1667
Das verlorene Paradies
Überblick↑
Mit Paradise Lost veröffentlichte der englische Dichter John Milton 1667 ein großes Versepos. Es erzählt den biblischen Sündenfall in zwölf Büchern und in feierlichen Blankversen. Geschildert wird der Sturz Satans und seiner Engel in die Hölle, die Verführung Adams und Evas und die Vertreibung aus dem Paradies. Milton hatte die gescheiterte puritanische Revolution Oliver Cromwells entschieden unterstützt. Nach der Wiederherstellung der Stuart-Monarchie 1660 entging er nur knapp dem Todesurteil. Sein Werk hat er auch als verschlüsselten Kommentar zur politischen Lage seiner Zeit angelegt. Es gilt bis heute als eines der bedeutendsten Epen der englischen Sprache.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird die Geschichte vom Sündenfall. Milton beginnt jedoch nicht im Garten Eden, sondern in der Hölle. Satan und sein Heer liegen nach einem gescheiterten Aufstand gegen Gott zerschmettert im Abgrund. Der Höllenfürst richtet seine Gefährten wieder auf, beruft eine Ratsversammlung ein und sucht nach einem Weg, sich am Schöpfer zu rächen. Seine Fürsten Moloch, Belial, Mammon und Beelzebub wägen in glänzender Rhetorik ab, ob man Gott offen bekämpfen oder lieber mit List arbeiten soll.
Parallel dazu führt Milton in den Himmel. Gott Vater und sein Sohn sprechen über das neu geschaffene Menschenpaar. Es ist mit freiem Willen ausgestattet und soll sich bewähren. Im Paradies selbst lernt man Adam und Eva in einer üppigen Gartenlandschaft kennen. Dort leben die Tiere friedlich zusammen, und das erste Menschenpaar führt eine harmonische Ehe. Über allem schwebt der eine Auftrag Gottes: von der Frucht des Baumes der Erkenntnis nicht zu essen.
Den Mittelteil bildet ein langes Gespräch zwischen Adam und dem Erzengel Raphael. Gott schickt Raphael ins Paradies, damit der Mensch der drohenden Versuchung nicht ahnungslos ausgeliefert ist. Raphael berichtet von Satans Aufruhr im Himmel, von der Schlacht zwischen den Engelheeren und von der Erschaffung der Welt. Adam wiederum erzählt von seinen ersten Tagen und davon, wie Eva an seine Seite kam. Der Höllenfürst nähert sich unterdessen der Erde und beobachtet das glückliche Paar voller Neid. So baut sich die eigentliche Prüfung auf.
Die Handlung im Detail↑
Nach einer Anrufung der himmlischen Muse Urania setzt das Epos in der Hölle ein. Satan und seine Anhänger liegen nach ihrem Sturz aus dem Himmel neun Tage und Nächte reglos im düsteren Abgrund. Dann erhebt sich der Höllenfürst, richtet sein Heer wieder auf und stellt im Stil antiker Heldenepen die dämonischen Anführer vor – Beelzebub, Moloch, Chemos, Mammon –, die später unter den heidnischen Völkern als Götzen verehrt werden. In ihrer prächtigen Hauptstadt Pandämonium beschließen sie, lieber Herren der Hölle als Sklaven des Himmels zu sein und Gottes Plan, aus Bösem Gutes hervorgehen zu lassen, zu durchkreuzen.
Im zweiten Buch ruft Satan seine Fürsten zur Ratsversammlung. Moloch plädiert für den offenen Kampf, weil sich ihre Lage durch eine erneute Niederlage nicht verschlechtern könne. Belial widerspricht klug und warnt vor noch härteren Strafen. Mammon rät, auf die eigenen Fähigkeiten zu setzen und in der Hölle ein stolzes Gegenreich aufzubauen. Beelzebub schließlich – zuvor mit Satan abgestimmt – schlägt vor, Gottes neue Schöpfung anzugreifen: die Menschen, denen man an Kraft überlegen sei und die man leicht verführen könne. Satan übernimmt persönlich die gefährliche Reise. Am Höllentor trifft er auf zwei furchtbare Wächter, die Sünde und den Tod. Die Sünde ist einst seinem Kopf entsprungen, der Tod ist das Kind aus seiner Vereinigung mit ihr. Er verspricht beiden Einzug ins Paradies, lässt sich das Tor öffnen und fliegt durch den ungeheuren, vom Kampf der Elemente erfüllten Raum bis zur Grenze des Lichtreichs. Auch dem Herrscher Chaos verspricht er Belohnung, und dieser weist ihm den Weg zur Erde.
Das dritte Buch wechselt in den Himmel. Milton vergleicht sich zunächst mit den blinden Sängern und Sehern der Antike – Thamyris, Maeonides, Teiresias, Phineus – und stellt seinem eigenen Augenlicht das Licht Gottes gegenüber. Gott Vater sieht den drohenden Sündenfall voraus, will aber nicht eingreifen: Er habe die Menschen mit freiem Willen ausgestattet, sie müssten Eigenverantwortung übernehmen. Der Sohn bietet sich an, an Stelle der sündigen Menschen zu sterben, da er als Unsterblicher den Tod nur vorübergehend erleiden würde. Gott stimmt erfreut zu, erhebt den Sohn zum Weltenrichter, und die Engel preisen beide mit Lobgesängen. Inzwischen dringt Satan ins Sternenfirmament vor, tarnt sich als jugendlicher Cherub und lässt sich vom Engel Uriel arglos den Weg zum Paradies weisen. Erst als der Höllenfürst davonfliegt, wird Uriel misstrauisch.
