn mitzukommen zur Kirche. Geschmeichelt von der Aufmerksamkeit des weißen Mannes willigt Bakha ein, doch das unablässige Singen von Kirchenliedern langweilt ihn rasch. Bevor die beiden die Kirche betreten, kommt die Frau des Colonels, um ihren Mann zu suchen. Empört über den Anblick ihres Mannes in Gesellschaft eines Inders beginnt sie zu keifen und zu schreien. Bakha spürt ihren Zorn genau und läuft wieder davon.

Diesmal läuft er stadteinwärts und landet am Bahnhof. Er hört Leute darüber sprechen, dass Mahatma Gandhi nach Bulandshahr komme. Er schließt sich dem Strom der Menschen an, die zu seiner Rede eilen. Kaum hat Bakha sich zum Zuhören niedergelassen, trifft Gandhi ein und beginnt zu sprechen. Er spricht über das Los der Unberührbaren und darüber, dass ihre Befreiung seine Lebensaufgabe sei. Am Ende bittet er alle Anwesenden, seine Botschaft von der Abschaffung der Unberührbarkeit weiterzutragen. Nachdem der Mahatma abgereist ist, streiten zwei gebildete Inder lebhaft über den Inhalt der Rede. Der eine, ein Anwalt namens Bashir, zerpflückt die meisten von Gandhis Ansichten gründlich. Der andere, ein Dichter namens Sarshar, verteidigt den Mahatma leidenschaftlich und überzeugend. Vieles davon geht über Bakhas Kopf hinweg, so gehoben sind Wortwahl und Gedanken. Doch er versteht sehr wohl, als Sarshar davon spricht, dass bald die Spültoilette nach Indien komme: eine Maschine, die es überflüssig macht, dass Menschen Fäkalien anfassen. Diese Maschine könnte das Ende der Unberührbarkeit bedeuten. Mit dieser Hoffnung eilt Bakha nach Hause, um dem Vater von der Rede des Mahatma zu berichten.

Stil↑

Die Erzählung folgt einem einzigen Tag und bindet damit ein ganzes Gesellschaftsbild an einen engen Zeitrahmen. Alles ist an Bakhas Wahrnehmung geknüpft: Der Leser sieht die Stadt, die Menschen und die Kastenordnung so, wie sie dem jungen Kehrer begegnen. Anand schrieb den Roman auf Englisch, gerichtet auch an ein englischsprachiges Publikum, dem er die verwickelte politische Lage Indiens begreiflich machen wollte.

Auffällig ist, wie sorgfältig das Buch zeitlich verankert ist. Am Schluss steht die Jahresangabe 1933, das Jahr der Niederschrift; 1935 folgte die Veröffentlichung. Die Argumentation gegen die Unberührbarkeit trägt nicht ein Erzählerkommentar, sondern der Gang der Ereignisse: Kränkung reiht sich an Kränkung, bis der Fall aus sich selbst heraus spricht. Am Ende öffnet sich die Form noch einmal, wenn zwei gebildete Männer über Politik streiten und ihre Rede über Bakhas Verständnis hinausreicht.

Rezeption↑

Der Roman machte Anand zu einem der führenden indischen Autoren englischer Sprache. Bis heute wird darüber gestritten, wie er die Gemeinschaft der Dalits, der „Unberührbaren“, darstellt. Arun P. Mukherjee sieht im Buch eine vereinheitlichende Wirkung: Es rücke den Widerstand des Einheimischen gegen den Kolonialherrn in den Mittelpunkt und arbeite dessen eigene Anliegen nicht vollständig heraus. K. M. Christopher hält fest, dass Anand allein durch seinen Stoff mit den literarischen Gepflogenheiten seiner Zeit brach. Zugleich schreibe das Buch aber das Bild einer geschlossenen gandhianischen Reformbewegung fort. Christopher sieht in Gandhi im Anschluss an Foucault eine Instanz, die die Rede über die Unberührbarkeit überwacht.

Anders urteilt Ramachandra Guha in seiner Einleitung zur Penguin-Ausgabe. Er hält Anand gegenüber Gandhis Politik letztlich für unentschieden und verweist dafür auf die Gespräche über Gesellschaftspolitik am Romanende.

Ben Conisbee Bär liest das Buch als antikoloniales Werk aus der Ferne, das die schwierige indische Politik einem englischsprachigen Publikum nahebringen will, besonders dem Kreis von Bloomsbury. Anand suche eine Gegenverbindung zwischen Kolonie und Metropole herzustellen und wolle dabei ans Licht bringen, was der Pakt zwischen Gandhi und Irwin von 1931 ausgespart hatte. Anand selbst nannte die Zeit, die er 1927 in Gandhis Sabarmati-Aschram verbrachte, als Anregung für den Roman. Zugleich deutete er an, dass er beim Schreiben philosophische Systeme, den Humanismus eingeschlossen, bereits hinter sich gelassen hatte.

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