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Porträt Ludwig Anzengruber
Ludwig Anzengruber
1839 – 1889
– Autorenporträt –

Ludwig Anzengruber

1839 – 1889 · 50 Jahre

Realistischer Dramatiker des Wiener Vorstadttheaters, der 1870 mit „Der Pfarrer von Kirchfeld“ über Nacht berühmt wurde – Volksaufklärer und antiklerikaler Sozialkritiker in der Tradition Nestroys und Raimunds.

Kurzporträt

Ludwig Anzengruber, geboren 1839 in Wien und dort 1889 gestorben, zählt zu den bedeutenden realistischen Dramatikern des Wiener Vorstadttheaters. Er knüpfte an die Tradition Johann Nestroys und Ferdinand Raimunds an und führte das österreichische Volksstück weiter. Nach jahrelanger, erfolgloser Wanderschaft als Schauspieler gelang ihm 1870 mit dem Stück Der Pfarrer von Kirchfeld über Nacht der Durchbruch. Bekannt wurde er zu Lebzeiten vor allem durch seine Bühnenwerke, doch auch seine Erzählungen und Romane fanden Anerkennung. Er verstand sich als Volksaufklärer und Sozialreformer, liberal und antiklerikal.


Biografie

Geboren wurde Ludwig Anzengruber am 29. November 1839 in der Alservorstadt von Wien. Die Familie stammte aus Hofkirchen an der Trattnach in Oberösterreich. Sein Vater Johann Anzengruber hatte den väterlichen Hof verlassen und in Wien eine niedrige Beamtenstelle gefunden. Er schrieb Gedichte und Theaterstücke in der Art Friedrich Schillers, blieb damit aber ohne Erfolg; nur das Drama Berthold Schwarz wurde aufgeführt. 1838 hatte er Maria Herbich geheiratet, die Tochter eines Apothekenprovisors.

Als der Vater 1844 starb, war Ludwig erst fünf Jahre alt. Die Mutter überließ dem Sohn die kleine Bibliothek des Vaters. Vor allem die Werke William Shakespeares und Schillers beeindruckten den Jungen. Die Mutter wurde immer mehr zur bestimmenden Person in seinem Leben. Sie kam mit ihrer kleinen Witwenrente nur schwer über die Runden. Als 1854 die Großmutter starb, die Tochter und Enkel bis dahin unterstützt hatte, verschärfte sich die Not.

Dennoch ermöglichte die Mutter dem Sohn den Schulbesuch. Er besuchte die Volksschule der Paulaner und die Unterrealschule der Piaristen. 1855 brach er die Schullaufbahn aus Mittellosigkeit ab. Anschließend nahm er eine Praktikantenstelle in der Buchhandlung Sallmeyer an, wo er nach eigenem Bekunden mehr las als arbeitete. Nach Streit mit seinem Vorgesetzten musste er die Stelle wieder aufgeben. Nebenbei nahm er Schauspielunterricht.

Nach einer schweren Typhuserkrankung beschloss Anzengruber mit 19 Jahren, Schauspieler zu werden. In den folgenden rund zehn Jahren zog er mit seiner Mutter in verschiedenen Wandertruppen durch Österreich, Kroatien und Ungarn. Er blieb Statist und Aushilfsschauspieler und schaffte nie den Durchbruch. Ein Grund mag sein starker Dialekt gewesen sein, den er nie ganz ablegen konnte. In dieser Zeit beschäftigte er sich mit Baruch Spinoza und Ludwig Feuerbach und näherte sich atheistischen Anschauungen an.

Seit 1866 lebte er wieder in Wien. Er hatte kleine Engagements am Harmonietheater und am Varietétheater in Hietzing und trat als Volkssänger auf. Es entstanden mehrere Dramen und einige kleinere Erzählungen, die jedoch erfolglos blieben. Als Gelegenheitsschreiber arbeitete er unter anderem für die Wiener Zeitschriften Wanderer und Kikeriki. 1869 nahm er wegen extremer Geldnot einen Posten als Schreiber bei der Wiener Polizeidirektion an und verbrannte seine frühen dramatischen Versuche.

Unter dem Pseudonym Ludwig Gruber gelang ihm 1870 der Durchbruch mit dem Stück Der Pfarrer von Kirchfeld, das am Theater an der Wien uraufgeführt wurde und ihn über Nacht berühmt machte. Heinrich Laube, der Leiter des Burgtheaters, schrieb eine enthusiastische Kritik, und Peter Rosegger suchte seine Freundschaft. Im März 1871 richtete der nun erfolgreiche Autor ein Gesuch an die Polizeidirektion, ihn aus dem Dienst zu entlassen. Dem Gesuch wurde stattgegeben, und Anzengruber lebte fortan als freier Schriftsteller.

Auch die nächsten Stücke waren sehr erfolgreich. Der Meineidbauer erschien 1871, Die Kreuzelschreiber 1872. Mit dem letzteren gelang es ihm, das aktuelle Zeitstück mit der traditionellen Volkstheaterkomödie zu verbinden. Seine Stücke wurden in ganz Europa aufgeführt. 1873 heiratete er gegen den Willen seiner Mutter die erst 16-jährige Adelinde Lipka. Es kam rasch zu wiederholten Ehekrisen; Ursachen waren unter anderem hohe Schulden und das enge Verhältnis Anzengrubers zu seiner Mutter. Diese starb 1875, zwei Jahre nach der Eheschließung. Die Ehe wurde 1889 geschieden. In der Genealogie der Deutschen Biographie ist die Heirat mit Adelinde Lipka für das Jahr 1875 verzeichnet, während der Wikipedia-Text sie auf 1873 datiert.

1874 wurde Der G'wissenswurm uraufgeführt, das in Deutschland meistgespielte Lustspiel Anzengrubers. Im selben Jahr wurde das gesellschaftskritische Trauerspiel Hand und Herz uraufgeführt. Es war in Hochsprache verfasst, um am Burgtheater gespielt werden zu können, wurde aber ein Misserfolg. Die Tragödie Das vierte Gebot wurde 1877 in Wien sogar abgelehnt. Erst nach dem großen Erfolg 1890 in Berlin kam es in Wien zu Neuinszenierungen. 1878 erhielt Anzengruber den Schillerpreis, 1887 den Grillparzerpreis.

Ab 1879 brachten der nachlassende Erfolg seiner Stücke und verschärfte Zensurbestimmungen ihn in finanzielle Schwierigkeiten. Er wandte sich der Prosa zu und nahm die journalistische Tätigkeit wieder auf. Von April 1882 bis Mai 1885 leitete er die Redaktion des Wiener Familienblattes Die Heimat. Ab Mai 1884 war er Redakteur des Figaro, ab August 1888 übernahm er die Redaktion des Wiener Boten. Im September 1888 erhielt er eine feste Anstellung als Dramaturg für das Deutsche Volkstheater Wien. Er gehörte zu den Gründern des Vereins Deutsches Volks-Theater in Wien. Dessen Theater wurde am 14. September 1889 mit Anzengrubers Der Fleck auf der Ehr eröffnet.

Ende November 1889 erkrankte der erst 50-Jährige an Milzbrand. Nach vierzehn Tagen starb er am 10. Dezember 1889 an einer Blutvergiftung. Er wurde in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet. Mehrere Straßen in Österreich und Deutschland tragen seinen Namen.


Literarische Merkmale

Anzengrubers Werk gehört dem ausgehenden Realismus an. Er gestaltete eine Dorfwelt, die ihre natürliche Unmittelbarkeit bewahrt hatte, und führte so das österreichische Volksstück in der Tradition Johann Nestroys und Ferdinand Raimunds weiter. Wie sein Vorbild Friedrich Kaiser versuchte er, ernst-heitere Volksstücke mit sentimentalen und zugleich sozialkritischen Elementen zu verfassen.

Er verstand sich als Volksaufklärer und Sozialreformer, liberal und antiklerikal eingestellt. In seinen Stücken konzentrierte er sich auf soziale Beziehungen in einer überschaubaren Umwelt. Im Rahmen der überlieferten Dramaturgie wollte er aktuelle soziale und politische Probleme sichtbar machen. Er vertiefte die Charakterzeichnung psychologisch und stilisierte Milieu und Dialekt. Ähnlich verfuhr er mit der Dorfgeschichte. Sein Ansatz war aufklärerisch: Er wollte die Welt entgöttern und vermenschlichen. Sein Frauenbild war von den Stereotypen seiner Zeit geprägt. Einige seiner späten Prosatexte und auch seine Theaterpoetik zählen bereits zum Naturalismus.

Die Neue Deutsche Biographie beschreibt eine seelische Hemmung des Dramatikers: eine weltanschauliche Unsicherheit, die antimetaphysischen liberalen Optimismus und redlichen Pessimismus sehr österreichischer Art verband. Als Erzähler habe er diese Widersprüche künstlerisch besser bewältigen können, vor allem wenn er die Kraft zur düsteren Darstellung der bäuerlichen Welt fand. Laut der NDB entstanden dabei dauernde Werke, die den späteren Naturalismus vorwegnahmen. Zu diesen zählt die NDB vor allem die beiden großen Romane, während sie unter der Masse der Erzählungen auch schwächere Arbeiten sieht.


Rezeption

Zu seinen Lebzeiten wurde Anzengruber von Theodor Fontane, Otto Brahm, Paul Heyse und auch Friedrich Engels hoch geschätzt. Otto Brahm nannte ihn einen erzürnten Sittenrichter, der die Verlotterung von Alt-Wien und die Verrohung von Neu-Wien mit gleich herber Wahrheit vergegenwärtigte und dem theatralischen Schönfärben stets feind blieb. Die österreichische Arbeiterbewegung sah ihn wegen der sozialkritischen Tendenz seiner Stücke als einen der bedeutendsten Volksdichter neben Peter Rosegger und Marie von Ebner-Eschenbach. Victor Adler würdigte ihn nach seinem Tod in der Arbeiter-Zeitung als Rebellennatur, ohne ihn zum Sozialisten erklären zu wollen.

Sein Ruhm gründete sich zunächst auf die Bühnenwerke. Den dauernden Klang seines Namens verdankte er nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie jedoch den erzählenden Werken, vor allem den beiden großen Romanen. Das Talent des Dramatikers habe sich nicht voll entfalten können, weil die Voraussetzungen für ein volkstümliches Theater bereits zerfallen waren. Das Wiener Publikum, das die vorstädtische Theaterkultur vor 1848 getragen hatte, stand ihm nicht mehr zur Verfügung.

Als Ödön von Horváth neue kritische Volksstücke schrieb, geriet das Werk Anzengrubers in den Hintergrund. Heute wird es als demokratische Alternative zur Heimatliteratur seiner Zeit gewürdigt.

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