Im vierten Buch erreicht Satan das Paradies. Vom Baum der Erkenntnis aus betrachtet er die idyllische Parklandschaft, in der Tiere friedlich zusammenleben und Adam und Eva als Gärtner in einer schattigen Laube wohnen. Milton rühmt ihr harmonisches Eheleben, in dem Sexualität, Unschuld und Sündenlosigkeit zusammengehen. Satan ist kurz wankend, doch er ist zu stolz, um Gott um Gnade zu bitten, und beschließt, die menschliche Neugier auszunutzen. Er verwandelt sich in eine Kröte und flüstert der schlafenden Eva eitle Träume ein. Zwei Cherub-Wächter entdecken ihn, verwandeln ihn mit ihren Speerspitzen in seine wahre Gestalt zurück und führen ihn vor Erzengel Gabriel. Im Streitgespräch gibt Satan trotzig zu, aus der Hölle ausgebrochen zu sein. Bevor es zum Kampf kommt, zeigt Gott mit dem Bild einer Waage am Himmel, dass Satan unterliegen würde, und der Höllenfürst flieht.
Im fünften und sechsten Buch bricht ein Morgen im Paradies an. Eva erzählt Adam von ihrem unruhigen Traum, in dem eine Engelsgestalt sie zum Kosten der verbotenen Frucht verlocken wollte und ihr versprach, sie werde dadurch zur Göttin. Adam erklärt ihr, solche Bilder kämen vom Bösen, das in der Seele wohne. Gemeinsam sprechen sie ihr Morgengebet. Gott sendet den Erzengel Raphael zu ihnen, damit Adam auf die Versuchung vorbereitet ist und sich später nicht damit herausreden kann, überrumpelt worden zu sein. Raphael wird im Garten gastlich empfangen und schildert Adam die Vorgeschichte: Satans Rebellion im Himmel und die Schlacht zwischen seinem Heer und den Engeln unter dem Sohn Gottes, der die Abtrünnigen schließlich besiegt.
Im siebten Buch beschreibt Raphael die Erschaffung der Welt, im achten erzählt Adam seinerseits von seinem ersten Gespräch mit Gott, von seinem Auftrag im Garten und von der Erschaffung Evas aus seiner Rippe. Im neunten Buch kommt es zur Katastrophe: Satan in der Gestalt einer Schlange überredet Eva mit Schmeicheleien, von der verbotenen Frucht zu essen. Aus Liebe zu ihr greift auch Adam zu. Die beiden erkennen ihre Nacktheit, lieben sich anders als zuvor und verlieren ihre Unschuld.
Im zehnten Buch richtet Gott Satan und das Menschenpaar. Im elften lässt Erzengel Michael Adam in die Zukunft blicken: Er zeigt ihm den Untergang seiner sündigen Nachkommen in der Sintflut und den Neubeginn danach. Im zwölften berichtet Michael weiter vom Volk Israel und vom Jüngsten Gericht. Adam und Eva verlassen Hand in Hand das Paradies und brechen auf in die vor ihnen liegende Welt.
Stil↑
Milton schuf für Paradise Lost einen eigenen Sprachstil. Das Verb steht – untypisch für das Englische – häufig am Satzende. Groß- und Kleinschreibung sowie Orthographie sind stark stilisiert. Das Epos enthält zahlreiche Wörter aus anderen Sprachen, vor allem Latinismen, die selbst zu Miltons Zeit ungebräuchlich waren. Geschrieben ist das Werk in reimlosen fünfhebigen Jamben, also in Blankversen. Diese Form gilt als entschiedener Protest gegen die Heroic Couplets mit ihren gepaarten Reimen, die in der Restaurationszeit nach der Thronbesteigung Charles II. üblich waren.
Eingebettet sind die zwölf Bücher in eine Erzählweise, die sich bewusst an antike Heldenepen anlehnt, etwa an Vergils Äneis. Milton ruft eine himmlische Muse an, stellt die dämonischen Fürsten wie eine epische Heerschau vor und mischt unter die biblischen Stoffe immer wieder Gestalten und Mythen der griechisch-römischen Antike. Die Hölle ist nach dem Vorbild des antiken Hades gestaltet, von Styx und Acheron ist die Rede. Den Fabel-Kern aus den ersten Kapiteln des 1. Buches Mose erweitert Milton um Motive aus Jesaja, Hesekiel und der Johannes-Apokalypse. Auffällig sind die langen, rhetorisch geschliffenen Reden, mit denen die gefallenen Engel in der Ratsversammlung argumentieren. Auffällig ist auch das große Lehrgespräch zwischen Raphael und Adam in den Büchern fünf bis acht, das das Werk in der Mitte zusammenhält.
Rezeption↑
Das Epos wurde 1667 zunächst in zehn, später in zwölf Büchern veröffentlicht. Bis heute wird es als Hauptwerk Miltons und als eines der großen Versepen der Weltliteratur gelesen. Schon im 18. Jahrhundert wirkte es weit über England hinaus. Johann Jakob Bodmer setzte sich in seiner Critischen Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie von 1740 mit Milton auseinander. Joseph Haydns Oratorium Die Schöpfung von 1798 nimmt Motive aus Paradise Lost auf. Auch die bildende Kunst griff das Werk vielfach auf, etwa in Darstellungen wie Satan fällt vom Himmel oder The Rout of the Rebel Angels. Im frühen Film entstand 1912 unter Luigi Maggi die italienische Verfilmung Satan. Begriffe aus dem Epos sind in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen, allen voran das Pandämonium als Hauptstadt der Hölle.
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