1952
Der Palmweintrinker
Überblick↑
Der Roman Der Palmweintrinker ist das Erstlingswerk des nigerianischen Autors Amos Tutuola. Er entstand in den 1940er Jahren und erschien 1952 unter dem Originaltitel The Palm-Wine Drinkard bei Faber and Faber. Die Geschichte greift Motive aus den Volkserzählungen der Yoruba auf. Geschrieben ist sie in dem Englisch, wie es vor Ort gesprochen wird und oft als Yoruba English oder Pidgin English bezeichnet wird. Bei seinem Erscheinen wurde das Buch im Westen wie in Nigeria teils begeistert, teils scharf kritisiert. Mit der Zeit setzte sich die Einschätzung durch, dass es zu den wichtigen Texten der afrikanischen Literatur der Gegenwart zählt. Bislang wurde es in dreizehn Sprachen übersetzt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Erzählt wird die Geschichte eines namenlosen und reichen Mannes, der nichts so sehr liebt wie Palmwein. Dieses Getränk aus dem gegorenen Saft der Palme ist in Westafrika weit verbreitet. Für den Nachschub sorgt ein außerordentlich begabter Palmweinzapfer. Als dieser stirbt, will sich der Trinker nicht damit abfinden. Er beschließt, in die Stadt der Toten zu reisen und seinen Zapfer aus dem Reich der Toten zurückzuholen.
Auf dieser Reise begegnet ihm eine Welt voller Geister und übernatürlicher Wesen, und er besteht ein Abenteuer nach dem anderen. Er trifft eine Frau, die nicht heiraten will und am Ende doch die Ehefrau eines hüpfenden Schädels wird. Er begegnet den drei göttlichen Wesen Trommel, Tanz und Gesang. Und er erfährt, warum Himmel und Erde sich einst voneinander trennen mussten.
Die Handlung im Detail↑
Im Mittelpunkt steht ein namenloser Ich-Erzähler, ein reicher Mann, dessen größtes Vergnügen der Palmwein ist. Das Getränk wird aus dem gegorenen Saft des Palmbaums gewonnen und ist in Westafrika verbreitet. Der Erzähler hält sich einen eigenen Palmweinzapfer, der sein Handwerk mit außerordentlichem Geschick betreibt. Als dieser Zapfer stirbt, bricht die Grundlage des sorglosen Lebens weg.
Der Erzähler findet sich damit nicht ab. Er fasst den Entschluss, in die Totenstadt zu gehen und den Verstorbenen aus dem Reich der Toten zurückzuholen. Damit beginnt eine lange Wanderung, auf der ihm zahllose Geister und andere übernatürliche Wesen begegnen. Ein Abenteuer reiht sich an das nächste.
Zu den Begegnungen gehört eine Frau, die sich weigert zu heiraten und schließlich zur Ehefrau eines hüpfenden Schädels wird. Der Erzähler trifft ferner auf drei göttliche Wesen mit den Namen Trommel, Tanz und Gesang. Und er erfährt unterwegs, aus welchem Grund Himmel und Erde sich einst voneinander trennen mussten. Die einzelnen Stationen fügen sich weniger zu einer geradlinigen Handlung als zu einer Kette von Wundern und Prüfungen, die der Suchende auf seinem Weg in die Welt der Toten und zurück durchsteht.
Stil↑
Sprachlich fällt Der Palmweintrinker aus dem Rahmen dessen, was Leser der 1950er Jahre von einem Roman erwarteten. Tutuola schreibt nicht in normiertem Schulenglisch, sondern in dem Englisch, das in seiner Umgebung tatsächlich gesprochen wurde und als Yoruba English oder Pidgin English bezeichnet wird. Dylan Thomas nannte es ein „junges Englisch“.
Der Stoff stammt aus den Volkserzählungen der Yoruba. Tutuola verknüpft diese Motive zu einer fortlaufenden Ich-Erzählung, in der Geister, Verwandlungen und Wunder keiner Erklärung bedürfen. Frühe Kritiker warfen dem Buch deshalb Naivität vor; erst später wurde die Machart als eigenständige literarische Form anerkannt.
Rezeption↑
Bereits die Erstveröffentlichung durch Faber and Faber wurde in der westlichen Welt breit besprochen. Der Afrikanist und Literaturhistoriker Bernth Lindfors legte 1975 eine Anthologie vor, die alle bis dahin erschienenen Kritiken zu Tutuolas Werken versammelte. Eine der ersten Besprechungen stammte von Dylan Thomas, der begeistert von einer „verhexenden Geschichte“ und einer „großartigen, teuflischen Erzählung“ sprach.
Andere Stimmen der Frühzeit urteilten schroff. Sie nannten das Buch „primitiv“ oder „naiv“. Die New York Times Book Review behauptete, Tutuolas Welt habe „keinerlei Verbindung zum europäischen Rationalismus und zu den christlichen Traditionen“; sie bezeichnete den Autor als „echten Wilden“, der in einem „nicht bewusst gewollten Stil“ schreibe.
Solche Urteile hatten Folgen für die Aufnahme in Nigeria selbst. Manche afrikanische Intellektuelle betrachteten das Buch als schädlich für ihre Sache, weil sie fürchteten, es könne die rassistische Sicht des Westens auf Afrika bestätigen. Andere hielten Tutuola vor, er habe lediglich Volksgeschichten der Yoruba nacherzählt. Erst mit der Zeit wurde das Werk als eigenständige Schöpfung und als neue literarische Form gewürdigt.
Die deutsche Übersetzung von Walter Hilsbecher erschien 1955 mit einem Nachwort von Janheinz Jahn; von dieser Ausgabe kamen mehrere Lizenzausgaben heraus. Siegfried Lenz empfahl das Buch nachdrücklich: „Man sollte selbst lesen und staunen und sich wundern ohne Ende. Es ist ein modernes und uraltes Märchen zugleich, alles hat in ihm Eingang gefunden mit einer bezaubernden Selbstverständlichkeit: die Gefährdung des Daseins, seine Schätze und sein Schauder, seine Milch und seine Magie“.
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