1881
Die Malavoglia
Überblick↑
Der Roman Die Malavoglia von Giovanni Verga erschien 1881. Er gilt als ein Hauptwerk des Verismo, der italienischen Spielart des Realismus. Erzählt wird die Geschichte der Fischerfamilie Toscano, die im Dorf den Necknamen Malavoglia trägt. Das Wort bedeutet ungefähr „widerwillig, lustlos“. Verga zeichnet ein breites Bild der sizilianischen Dorfwelt der 1860er und 1870er Jahre. Darin schildert er, wie eine Reihe von Schicksalsschlägen diese fleißige, geachtete Familie nach und nach ins Unglück stürzt. Das Buch bildet den Auftakt zu Vergas geplantem Zyklus Ciclo dei Vinti, dem Zyklus der Besiegten. Die erste deutsche Übersetzung von Charlotte Sauer kam 1940 heraus, drei weitere folgten.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht die Fischerfamilie Toscano, die seit Generationen Malavoglia genannt wird. Sie lebt im Dorf Trezza nahe Catania. Sie wohnt im „Haus mit dem Mispelbaum“ und verdient ihren Lebensunterhalt mit dem Boot „Provvidenza“, der Vorsehung. Über der Familie wacht der alte, konservative Großvater, Padron 'Ntoni. Er hält die Seinen nach strengen, althergebrachten Vorstellungen patriarchalisch zusammen.
Als die Familie in eine Notlage gerät, lässt sich der Großvater auf ein Geschäft ein: Auf Kredit kauft er eine Bootsladung Lupinen, um sie in einer anderen Stadt mit Gewinn weiterzuverkaufen. Doch das Unternehmen läuft anders als erhofft. Von da an folgt ein Unglück dem nächsten. Schulden, Krankheit, der Krieg und die harte Dorfgemeinschaft setzen den Malavoglia zu. Zugleich entscheidet sich das Schicksal der jungen Generation. Heiratspläne werden geschmiedet und zerschlagen. Der Enkel 'Ntoni hadert mit dem entbehrungsreichen Leben der Fischer, und die Tochter Mena liebt heimlich einen armen Fuhrmann.
Verga erzählt all das eingebettet in das alltägliche Gerede, den Klatsch und die Streitereien des ganzen Dorfes. Wer das Buch noch nicht kennt, kann diese Zusammenfassung gefahrlos lesen. Wie die Kette der Schläge ausgeht und was am Ende aus den einzelnen Familienmitgliedern wird, bleibt hier offen.
Die Handlung im Detail↑
Geschildert wird das Schicksal der Familie Toscano, von der Bevölkerung Malavoglia genannt. Zur Familie gehören der Großvater Padron 'Ntoni, sein Sohn Bastiano (Bastianazzo), dessen Frau Maruzza (genannt die Longa) und deren fünf Kinder: 'Ntoni, Luca, Filomena (Mena), Alessio (Alessi) und Rosalia (Lia). Sie leben im „Haus mit dem Mispelbaum“ und fischen mit ihrem Boot „Provvidenza“.
Die Handlung beginnt im Dezember 1863, als der zwanzigjährige Enkel 'Ntoni zum Militärdienst bei der Marine einberufen wird. Ohne seine Arbeitskraft fällt es schwer, die Familie zu ernähren. Der Großvater kauft daher auf Kredit beim Händler Crocifisso (genannt „Holzglocke“) für vierzig Unzen eine Ladung Lupinen, die Bastiano mit dem Boot in die Stadt Riposto bringen und dort gewinnbringend verkaufen soll. Während der nächtlichen Fahrt gerät die „Provvidenza“ in einen Sturm und erleidet Schiffbruch. Bastiano und sein Helfer ertrinken, die Ladung geht verloren. Damit trifft die Familie ein dreifaches Unglück: Ihr wichtigster Arbeiter ist tot, das schwer beschädigte Boot wird an die Küste gespült, und die Ehre verlangt, dass die Schulden für die Lupinen dennoch bezahlt werden.
Nach sechs Monaten kehrt der junge 'Ntoni vom Militär zurück. Um das Boot reparieren zu können, arbeitet die ganze Familie aufopferungsvoll: Großvater und Enkel verdingen sich als Tagelöhner, Luca trägt Steine für den Bau einer Eisenbahnbrücke, die Frauen weben Stoffe und waschen Wäsche. Doch die Einkünfte reichen nicht, um die zu Weihnachten fällige Summe an Crocifisso zu zahlen. Dieser verkauft seine Forderung zum Schein an den zwielichtigen Makler Piedipapera, der den Gerichtsvollzieher schickt. Ein Rechtsanwalt erklärt der Familie zwar, dass sie ohne offiziellen Vertrag gar nicht zahlen müsse – doch Padron 'Ntoni fühlt sich aus Gründen der Ehre an sein mündliches Wort gebunden. Der Gemeindesekretär Don Silvestro überredet die rechtsunkundige Maruzza, auf ihren Anspruch am Haus zu verzichten.
Die Reparatur gelingt, doch das Unglück geht weiter. Auch Luca wird zum Militär eingezogen und fällt beim Untergang einer italienischen Fregatte in der Seeschlacht vor Lissa. Der Schlag lähmt Großvater und Mutter. Crocifisso und Piedipapera nutzen die Lage aus, und um einen Prozess und Anwaltskosten zu vermeiden, gibt die Familie schließlich das „Haus mit dem Mispelbaum“ ab – mit der Hoffnung, es eines Tages zurückkaufen zu können. Schweren Herzens ziehen die Malavoglia als Mieter in ein anderes Haus. Im Dorf gilt das als gesellschaftlicher Abstieg. Damit zerschlägt sich auch die geplante Heirat Menas mit Brasi, dem Sohn des reichen Grundbesitzers Cipolla, denn dafür war das Haus als Mitgift vorgesehen. Mena ist darüber nicht unglücklich, denn sie liebt heimlich den bescheidenen Fuhrmann Alfio Mosca, der zur Arbeitssuche fortgezogen ist. Auch eine Verbindung des jungen 'Ntoni mit Barbara Zuppiddu scheitert.
Nach guten Fängen keimt neue Hoffnung, doch die „Provvidenza“ gerät erneut in einen Sturm und strandet; der alte 'Ntoni überlebt schwer verletzt. Die Familie arbeitet sich abermals empor und legt Geld für den Rückkauf des Hauses zurück. Da bricht eine aus Catania eingeschleppte Cholera-Epidemie aus. Mutter Maruzza erkrankt und stirbt. Ein großer Teil der Ersparnisse geht verloren. Der junge 'Ntoni, längst unzufrieden damit, nur für die Familie zu schuften, verlässt nun das Dorf, um in der Fremde sein Glück zu suchen. Ohne ihn können Großvater und der junge Alessi das Boot nicht mehr allein führen; sie verkaufen die „Provvidenza“ und arbeiten fortan im Tagelohn bei Cipolla.
Arm und enttäuscht kehrt 'Ntoni schließlich zurück. Er findet keinen Sinn mehr in der Lebensauffassung seines Großvaters, nach jeder Niederlage wieder von vorn zu beginnen. Lustlos arbeitet er, sitzt im Wirtshaus und räsoniert über die Ungerechtigkeit der Welt. Am Ende wird er als Schmuggler zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Auch die jüngste Tochter Rosalia (Lia) verlässt die Familie und gerät auf Abwege; sie wird zur Prostituierten. Mena, deren Familienansehen so tief gesunken ist, lehnt nun die erneute Werbung Alfios ab und bleibt unverheiratet im Haushalt ihres Bruders. Dem jüngeren Sohn Alessi aber gelingt rund zehn Jahre nach Beginn der Handlung ein Neuanfang: Als selbständiger Fischer mit eigenem Boot kauft er das „Haus mit dem Mispelbaum“ zurück, heiratet seine Jugendliebe, das Nachbarmädchen Nunziata, und gründet eine eigene Familie. Der alte Padron 'Ntoni erlebt diesen bescheidenen Wiederaufstieg, findet aber selbst keinen Platz mehr im zurückgewonnenen Haus.
Stil↑
Als Hauptvertreter des Verismo schlägt Verga in der italienischen Literatur einen neuen Ton an. Das Publikum wurde bis dahin mit sentimentalen Liebesgeschichten unterhalten. Verga führt dagegen das harte Leben und das Elend der einfachen Leute vor – nicht um den Leser zu deprimieren, sondern um ein Bewusstsein zu schaffen. In einem Brief kündigte er selbst nicht eine erfundene Geschichte an, sondern „den Umriss einer Geschichte, ein menschliches Dokument“.
Kennzeichnend ist die sogenannte „chorale Rede“. Die Haupthandlung erzählt Verga im Wesentlichen chronologisch. Immer wieder umgibt er sie mit den Stimmen des ganzen Dorfes: Klatsch und Tratsch, Gerüchte, Eifersüchteleien, verbale Auseinandersetzungen und die Kommentare der Nachbarn. Das Alltagsleben spielt sich zwischen den Häusern, auf den Straßen und im Wirtshaus ab. Dort reden und streiten die Menschen über Geschäfte, Preise, Heiratspläne und das Tagesgeschehen. Besonders Venera, die Frau des Kalfaterers Turi Zuppiddu, hält als Klatschbase die Gerüchteküche in Gang. So entsteht ein breiter Chor, an dem jeder teilnimmt.
Besonders kennzeichnend ist Vergas Technik der Distanzierung. Wie auf einer Theaterbühne lässt er die Figuren ohne Erzählerkommentar sich selbst darstellen und sich gegenseitig bewerten. Es gibt keine Analyse, kein Urteil von Autor oder Erzähler. Vielmehr nimmt der Erzähler einen chamäleonhaften Charakter an und schlüpft jederzeit in den Standpunkt der jeweiligen Figur. Diese „Entfremdung“, das Zurücktreten des Autors hinter seine Gestalten, gilt als das Revolutionäre an Vergas Kunst. Dass solche Distanz kein Widerspruch zu menschlicher Anteilnahme ist, betonte Verga ausdrücklich. Er habe kein Streitprogramm, sondern ein Kunstwerk schaffen wollen. Mit dem Bild des Lebens, „wie es ist“, habe er seinen Teil zugunsten der Armen und Enterbten beigetragen.
Rezeption↑
Nach seinem Erscheinen 1881 war der Roman zunächst ein Misserfolg bei Kritik und Publikum. Verga selbst gestand seinem Freund Luigi Capuana brieflich, das Buch sei „gescheitert, ein vollständiges Fiasko“. Nur wenige hätten Gutes darüber gesagt. Roberto Saviano erklärte diese kühle Aufnahme später mit den glanzvollen Jahren der Belle Époque. Mitten in der allgemeinen Fortschrittsbegeisterung war kein Raum für die gnadenlose Schilderung der Welt der Untergegangenen. Es habe Mut gehört, sich so beharrlich mit den armen Bauern und Fischern Siziliens zu beschäftigen.
Das Urteil hat sich grundlegend gewandelt. Heute zählen Die Malavoglia und Mastro-Don Gesualdo zu den bemerkenswertesten Romanen der italienischen Literatur. Sie gehören zu den am weitesten verbreiteten Lektüren im Kanon der italienischen Schulen.
Über die Kernaussage des Buches sind sich die Kritiker uneins. Viele verweisen darauf, dass Verga selbst keine Antwort auf die Frage nach Ursache und Lösung des Unglücks gibt. Das Leid der Geschlagenen erscheine unabwendbar, weil sie sich gar nicht dagegen auflehnen wollten. Gerade darin würden sie über ihr kleines irdisches Dasein hinausgehoben; eine christlich gefärbte Erfahrung werde so sichtbar. Andere relativieren das Bild eines fundamentalen Pessimismus. Sie verweisen auf den kleinen Hoffnungsschimmer, den Verga den Malavoglia am Ende lässt. In Antonio Piromallis Literaturgeschichte wird Vergas Pessimismus eine historische Bedeutung zugesprochen. Er entdecke gegen den bürgerlichen Fortschrittsglauben die Werte des Lebens der Armen. Verga sei in Wahrheit der Dichter der tragischen Größe besiegter Menschen. Saviano wiederum sieht – nicht unwidersprochen – die „Ursünde“ der Familie im Lupinengeschäft. Er deutet es als Hinwendung zum Kapitalismus, der als Geist der Zeit bis in das sizilianische Dorf vorgedrungen sei.
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