1892
Das tote Brügge
Überblick↑
Der Roman Das tote Brügge (französisch Bruges-la-Morte) des belgischen Schriftstellers Georges Rodenbach gehört zu den bekanntesten Werken des Symbolismus. Er erschien 1892 zunächst als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Le Figaro und im selben Jahr als Buch, ergänzt durch Fotografien der Stadt Brügge. Eine erste deutsche Übersetzung kam 1903 heraus.
Erzählt wird die Geschichte des trauernden Witwers Hugues Viane, der sich in Brügge niederlässt und einer Frau verfällt, die seiner verstorbenen Gattin zum Verwechseln ähnelt. Das Buch zählt zu den eindringlichsten literarischen Bildern des alten Brügge, das als einst reiche Handelsstadt in stille Bedeutungslosigkeit versunken war.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Nach dem Tod seiner geliebten Frau zieht Hugues Viane nach Brügge. Untröstlich sucht er sich gerade diese Stadt aus, deren graue Schwermut seinem eigenen Seelenzustand gleicht. Zugleich verbindet er das stille, wie erstorbene Brügge mit der Erinnerung an die Verstorbene. Zurückgezogen lebt er in einem Haus an einem Kanal, betreut nur von seiner alten Hausgehilfin Barbe.
In seinem Wohnzimmer hat er eine Art Andachtsstätte für die Tote eingerichtet. An den Wänden hängen ihre Porträts, und auf dem verstummten Klavier bewahrt er unter einem Kristalldeckel ihren langen blonden Zopf. An jedem Spätnachmittag streift er durch die verregneten Gassen und entlang der nebligen Kanäle. Gelegentlich sucht er die Kirche auf, denn er hofft, seine Frau nach dem Tod wiederzusehen.
Eines Abends traut er seinen Augen kaum: Er sieht eine Frau, die seiner Gattin aufs Haar gleicht. Er folgt ihr, verliert sie zunächst, begegnet ihr aber wieder. Sie heißt Jane Scott und ist Tänzerin, die für Gastspiele nach Brügge kommt. Für Hugues erscheint die Ähnlichkeit wie ein Wunder, als sei seine Tote zurückgekehrt.
Die Handlung im Detail↑
Untröstlich über den Tod seiner Frau lässt sich Hugues Viane in Brügge nieder, weil die trübe, wie erstorbene Stadt seiner Trauer entspricht und ihn zugleich an die Verstorbene erinnert. Er lebt zurückgezogen in einem Haus am Kanal, umsorgt allein von der frommen Hausgehilfin Barbe. In seinem Wohnzimmer hütet er die Reliquien der Toten: ihre Bildnisse an den Wänden und, unter einem Kristalldeckel, ihren langen blonden Zopf, den er vor dem Grab bewahrt hat. Nur der katholische Glaube, der ihm den Selbstmord verbietet, und die Hoffnung, die Frau nach dem Tod wiederzusehen, halten ihn am Leben.
Als er eines Abends aus der Kirche tritt, sieht er eine Frau, die seiner Gattin gleicht. Er verfolgt sie, verliert sie, begegnet ihr eine Woche später erneut. Es ist Jane Scott, eine Tänzerin, die mit ihrer Truppe zweimal wöchentlich aus Lille nach Brügge reist. Nach einigen Wochen spricht er sie an und trifft sich fortan regelmäßig mit ihr. Die Ähnlichkeit erscheint ihm als Wunder, er sieht in Jane seine tote Frau zurückgekehrt und hat darum nicht das Gefühl, untreu zu sein. Er überredet Jane, das Tanzen aufzugeben und nach Brügge zu ziehen, wo er sie jeden Abend besucht. Die Stadt selbst scheint sich seiner neuen Stimmung anzupassen und wirkt heiterer und farbiger.
Doch das Glück hält nicht an. Hugues liebt nicht Jane, sondern nur das Bild seiner Frau, das er in ihr sieht. In ganz Brügge redet man bereits über den Witwer und seine Liaison. Die fromme Barbe lässt sich von ihren Freundinnen im Kloster überzeugen, ihm zu kündigen, sobald er die Frau ins Haus bringt. Jane wiederum hat in Brügge heimliche Liebschaften, und Hugues beginnt, sie auszuspionieren. Immer deutlicher entdeckt er die störenden Unterschiede zur Verstorbenen: Janes blondes Haar ist nur gefärbt, sie schminkt sich grell, lässt sich gehen und neigt zum Streit. Eine Predigt über den Tod öffnet ihm die Augen. Furchtbare Schuldgefühle überkommen ihn, und er fürchtet, seine Frau nun auch im Jenseits nie wiederzusehen. Der Versuch, Jane und die Tote zu verschmelzen, indem Jane ein Kleid der anderen anlegt, misslingt.
Dennoch glaubt Hugues, Jane zu lieben, und will sie um jeden Preis in Brügge halten. Sie willigt ein, überzeugt, dass er ohnehin bald sterben und sie sein reiches Erbe erben werde. Zur Heilig-Blut-Prozession, die an seinem Haus vorbeizieht, lädt sie sich bei ihm ein, worauf Barbe sofort kündigt. Im Wohnzimmer amüsiert sich Jane über die Porträts der Frau, die ihr gleicht. Zum Spaß nimmt sie den Zopf aus dem Kristallsarg und legt ihn sich um den Hals. Wie von Sinnen jagt Hugues sie durch das Zimmer. In seiner Raserei packt er Jane und zieht den Zopf um ihren Hals zusammen, bis er sie erdrosselt hat.
Stil↑
Als Werk des Symbolismus lebt der Roman weniger von der äußeren Handlung als von Stimmung und Atmosphäre. Die Stadt Brügge ist dabei mehr als Schauplatz: Ihre nebligen Kanäle, grauen Häuser und stillen Gassen spiegeln den Seelenzustand des trauernden Hugues und wandeln sich mit seinem Gemüt. Als er glücklicher wird, erscheint auch die Stadt heiterer und farbiger.
Rodenbach verknüpft die tote Stadt und die tote Frau zu einem durchgehenden Bildgeflecht. Wiederkehrende Motive wie der bewahrte Zopf, das verstummte Klavier und die Porträts geben der Erzählung ihre dichte, andächtige Grundstimmung. Ungewöhnlich für seine Zeit war die Ausgabe von 1892 zudem mit Fotografien der Stadt Brügge versehen, die den Text begleiten und seine Stimmung auch bildlich fortführen.
Rezeption↑
Bis heute gilt der Roman als eines der eindringlichsten literarischen Bilder des alten Brügge, jener einst reichen Handelsstadt Nordeuropas, die in stille Bedeutungslosigkeit versunken war. Rodenbachs Verbindung von Trauer, Obsession und städtischer Melancholie prägte das Bild der Stadt als „tote“ Kulisse nachhaltig. Nach dem ersten Abdruck in Le Figaro und der Buchausgabe von 1892 fand das Werk auch über den französischen Sprachraum hinaus Verbreitung; 1903 erschien die erste deutsche Übersetzung.
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