1958
Gabriela wie Zimt und Nelken
Überblick↑
Der Roman Gabriela wie Zimt und Nelken des brasilianischen Schriftstellers Jorge Amado erschien 1958 unter dem Originaltitel Gabriela, Cravo e Canela in São Paulo. Die deutsche Übertragung von Gerhard Lazarus und Ernst August Nicklas kam 1962 in Berlin heraus. Das Buch wurde zum Welterfolg: Innerhalb von 25 Jahren erschien es auf allen Kontinenten in 62 Auflagen und verkaufte sich knapp eine Million Mal. Schauplatz ist die brasilianische Kakaostadt Ilhéus im Jahr 1925. Erzählt werden zwei Geschichten zugleich: der Machtkampf um den Hafen der Stadt und die Liebe eines Barbesitzers zu seiner Köchin Gabriela.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Jahr 1925 läuft in der versandeten Hafeneinfahrt von Ilhéus ein Schiff auf Grund. An Bord ist der junge Kakaoexporteur Mundinho Falcão. Er will die Fahrrinne ausbaggern lassen, damit die Kakaoernte der Provinz künftig direkt nach Europa verschifft werden kann. Damit legt er sich mit den alteingesessenen Kakao-Obersten an. Diese Großgrundbesitzer hatten schon um die Jahrhundertwende mit der Waffe in der Hand über die Aufteilung des fruchtbaren Bodens entschieden. An ihrer Spitze steht der 83-jährige Senator Ramiro Bastos, der lieber den Hafen der Landeshauptstadt Bahia bevorzugt sehen möchte.
Abseits dieses Kampfes führt Nacib Aschar Saad seine Bar Vesuv. Er stammt aus Syrien und wird in der Stadt der Araber oder der Türke genannt. Als ihm die Köchin davonläuft, findet er nach verzweifelter Suche auf dem ehemaligen Sklavenmarkt die 21-jährige Gabriela. Sie ist vor der Trockenheit aus dem Sertão geflohen, kann kaum lesen und kennt nicht einmal ihren Familiennamen. Ihre Kochkünste begeistern die ganze Kundschaft. Als vermögende Gäste sie abwerben wollen, weiß Nacib sich nicht anders zu helfen, als um sie zu werben.
Um beide Handlungen ranken sich viele kleine Geschichten der Stadt: ein Ehrenmord, der vor Gericht kommt, heimliche Liebschaften, aufbegehrende Töchter und Obersten, die ihre Konkubinen aushalten. Der Roman zeigt eine Provinzgesellschaft im Umbruch, in der alte Gewalt und neue Geschäfte aufeinandertreffen.
Die Handlung im Detail↑
Trotz eines heimischen Lotsen an Bord läuft die Ita in der Hafeneinfahrt von Ilhéus auf Grund. Unter den Passagieren befindet sich der junge Kakaoexporteur Mundinho Falcão. In den folgenden Monaten des Jahres 1925 lässt er die versandete Fahrrinne ausbaggern. Am Ende des Romans kann so erstmals in der Geschichte der Stadt ein größerer Frachter einen Teil der ertragreichen Kakaoernte nach Europa bringen. Zuvor aber muss der Fremdling Mundinho Kämpfe gegen die alteingesessenen Obersten bestehen. An ihrer Spitze steht der 83-jährige Ramiro Bastos, Senator des Bundesstaates Bahia. Er und seine Getreuen, etwa Oberst Amâncio Leal, wollen die Hauptstadt Bahia als Ausfuhrhafen für den Kakao. Weil Mundinho sich in Ilhéus auch sozial engagiert, wenden sich im Laufe des Jahres immer mehr Wähler von der Partei des Senators ab. Ramiro und Leal können sich damit nicht abfinden und greifen auf die Methoden von vor einem Vierteljahrhundert zurück. Als Oberst Aristóteles Pires, der Präfekt des benachbarten Itabuna, sich vom Senator lossagt, lässt Leal ein Attentat auf ihn verüben. Aristóteles überlebt einen Lungendurchschuss.
