Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Das tragische Lebensgefühl
Eingang · Werke · Das tragische Lebensgefühl
Cover Das tragische Lebensgefühl
Das tragische Lebensgefühl
1913
– Werkseintrag –

Das tragische Lebensgefühl

1913 · Essay

Ein leidenschaftliches Nachdenken darüber, warum der Mensch aus Fleisch und Blut nach Unsterblichkeit verlangt – und warum das Herz gegen die kühle Vernunft recht behalten könnte.

Überblick

Das Werk Del sentimiento trágico de la vida gilt als das philosophische Hauptwerk von Miguel de Unamuno. Es erschien 1912 in spanischer Sprache. Der Titel bedeutet so viel wie „vom tragischen Lebensgefühl". Im Mittelpunkt steht der Mensch aus Fleisch und Blut. Für Unamuno ist dieser leibhaftige, einzelne Mensch der eigentliche Gegenstand jeder Philosophie. 1917 erschien die erste französische Übersetzung, angefertigt von Marcel Faure-Beaulieu.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ausgangspunkt des Buches ist nicht die Vernunft, sondern das Gefühl – und besonders jenes tragische Lebensgefühl, das dem Werk seinen Namen gibt. Unamuno beschäftigt sich zunächst mit dem Verlangen nach Unsterblichkeit, das alles andere als vernünftig ist. Wie lässt sich Lebensfreude denken, wenn am Ende doch der Tod steht? Ist der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele widersinnig? Warum kann ich, so fragt der Autor, den eigenen Tod nicht wollen? Und warum kann die Sorge um die Dauer meiner Seele jede andere Frage verdrängen?

Aus diesen Fragen entwickelt Unamuno seinen Grundgedanken: dass der Mensch mit seinem Willen und seiner Sehnsucht ernst genommen werden muss, auch dort, wo die kühle Logik keine Antwort gibt. Es ist kein Buch, das Trost verspricht, sondern eines, das den Widerspruch zwischen Herz und Verstand offen aushält.

Die Handlung im Detail

Von Anfang an stellt Unamuno das Gefühl über die reine Vernunft. Er wendet sich gegen jenes einheitliche Weltbild, das den einzelnen Menschen in der Materie oder in Gott aufgehen lässt und ihm damit einen falschen Trost anbietet. Gegen alle Einwände hält er am existenziellen Recht des Glaubens an die persönliche Unsterblichkeit der Seele fest.

Darin sieht er auch den Kern des Katholizismus: die Bewahrung dieses Glaubens an das Fortleben der Seele und an ihr ewiges Heil. Dieser Glaube befriedigt den Willen und damit das Leben selbst – auch wenn er der Vernunft widerspricht. Ist diese Befriedigung berechtigt, so muss ihre Wahrheit über der Vernunft oder jenseits von ihr liegen. Damit stellt sich Unamuno gegen alle theologischen Systeme, die die Geheimnisse der Religion in eine scheinbare Vernünftigkeit zwängen wollen.

So stellt er dem vernünftigen Gott des abstrakten Menschen den gefühlten, willentlichen Gott des konkreten Menschen gegenüber. Gott ist für ihn die einzig mögliche Rechtfertigung von Liebe und Mitleid. Der Gläubige wünscht, dass Gott existiert, und handelt so, als ob er existierte – für Unamuno eine Art unvernünftiger Beweis für das Dasein Gottes. Die christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe lassen sich aus keiner vernünftigen oder rechnerischen Überzeugung ableiten. Der lebendige Gott folgt nicht aus einem bloß logischen, toten Gott.

Am Ende plädiert Unamuno für eine Philosophie und eine Metaphysik im Geiste des Don Quijote, ebenso für eine quijoteske Ethik und Frömmigkeit. Diese „Narrheit" wurzelt für ihn genau in jenem tragischen Lebensgefühl, das – wie er offen einräumt – das spanische Wesen und das katholische Lebensgefühl widerspiegelt. Eine solche Narrheit, im Grunde durchaus vernünftig, kann sich der wissenschaftlichen Logik nicht beugen, die jede Hoffnung in einem trostlosen Zweifel auflöst. Diese quijoteske Philosophie führt Unamuno später ausführlich in Vida de Don Quijote y Sancho aus. Dort stellt er den Idealisten Don Quijote, der die Welt seines Glaubens auszusprechen wagt und danach zu leben bereit ist, dem bodenständigen Sancho gegenüber – dem gesunden Menschenverstand, der nicht weiter blickt als bis zur eigenen Nasenspitze.

Stil

Kennzeichnend ist, dass Unamuno seine Gedanken nicht aus kühlen Beweisen, sondern aus dem Gefühl heraus entwickelt. Das Buch ist ein Essay, kein streng gebautes Lehrgebäude. Seine Sprache lebt von Fragen: Immer wieder wendet er sich mit drängenden Fragen an den Leser, statt fertige Antworten zu verkünden. Wie kann man das Leben genießen, wenn es endlich ist? Ist der Glaube an die Unsterblichkeit widersinnig? Diese Fragen treiben den Text voran.

Sein Denken arbeitet mit scharfen Gegensätzen. Er stellt Vernunft gegen Gefühl, den abstrakten gegen den konkreten Menschen, den logischen gegen den lebendigen Gott, Don Quijote gegen den nüchternen Sancho. Getragen wird das Ganze von einem leidenschaftlichen Ton, der sich ausdrücklich als Ausdruck eines spanischen und katholischen Lebensgefühls versteht.

Rezeption

Bis heute wird das Buch als das philosophische Hauptwerk Miguel de Unamunos angesehen. Sein Ruf reichte früh über Spanien hinaus: Schon 1917, wenige Jahre nach dem Erscheinen, legte Marcel Faure-Beaulieu die erste französische Übersetzung vor. Die hier entwickelte quijoteske Philosophie behielt für Unamuno bleibende Bedeutung. Er griff sie in seinem Buch über das Leben Don Quijotes und Sanchos erneut auf und führte sie dort weiter aus.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten