1871
Der Meineidbauer
Überblick↑
Das Volksstück Der Meineidbauer von Ludwig Anzengruber ist ein Bühnenwerk mit Gesang in drei Akten. Die Musik dazu schrieb Adolf Müller senior. Am 9. Dezember 1871 kam das Stück im Theater an der Wien zur Uraufführung, mit der damals bekannten Schauspielerin Marie Geistinger in der Hauptrolle der Vroni. Neben Der Pfarrer von Kirchfeld und Das vierte Gebot zählt es zu den bekanntesten Bühnenwerken des Autors. In der Tradition des Realismus stehend zeigt es eine schwere moralische Verfehlung und deren Folgen – für das eigene Leben ebenso wie für das kommender Generationen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Auf dem Adamshof dient die junge Magd Vroni und hat ein Auge auf Toni geworfen, den Sohn des Bauern. Ein alter Knecht warnt sie: Ihre Mutter, die einst denselben Namen trug, erlitt ein bitteres Schicksal. Sie bekam zwei uneheliche Kinder von einem Bauern, der sie heiraten wollte, doch überraschend starb. Weil sich kein Testament fand, verlor sie den Erbschaftsprozess gegen den Bruder des Verstorbenen, Matthias Ferner. Er schwor vor Gericht, es habe keinen letzten Willen gegeben, und die Mutter wurde mit ihren Kindern in Schande vom Hof gejagt.
Seither führt Matthias ein äußerlich frommes Leben, doch Vroni ahnt, dass hinter dieser zur Schau gestellten Frömmigkeit ein schlechtes Gewissen steckt. Als sich Toni und Creszenz, die Tochter des Matthias, verloben sollen, muss Vroni den Adamshof verlassen. Sie kommt bei ihrer Großmutter unter, der eigenwilligen Wirtin Burger-Lies. Von ihr erfährt sie den vollen Umfang des alten Unrechts – und nennt Matthias fortan den „Meineidbauern“. Bald darauf gelangt ein altes Beweisstück in ihre Hände, und die längst begrabene Schuld beginnt, an die Oberfläche zu drängen.
Die Handlung im Detail↑
Auf dem Adamshof macht die Magd Vroni dem Bauernsohn Toni schöne Augen. Der Großknecht warnt sie und erzählt vom Schicksal ihrer gleichnamigen Mutter, die einst Magd auf dem Kreuzweghof war. Diese bekam zwei Kinder, Vroni und Jakob, vom damaligen Kreuzwegbauern Jakob Ferner. Er wollte sie heiraten, zum Missfallen seines Bruders Matthias. Doch auf einer Reise nach Wien, auf die er den kleinen Jakob mitnahm, starb er plötzlich. Da sich kein Testament fand, verlor die Mutter den Erbschaftsprozess gegen Matthias, der beschwor, sein Bruder habe keinen letzten Willen geäußert. Mutter und Kinder wurden in Schande vom Hof vertrieben, und Matthias führte fortan ein äußerlich frommes Leben.
Vroni schlägt die Warnung des Knechts in den Wind. Als Creszenz, Toni, Matthias und der Adamshofbauer Höllerer auftreten, zeigt sich, dass Matthias und Höllerer die Heirat ihrer Kinder bereits vereinbart haben. Vroni ist entrüstet, doch Matthias weist sie barsch zurecht. Ihr bleibt nichts, als den Hof zu verlassen und bei ihrer Großmutter Unterkunft zu suchen, der Burger-Lies. Diese betreibt eine heruntergekommene Wirtschaft und bessert ihre Einkünfte auf, indem sie Schwärzer, also Schmuggler, beherbergt. Lies verachtet die scheinheilige Frömmigkeit ihrer Umgebung und ist ebenso eine Außenseiterin wie Vroni. Sie erzählt Vroni, dass Matthias das Testament seines Bruders habe verschwinden lassen und vor Gericht unter Eid das Gegenteil ausgesagt habe – deshalb nenne sie ihn den „Meineidbauern“. Zeuge des Vorfalls sei dessen damals zwölfjähriger Sohn Franz gewesen, der aber geschwiegen und den Hof später verlassen habe, um zu studieren.
Plötzlich betritt Jakob, Vronis Bruder, die Stube. Er ist auf die schiefe Bahn geraten und war lange im Zuchthaus. Weil er sein Ende nahen fühlt, hat er in Wien die letzten Habseligkeiten des Vaters geholt. Darunter ist ein Gebetbuch, das er Vroni überreicht. In ihm steckt ein Brief des Matthias, der bestätigt, das Testament erhalten zu haben. Im Wissen, dass seine Schwester nun das Beweisstück gegen den Meineidbauern besitzt, stirbt Jakob zufrieden.
Nach vielen Jahren kehrt Franz auf den Kreuzweghof zurück und wird vom Vater freudig empfangen. Matthias erläutert ihm seine Pläne: Creszenz solle Toni heiraten und so Adams- und Kreuzweghof vereinen. Das einzige Hindernis ist Franz selbst; der Vater hofft, ihn zum Geistlichen zu machen, weil er sich davon die Vergebung seiner Sünden verspricht. Doch Franz, der durch sein Mitwissen in die Schuld verstrickt ist, will damit nichts mehr zu tun haben und weist das Ansinnen empört zurück. Matthias beschwört ihn, es sich zu überlegen: Den Meineid habe er einst aus Sorge um die Zukunft seiner Kinder auf sich genommen.
