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Werkseintrag · Der Marmorfaun
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Cover Der Marmorfaun
Der Marmorfaun
1860
– Werkseintrag –

Der Marmorfaun

1860 · Roman

In einem traumhaft überhöhten Rom begegnen sich vier Künstlerseelen – und ein junger Graf, der einer antiken Faun-Statue gleicht und vielleicht mehr Naturwesen als Mensch ist.

Überblick↑

Als letzter der vier großen Romanzen Nathaniel Hawthornes erschien The Marble Faun im Jahr 1860, in England unter dem Titel Transformation. Der vollständige Titel lautet The Marble Faun: Or, The Romance of Monte Beni. Schauplatz ist ein traumhaft überhöhtes Italien, vor allem Rom. Hawthorne verbindet darin Züge der Fabel, der Hirtendichtung, des Schauerromans und des Reiseführers zu einer eigentümlichen Mischung. Die Anregung empfing er von einer antiken Faun-Statue, die dem Bildhauer Praxiteles zugeschrieben wird und die er in Rom sah.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Vier Gestalten stehen im Mittelpunkt: die Malerin Miriam, die Kopistin Hilda, der Bildhauer Kenyon und der junge Graf Donatello von Monte Beni. Miriam ist eine schöne Frau mit unbekannter Vergangenheit; immer wieder wird sie mit großen Frauenfiguren der Kunst und Geschichte verglichen. Ein geheimnisvoller, bedrohlicher Mann verfolgt sie und liegt wie ein böser Schatten über ihrem Leben. Hilda dagegen erscheint unschuldig und rein, in ihren festen sittlichen Grundsätzen beinahe streng. Kenyon, der nüchterne, vernunftgeleitete Künstler, hegt eine zärtliche Zuneigung zu ihr.

Die seltsamste Figur ist Donatello. Er liebt Miriam und gleicht auf verblüffende Weise der marmornen Faun-Statue. So entsteht das Spiel mit dem Gedanken, der Graf könne ein später Nachfahre jenes antiken Fauns sein – halb Mensch, halb Naturwesen. Aus dieser Nähe von Kunst und Leben, von Unschuld und drohender Schuld entwickelt sich die Handlung.

Die Handlung im Detail↑

In Rom kreuzen sich die Wege der vier Hauptfiguren zwischen Galerien, Kirchen und antiken Standbildern. Miriam, die Malerin mit der verschwiegenen Herkunft, wird von einem unheimlichen Fremden bedrängt, der sie nicht freigibt und in dem sich ihr früheres Leben verkörpert. Donatello, der den Grafentitel von Monte Beni trägt und der marmornen Faun-Statue zum Verwechseln ähnlich sieht, ist Miriam in inniger Liebe verbunden. Hilda, die reine Kopistin, und Kenyon, der vernunftgeleitete Bildhauer, bilden das Gegenpaar zu diesem dunkleren Bund.

Hawthorne lässt bewusst offen, ob in Donatello wirklich das Blut des antiken Fauns fortlebt. Noch in den Schlusskapiteln und in einem später hinzugefügten Nachwort verweigert er eine eindeutige Antwort. Die Figur des Grafen bleibt zwischen Mensch und Mythos in der Schwebe, ebenso wie das Schicksal der vier Gestalten am Ende nur angedeutet, nicht klar aufgelöst wird.

Über diesen offenen Schluss klagten schon die ersten Leser. Hawthorne reagierte darauf, indem er der zweiten Ausgabe ein Nachwort beifügte. Doch auch dieses räumt die Rätsel nicht restlos aus: Das Geheimnis um Miriams Vergangenheit, die wahre Natur Donatellos und der Ausgang ihrer Verstrickung behalten etwas Verschleiertes. Gerade dieses absichtsvolle Im-Ungewissen-Lassen ist Teil der Anlage des Buches.

Stil↑

Bezeichnend ist die Vermischung der Formen. In einem Buch verbinden sich Fabel und Hirtenidylle, Schauerroman und Reiseführer. Lange beschreibende Passagen führen durch Roms Kunstwerke und Landschaften – Teile, die manche zeitgenössischen Kritiker als ausschweifend oder ermüdend empfanden, da Hawthorne ein Werk im Umfang von drei Bänden schaffen sollte.

Kennzeichnend ist auch die Art, wie Hawthorne erzählt: andeutend statt enthüllend. Die Umrisse der Geschichte bleiben dunstig, die Gestalten wirken wie schattenhafte, fantastische Erscheinungen in einem goldenen Dämmerlicht. Über dem in der Fantasie überhöhten Italien liegt eine schwebende, geheimnisvolle Stimmung, die mehr auf Atmosphäre als auf scharfe Konturen setzt.

Rezeption↑

Geteilt fielen die ersten Urteile aus. Ralph Waldo Emerson tat den Roman als „mush“ ab, James Russell Lowell dagegen lobte ihn als christliches Gleichnis. Henry Wadsworth Longfellow nannte ihn im Privaten ein „wonderful book“, in dem aber „der alte, dumpfe Schmerz“ liege, der Hawthornes ganzes Werk durchziehe. Insgesamt waren die Besprechungen eher wohlwollend, viele Leser jedoch ratlos über den unbestimmten Schluss. William Dean Howells hielt fest, jeder habe das Buch gelesen und zugleich über sein offenes Ende geklagt. Der befreundete Kritiker Edwin Percy Whipple meinte, schon dieses eine Werk würde Hawthorne als Meister der englischen Sprachgestaltung ausweisen, und John Lothrop Motley überschüttete ihn brieflich mit Lob für die nebelhafte, traumartige Erzählweise.

Bis heute wirkt das Buch nach. Es wird als Anregung für H. P. Lovecrafts The Dream-Quest of Unknown Kadath genannt. William Faulkner gab 1924 einem Gedichtband den Titel A Marble Faun, und im Dokumentarfilm Grey Gardens wird der Roman mehrfach erwähnt. 1977 entstand eine dreiteilige italienische Fernsehfassung des Senders RAI unter der Regie von Silverio Blasi. 1996 wurde der Stoff zu einer Oper verarbeitet.

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