Der in Syrien geborene Nacib Aschar Saad, ein kräftiger 33-jähriger Mann mit einem Kopf wie ein Stier, besitzt die Bar Vesuv und hält sich aus dem Parteienkampf heraus. Nachdem ihm die Köchin davongelaufen ist, findet er auf dem ehemaligen Sklavenmarkt die schöne 21-jährige Gabriela. Sie war mit dem jungen Bauern Clemente, dem Revolvermann Fagundes und ihrem Onkel vor der Trockenheit aus dem Sertão geflüchtet. Der Onkel, der Gabriela Jahre zuvor entjungfert hatte, starb auf dem Marsch durch die Halbwüste; Fagundes hatte ihn zuletzt getragen. Gabriela und Clemente hatten sich unterwegs des Nachts geliebt. Clemente und Fagundes kommen bei Oberst Melk Tavares als Plantagenarbeiter unter.
Nacib und seine Gäste sind mit Gabrielas Kochkünsten überaus zufrieden. Als vermögende Kunden sie abwerben wollen, wirbt Nacib um sie. Die Braut kann kaum lesen, hat keine Papiere aus dem Sertão mitgebracht und weiß ihren Familiennamen nicht. Notar Tonico Bastos, ein Sohn des alten Senators und ein übler Fälscher und Schürzenjäger, stellt eine Geburtsurkunde her. Es wird geheiratet. Doch als Nacib seine Frau mit eben diesem Notar in flagranti erwischt, verprügelt und verjagt er sie. Der Barbesitzer steht wieder ohne Köchin da, und passender Ersatz ist nicht zu finden. Die Lösung ist einfach: Wegen der gefälschten Urkunde war das Paar nie rechtsgültig verheiratet. Gabriela, nun nicht mehr verehelicht, arbeitet weiter in Nacibs Diensten. Als Fagundes, der Attentäter des Präfekten von Itabuna, in Ilhéus gejagt wird, rettet ihm Gabriela aus Dankbarkeit das Leben.
Senator Ramiro, Mundinhos Widersacher, stirbt des Nachts im Bett. Damit ist der Weg für den Kakaoexporteur an die Spitze der Politik von Ilhéus frei, und Oberst Leal schlägt sich auf seine Seite. Gabriela gibt sich reihum mit den Männern ihrer Wahl ab, auch mit ihrem ehemaligen Ehemann Nacib, der seinerseits mehrere Geliebte hat. Der Erziehungsversuch des Gatten ist gescheitert: Gabriela steigt nicht in die besseren Kreise auf, sondern lebt ihr gewohntes Leben weiter. Amado schreibt über sie: „Gabriela ist gut, großzügig, impulsiv und rein. Man kann ihre guten und schlechten Eigenschaften aufzählen, erklären kann man sie nicht. Sie tut das, was ihr Freude macht; sie weigert sich, das zu tun, was ihr keine Freude macht." Am Ende sieht es so aus, als würden Mundinho und Jerusa, die blutjunge Enkelin des verstorbenen Senators, ein Paar.
Stil↑
In vier Kapiteln laufen die beiden Haupthandlungen nebeneinander her, und mitunter gehen sie im Wust der unzähligen Nebengeschichten fast unter. Diese kleinen Erzählungen bilden ein dichtes Sittenbild der Stadt. Oberst Jesuino Mendonca erschießt seine Frau Dona Sinhàzinha und deren Liebhaber Osmundo, einen Zahnarzt, der zwölf Jahre jünger ist als sie. Das Novum in Ilhéus: Der Todesschütze wird tatsächlich verurteilt. Dazu setzt Amado Gegenbeispiele: Der gehörnte Nacib verprügelt Gabriela lediglich und verstößt sie halbherzig, und Oberst Coriolano Ribeiro lässt seine Konkubine Gloria und deren Galan, den Oberlehrer Josué, ungeschoren.