Franz verlässt den Raum, und Vroni tritt auf. Sie sagt Matthias alles ins Gesicht und berichtet vom Brief, mit dem sie am nächsten Tag zum Kreisgericht gehen werde. Matthias ist am Boden zerstört, Vroni triumphiert. Franz bittet bei ihr für den Vater; sie hat nichts gegen ihn, will aber nicht auf ihr Recht verzichten. Bei der Lies angekommen, wird Vroni kurz darauf von Franz gewarnt: Sein Vater werde vor nichts zurückschrecken, um den Brief zurückzubekommen. Vroni nimmt gerührt sein Angebot an, das Haus zu bewachen, und beide gestehen einander ihre Liebe. Weil in dieser Nacht die zwielichtigen Schwärzer kommen, überredet sie ihn jedoch, wieder zu gehen.
Kaum ist Franz fort, erscheint Matthias mit seinem Gewehr und will Vroni mit einer Todesdrohung zwingen, den Brief herauszugeben. In ihrer Not behauptet sie, sie habe ihn Franz gegeben. Matthias stürmt hinaus in die gewittrige Nacht, um Franz den Brief abzupressen. Hoch über einer Schlucht trifft er den Sohn. Um Vroni zu schützen, streitet Franz nicht ab, den Brief zu haben, gibt ihn aber nicht heraus. Da schießt der Vater auf den Sohn, der in die Schlucht stürzt.
Im Glauben, seinen Sohn getötet zu haben, flüchtet Matthias zu einer alten Frau, der Baumahm, die mit ihrem kranken Bruder und zwei Nichten in einer abgelegenen Hütte lebt. Dort wird er Zeuge, wie sie ihren Nichten die Geschichte eines Bauern erzählt: Der sei meineidig geworden und trotz seiner lebenslang zur Schau gestellten Frömmigkeit vom Teufel geholt worden. Von Grauen gepackt, stirbt Matthias am Schlagfluss.
Unterdessen haben die Schwärzer den schwerverletzten Franz zur Hütte der Lies gebracht, wo Vroni ihn pflegt und sich schwere Vorwürfe macht. Als sie erkennt, dass er sterben könnte, ist sie bereit, auf all ihre Rechte zu verzichten, wenn sie ihn nur zum Mann nehmen darf. Mit den Worten „besser tot' Recht wird nie lebendig, als du verstirbst mir!“ zerreißt sie den Brief, der zwischen ihrer Liebe steht. Am nächsten Tag ist Franz auf dem Weg der Besserung. Höllerer, Creszenz und Toni treffen ein und berichten ihm vom Tod des Vaters und davon, dass nun er Herr des Kreuzweghofs sei. Mit der Aussicht auf die Hochzeiten von Vroni und Franz sowie von Creszenz und Toni schließt das Stück.
Stil↑
Angelegt ist das Werk als Volksstück mit Gesang in drei Akten, für das Adolf Müller senior die Musik beisteuerte. Diese Gattung verbindet ernstes, bäuerliches Milieu mit eingestreuten Gesangsnummern und richtet sich an ein breites Theaterpublikum. Anzengruber steht dabei in der Tradition des Realismus: Er zeigt das Landleben ungeschönt und rückt eine moralische Verfehlung mit ihren langen Folgen in den Mittelpunkt.
Die Figuren sprechen in einer dörflichen Mundart, wie die eingestreuten Wendungen erkennen lassen – etwa Matthias' Bekenntnis „um der Kinder will'n nähm ich die Sünd' auf mich“ oder Vronis Satz beim Zerreißen des Briefes. Dieser derbe, volkstümliche Ton verankert das Geschehen im ländlichen Alltag. Kennzeichnend ist zudem der Gegensatz zwischen äußerer Frömmigkeit und innerer Schuld: Die zur Schau getragene Gottesfurcht des Matthias entlarvt das Stück als Heuchelei. Am Ende wird die Schuld nicht durch ein Gericht, sondern durch das schlechte Gewissen und ein volkstümliches Schauerbild aufgelöst.
Rezeption↑
Zu den bekanntesten Bühnenwerken Anzengrubers gehört Der Meineidbauer neben Der Pfarrer von Kirchfeld und Das vierte Gebot. Schon die Uraufführung war mit Marie Geistinger in der Rolle der Vroni prominent besetzt.
Die Nachwirkung zeigt sich vor allem in zahlreichen Bearbeitungen für Film und Rundfunk. Bereits 1915 entstand eine Verfilmung, weitere folgten 1926, 1941 und 1956. Zudem wurde der Stoff mehrfach als Hörspiel eingerichtet. Auch Joseph Vilsmaier verfilmte den Stoff erneut. Über mehr als ein Jahrhundert hinweg blieb das Werk damit auf der Bühne und in den Bildmedien lebendig.
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