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Werkseintrag · Das Stalin-Epigramm
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Das Stalin-Epigramm
1933
– Werkseintrag –

Das Stalin-Epigramm

1933 · Lyrik

Sechzehn Zeilen gegen den mächtigsten Mann des Landes, die ihr Verfasser lieber im Kopf trug als zu Papier brachte.

Überblick

Bei dem Stalin-Epigramm handelt es sich um ein politisches Spottgedicht von sechzehn Zeilen, das Ossip Mandelstam im November 1933 verfasste. In beißenden Bildern greift der Text Josef Stalin und den sowjetischen Geheimdienst an. Es gilt als eines der schärfsten politischen Gedichte der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Für seinen Verfasser hatte es schwere Folgen: Verhaftung, Verbannung und Zwangsarbeit, die er nicht überleben sollte.

Inhalt (ohne Spoiler)

Wenige Verse genügen Mandelstam, um ein Machtsystem und seinen Herrscher zu zeichnen. Das Gedicht spricht von einem Mann, den es den „Bergbewohner des Kreml“ nennt, ohne den Namen Stalins zu nennen. In grotesken Bildern erscheint dieser Herrscher: seine Finger wie fette Würmer, sein Schnurrbart wie riesige Käfer über der Oberlippe. Um ihn herum eine Schar von Zuträgern, während im Land Furcht regiert.

Mandelstam schrieb das Gedicht nicht sofort nieder, sondern trug es zunächst nur im Kopf. Er sprach es einem kleinen Kreis von Vertrauten vor, denn eine weitere Verbreitung war lebensgefährlich. Dichtung, so seine Überzeugung in jener Zeit, müsse staatsbürgerlich sein und Stellung beziehen.

Die Handlung im Detail

Im November 1933 begann Mandelstam, das Epigramm gegen den „Bergbewohner des Kreml“ zu formen. Er dichtete es zunächst mündlich und aus dem Gedächtnis. Erst später vertraute er es einem engen Kreis an. Zu Anna Achmatowa sagte er, in der heutigen Zeit müssten Gedichte staatsbürgerlich sein. Als Vorbild galt ihm Étienne de La Boétie, der schon im 16. Jahrhundert in seiner Schrift über die freiwillige Knechtschaft die Wirkung solcher Worte gezeigt hatte.

Das Gedicht ist eine Kette grotesker Bilder. Stalins Finger werden mit fetten Würmern verglichen, sein Schnurrbart mit riesigen Käfern. Mandelstam war überzeugt, dass Dichtung eine Macht sei, denn für sie werde man getötet. Seine Frau Nadeschda deutete später, ihr Mann habe damit die Form seines eigenen Todes gewählt und dabei auf den beinahe abergläubischen Respekt der sowjetischen Machthaber vor der Dichtung gesetzt. Sie sorgte sich, er werde einmal ohne Grab und ohne Totenfeier irgendwo im Fernen Osten verscharrt werden. Dem Dichter selbst gestand sie später, er habe ihr im Jahr darauf gesagt, er sei bereit zu sterben.

Freunde reagierten mit Entsetzen. Als Mandelstam Boris Pasternak das Gedicht vorsprach, wehrte dieser erschrocken ab: Er habe nichts gehört, Mandelstam habe nichts vorgetragen, denn womöglich hätten die Wände und sogar das Pflaster Ohren. Auf die Frage, was ihn zu dem Gedicht getrieben habe, antwortete Mandelstam, nichts verabscheue er so sehr wie den Faschismus in jeder Gestalt. In dieselbe Zeit fiel ein Streit, bei dem er dem staatstreuen Schriftsteller Alexei Tolstoi eine Ohrfeige gab.