Der Erzähler witzelt gern. Einige Pflanzer spendieren der vor die Tür gesetzten Gloria kurzerhand ein neues Haus mitten in der Stadt. Auch Dr. Argileu Palmeira sorgt für Heiterkeit, dem der Spagat gelingt, Poesie zu vermarkten. Manchmal kippt der Witz ins Ironische: Senator Ramiro schätzt Gabriela, weil sie Fagundes rettet, durchschaut aber ihre Beweggründe nicht und hält sie fälschlich für eine seiner immer weniger werdenden Anhängerinnen.
Auffällig ist, dass starke Frauen die schwächlichen Männer beherrschen. Malvina, die Tochter des Obersten Melk Tavares, wagt es, Blumen am Sarg der Ehebrecherin Sinhàzinha niederzulegen, und bekennt sich offen zu ihrem Geliebten, dem Ingenieur Dr. Rômulo Vieira. Dieser lotet die versandete Fahrrinne vor den Baggerarbeiten aus, arbeitet für das Verkehrsministerium und ist mit einer geisteskranken Frau verheiratet. Als er sich von Malvinas Vater einschüchtern lässt, bereut sie ihre Liebe und trotzt dem Vater. Nacib bringt es immerhin zum vierten Schreiber des Kaufmännischen Vereins, doch Gabriela lässt sich davon nicht beeindrucken.
Amado wiederholt sich dabei ausgiebig. Immer wieder wird ein längst klares Faktum ausgesprochen, etwa dass Nacib schon wieder keine Köchin hat oder dass die Frau des Ingenieurs geisteskrank ist. Manche Wendung wirkt an den Haaren herbeigezogen: Der flüchtende Fagundes landet ausgerechnet im Garten Gabrielas, deren halbverdursteten Onkel er einst getragen hatte. Und manche Figur wird groß angekündigt und bleibt dann blass, etwa die legendäre Ahnfrau Ofenísia aus der versunkenen Welt des Ultra-Romantismo eines Pedro de Calasans. Ein Schwarzweißmaler ist Amado gleichwohl nicht. Die alten Kakao-Obersten sind nicht durchweg die Bösen und Mundinhos Anhänger nicht durchweg die Guten. An Oberst Leal zeigt der Roman, dass auch die alte Garde sich wandeln kann: Sein Sohn Berto, Student an der Technischen Hochschule São Paulo, beeinflusst ihn.
Rezeption↑
Sehr freundlich äußerte sich Pablo Neruda, der das Buch als „ein von Sinnlichkeit und Fröhlichkeit überschäumendes Meisterwerk“ lobte. In Brasilien wurde der Roman 1959 gleich fünffach ausgezeichnet: mit dem Prêmio Machado de Assis des Instituto Nacional do Livro in Rio de Janeiro, dem Prêmio Jabuti der Câmara Brasileira do Livro in São Paulo, dem Prêmio Paula Brito, dem Prêmio Luísa Cláudia de Sousa des brasilianischen PEN-Clubs sowie dem Prêmio Carmem Dolores Barbosa in São Paulo.
In der Literaturgeschichte gilt das Buch als Kurskorrektur im Werk des Autors. Amado habe sich seither vom sozialistischen Realismus abgewandt, keineswegs aber vom Realismus überhaupt. Nach Art des Schelmenromans lockern poetische Passagen den epischen Vortrag auf, etwa die Verse: „Du bist wie der Nelken Duft / und dunkelhäutig wie Zimmet. / Von weit, weit her kam ich, / dich, Gabriela zu sehn.“
Der Stoff wurde mehrfach verfilmt. Bereits 1960 entstand eine Fernsehserie unter der Regie von Maurício Sherman, weitere Serienfassungen folgten. 1983 drehte Bruno Barreto den Kinofilm Gabriela.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →