1890 – 1928
Klabund
Kurzporträt↑
Unter dem Pseudonym Klabund schrieb der Dichter Alfred Henschke, der 1890 in Crossen an der Oder geboren wurde und 1928 in Davos starb. Sein Deckname setzte sich aus den Wörtern Klabautermann und Vagabund zusammen und deutete auf ein rastloses Leben außerhalb der bürgerlichen Ordnung. Von Jugend an litt er an Tuberkulose, die sein kurzes Leben prägte und ihn zu vielen Kuraufenthalten in der Schweiz und in Italien zwang. Er trat vor allem als Lyriker hervor, übertrug und bearbeitete orientalische und chinesische Dichtung und wandelte sich während des Ersten Weltkriegs vom anfänglich begeisterten Patrioten zum entschiedenen Pazifisten. Sein Drama Der Kreidekreis wurde 1925 zu einem großen Bühnenerfolg.
Biografie↑
Geboren wurde Alfred Georg Hermann Henschke, genannt „Fredi“, als Sohn des Apothekers Alfred Henschke aus Frankfurt an der Oder und dessen Frau Antonia. In der Forschung umstritten ist der genaue Geburtsort: Während die Deutsche Biographie Crossen an der Oder nennt, verzeichnet Wikidata das heutige Krosno Odrzańskie – beide Angaben meinen dieselbe Stadt in ihrer historischen und heutigen Form. Als Sechzehnjähriger erkrankte Henschke während einer Wanderung durch das Riesengebirge zunächst an einer Rippenfellentzündung und danach an Tuberkulose. Die Krankheit begleitete ihn sein Leben lang und bereitete ihm durch die zahlreichen Kurreisen große finanzielle Sorgen.
Das Abitur bestand er 1909 am Humanistischen Friedrichsgymnasium in Frankfurt an der Oder mit besten Noten. Anschließend studierte er auf Wunsch seines Vaters zunächst Chemie und Pharmazie in München. Bald wechselte er die Fächer und widmete sich der Philosophie, Philologie und Theaterwissenschaft in München, Berlin und Lausanne. In München verschaffte ihm der Theaterwissenschaftler Artur Kutscher, der zu einem frühen Förderer wurde, Zugang zur Bohème. Dort machte er unter anderem die Bekanntschaft von Frank Wedekind, Bertolt Brecht und Käthe Brodnitz. 1912 brach er das Studium ab und lebte fortan seinen dichterischen Neigungen.
Ein erster Gedichtband erschien 1913 in Berlin unter dem Titel Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern!. Sein erster Roman trug den Titel Der Rubin. Roman eines jungen Mannes; das Manuskript stellte er im Mai 1914 fertig. Der Beginn des Ersten Weltkriegs und Auseinandersetzungen mit dem Verlag verhinderten das Erscheinen, sodass der Roman erst 1929 posthum bei Phaidon in Wien herauskam. 1913 kam der Kontakt zu Alfred Kerrs Zeitschrift PAN zustande; ebenso veröffentlichte er in der Jugend und im Simplicissimus. Von 1914 an arbeitete er für die Zeitschrift Die Schaubühne, die später in Die Weltbühne umbenannt wurde.
Den Ersten Weltkrieg begrüßte er anfangs begeistert und verfasste eine Reihe patriotischer Soldatenlieder. Zum Militär wurde er nicht eingezogen, weil inzwischen beide Lungenflügel von Tuberkulose befallen waren. In dieser Zeit begann er, sich mit orientalischer Literatur zu beschäftigen, die er häufig übersetzte und bearbeitete. So übertrug er Gedichte des persischen Dichters Hafis unter dem Titel Der Feueranbeter ins Deutsche. Im Laufe des Krieges wandelte er sich zum Kriegsgegner. Beeinflusst wurde er dabei von Brunhilde Heberle, seiner späteren Frau, die er im Lungensanatorium kennengelernt hatte. Er nannte sie mit ihrem zweiten Vornamen Irene. Im Tessin schloss er sich einem Kreis pazifistischer deutscher Emigranten an. In der „Villa Neugeboren“ in Monti sopra Locarno, die er mit seiner Geliebten bezog, verkehrten um dieselbe Zeit Ernst Bloch, Hermann Hesse, Emmy Hennings, Else Lasker-Schüler und Gusto Gräser.
1917 veröffentlichte die Neue Zürcher Zeitung Klabunds offenen Brief an Wilhelm II. mit der Aufforderung zur Abdankung. Daraufhin wurde gegen ihn ein Verfahren wegen Vaterlandsverrats und Majestätsbeleidigung eingeleitet. In der Schweiz gehörte er zum Kreis um René Schickele, für dessen pazifistische Weiße Blätter er ebenfalls schrieb. Dass er trotz seiner Haltung weiter zwischen der Schweiz und Deutschland reisen konnte, erklärt sich durch einen 2007 bekannt gewordenen Umstand: In den Jahren 1917 und 1918 war er als Informant des deutschen Militärnachrichtendienstes tätig. Außerdem arbeitete er ab 1916 für das Kriegspresseamt des Großen Generalstabes in Berlin als Kriegsberichterstatter und verfasste Schriften für die Kriegspropaganda, darunter das Buch Moreau. Roman eines Soldaten.
1918 heiratete er Brunhilde Heberle. Sie starb im selben Jahr nach einer Frühgeburt, das Kind vier Monate später, am 17. Februar 1919. Im Jahr seiner Eheschließung erschien mit dem Roman Bracke, einer Eulenspiegel-Erzählung, sein erfolgreichstes Prosawerk. 1920 widmete er seiner Freundin und Muse Marietta di Monaco den kurzen Liebesroman Marietta. Bei einer Theateraufführung am 19. Juli 1924 in den Münchener Kammerspielen lernte er die Schauspielerin Carola Neher kennen, die er umwarb. Das Paar heiratete am 5. Mai 1925; es wurde eine turbulente Ehe mit häufigen Trennungen.
1925 wurde sein Drama Der Kreidekreis in Meißen uraufgeführt. Der Stoff geht auf die chinesische Dichtung um den Richter Bao Zheng zurück, die ihm in der Übersetzung von Anton Eduard Wollheim da Fonseca vorlag. Die Berliner Aufführung im selben Jahr machte das Stück zum großen Erfolg, sodass Bearbeitungen folgten: Alexander von Zemlinsky komponierte 1933 die Oper Der Kreidekreis, und Bertolt Brecht verfasste 1948 das Theaterstück Der kaukasische Kreidekreis. In den folgenden Jahren schrieb Klabund regelmäßig für Kabaretts wie Schall und Rauch. Seine volkstümlichen, an den Bänkelsang angelehnten Gedichte und Lieder erreichten in diesen Jahren ihre größte Popularität.
Im Mai 1928 erkrankte Klabund bei einem Aufenthalt in Italien an einer Lungenentzündung, die zusammen mit seiner nie ausgeheilten Tuberkulose lebensbedrohlich wurde. Er wurde zur Behandlung nach Davos gebracht, wo er an der Seite seiner Frau Carola Neher kurz darauf starb. Begraben wurde er in Crossen, dem heutigen Krosno Odrzańskie; die Grabrede hielt sein Freund Gottfried Benn. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Grabmal zerstört.
Literarische Merkmale↑
Prägend für Klabunds Werk war der schon früh gefasste Entschluss, keine feste berufliche Bindung einzugehen und außerhalb der bürgerlichen Ordnung zu leben. Vorbild war ihm dabei François Villon, dem er sich verwandt fühlte und dem er 1919 das lyrische Porträt Der himmlische Vagant widmete. Sein Werk blieb überwiegend lyrisch bestimmt. Der Gedichtband Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmern! zeigt laut der Neuen Deutschen Biographie Einflüsse Heines und Wedekinds, die ihm gesinnungsmäßig nahestanden. Zugleich markieren diese Gedichte einen scharfen Bruch mit der naturalistischen und impressionistischen Tradition.
Auf bewusste Schockierung der Öffentlichkeit angelegt waren die 1913 in Alfred Kerrs Zeitschrift PAN veröffentlichten Gedichte, die wegen ihres Inhalts gerichtlich verfolgt wurden, ihm aber auch frühen Ruhm einbrachten. Seine Nachdichtungen chinesischer Lyrik, etwa des vagabundierenden Dichters Li-Tai-Pe im Band Dumpfe Trommeln und berauschtes Gong von 1915, spiegeln bereits die beginnende Wandlung seiner Haltung zum Krieg. Auf dem Höhepunkt seines lyrischen Schaffens, das vor allem zwischen 1912 und 1922 entstand und zeitlich mit der expressionistischen Bewegung zusammenfällt, stehen die ganz dem Expressionismus verpflichteten Bände Irene oder die Gesinnung von 1917 und Dreiklang von 1919, die Krieg und Völkermord anklagten. Die Deutsche Biographie beschreibt seine Dichtung als eine aus innerem Erleben erwachsende, bis zur Ekstase gesteigerte Expression, die auf Veränderung der Welt und des Menschen zielte. Der frühe Tod seiner ersten Frau prägte die Dichtung der Davoser Jahre stark. Daneben stehen die volkstümlichen, an den Bänkelsang angelehnten Lieder für das Kabarett, die seine größte Popularität begründeten.
Rezeption↑
Ihren frühen Ruhm verdankte Klabunds Dichtung zunächst dem Skandal: Die als obszön empfundenen Gedichte in Kerrs Zeitschrift PAN brachten ihm ein Gerichtsverfahren ein, öffneten ihm aber auch die Mitarbeit an Zeitschriften wie der Jugend und dem Simplicissimus. Seine volksliedhaften Soldatenlieder gelangten 1914 zu rascher Popularität, bevor sich seine Haltung zum Krieg wandelte. Nach seinem Tod feierte Carl von Ossietzky ihn in der Weltbühne als „letzten freien Rhapsoden“.
Trotz seines sozialkritischen und pazifistischen Tons geriet Klabunds Werk nicht in die nationalsozialistische Bücherverbrennung. Im NS-Staat durfte allerdings nur ein unpolitischer Teil seiner Schriften weiter veröffentlicht werden. Nachhaltig wirkte vor allem sein Drama Der Kreidekreis weiter, das nicht nur als Oper vertont wurde, sondern auch Bertolt Brecht zu seinem Der kaukasische Kreidekreis anregte.
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