Niedergeschrieben wurde das Gedicht erst vor dem Untersuchungsrichter in der Lubjanka, dem Gebäude des Geheimdienstes. Dort brachte Mandelstam die sechzehn Zeilen auf ein kariertes Blatt aus einem Schulheft. Seine Frau durfte ihn dort sprechen. Sie erfuhr, dass dem Richter bereits eine erste Fassung des Gedichts vorlag, in der Stalin noch als Menschenfresser bezeichnet wurde. Der Richter nannte Nadeschda die Mitwisserin eines konterrevolutionären Schriftstücks, verfolgte sie aber nicht weiter und deutete an, dass die Milde von höchster Stelle komme.

Mandelstam wurde 1934 zum ersten Mal verhaftet und nach Tscherdyn verbannt. Nach einem Selbstmordversuch, bei dem er aus einem Krankenhausfenster sprang, wurde das Urteil gemildert und in Verbannung nach Woronesch umgewandelt, wo er bis 1937 blieb. Dort entstand sein „Woronescher Heft“. Im Mai 1938, während der Zeit der großen Säuberungen, wurde er erneut verhaftet, diesmal wegen angeblich konterrevolutionärer Tätigkeit, und zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Auf dem Weg in ein Durchgangslager vor den Toren der Kolyma starb er, entkräftet von Hunger und Kälte, in der Nähe von Wladiwostok. Sein Leichnam wurde in ein Massengrab geworfen.

Stil

Aus sechzehn Zeilen, die sich zu acht Verspaaren fügen, formt Mandelstam ein dichtes Ganzes. Als Vertreter der literarischen Strömung des Akmeismus, die auf klare, greifbare Bilder setzte, verleiht er einem Gegenstand, der ihn weit übersteigt, eine feste, sinnliche Gestalt. Seine Mittel sind die der Karikatur: übertreibende, ins Groteske gesteigerte Vergleiche, die den Herrscher und seine Umgebung ins Lächerliche ziehen. Finger wie fette Würmer, ein Schnurrbart wie riesige Käfer – solche Bilder machen aus dem gefürchteten Machthaber eine widerwärtige, fast komische Erscheinung. Die knappe Form des Epigramms verschärft die Wirkung: Jede Zeile trifft, nichts ist überflüssig.

Rezeption

Schon die ersten Zuhörer waren entsetzt und beschworen Mandelstam, das Gedicht zu vergessen. Unter den Zeitgenossen gab es verschiedene Urteile, die Nadeschda Mandelstam in ihren Erinnerungen festhielt. Der Biologe Boris Kusin meinte, wer die Revolution annehme, müsse auch ihren Anführer hinnehmen. Ilja Ehrenburg mochte das Gedicht nicht und hielt es für unbedeutend. Für Nadeschda dagegen war es kein bloßer Vers, sondern eine Tat, ein notwendiges Zeugnis dessen, was vor aller Augen geschah. Sie sah als tieferen Grund, dass ihr Mann angesichts der Zwangskollektivierung und der Hungersnöte, die er in der Ukraine und am Kuban wahrnahm, nicht mehr schweigen konnte.

Anna Achmatowa, die die Ereignisse aus der Nähe miterlebte, beschrieb jene Zeit als apokalyptisch: Die Mandelstams waren ohne Geld und ohne Wohnung, Ossip rang schwer nach Luft. Als jemand berichtete, sein Vater habe keine warme Kleidung mehr, zog Mandelstam den Pullover unter seiner Jacke aus, um ihn dem Vater zu schicken.

Lange blieb das Werk verboten. Bis 1987, in der Zeit der Perestroika, galt Mandelstam offiziell noch als Verbrecher. Erst mit dem Zerfall der Sowjetunion trat seine Dichtung aus dem heimlichen Untergrund, dem Samisdat, ans Licht – fast siebzig Jahre nach der Entstehung des Epigramms. Michel Aucouturier, der das Vorwort zu Nadeschda Mandelstams Erinnerungen verfasste, sah darin ein Verbrechen, das man vergessen machen wollte. Man könne diese Zeilen heute nicht lesen, ohne daran zu denken, dass sie ihren Verfasser das Leben kosteten – gerade das verleihe den sechzehn Versen ihr besonderes Gewicht.

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