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Werkseintrag · Die Wupper
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Cover Die Wupper
Die Wupper
1909
– Werkseintrag –

Die Wupper

1909 · Drama

Else Lasker-Schülers erstes Schauspiel von 1909 fängt das Wuppertal der Fabriken in schlaglichtartigen Szenen ein – zwischen Unternehmervilla und Arbeiterstube, zwischen frommer Strenge und stummer Verzweiflung.

Überblick

Mit Die Wupper legte Else Lasker-Schüler 1909 ihr erstes Theaterstück vor. Es ist ein Schauspiel in fünf Akten. Es greift die soziale Wirklichkeit ihrer Geburtsstadt Wuppertal auf. Die Lyrikerin schildert das Industriemilieu mit seinen schroffen Gegensätzen zwischen Fabrikantenfamilie und Arbeiterschaft. Das Stück erschien im Berliner Verlag Oesterheld & Co. Nach dem Druck blieb es zunächst ungespielt. Erst zehn Jahre später kam es in Berlin zur Uraufführung. Heute gilt es als ein bedeutendes frühes Werk zwischen Naturalismus und Expressionismus.

Inhalt (ohne Spoiler)

Schauplatz ist das Wuppertal um die Jahrhundertwende. Es ist eine Landschaft aus Fabriken, Bleichwiesen und engen Gassen. Im Mittelpunkt stehen zwei Familien. Sie verkörpern das soziale Gefälle der Industriestadt: die Unternehmerfamilie Sonntag und die Arbeiterfamilie Pius. Lasker-Schüler erzählt keine geradlinige Geschichte. Sie reiht Szenen aneinander, in denen Figuren aus beiden Welten aufeinandertreffen: Fabrikherren, Arbeiter, Dienstboten, fromme Eiferer und gestrandete Gestalten. Religiöse Inbrunst und soziale Not, Begehren und Heuchelei stoßen hart aufeinander. Hinter den Einzelszenen wird sichtbar, wie wenig die Menschen einander wirklich erreichen.

Die Handlung im Detail

Das Stück verzichtet auf eine durchgehende Handlung im klassischen Sinn. Stattdessen verdichtet Lasker-Schüler atmosphärische Szenen schlaglichtartig zu einem Gesamtbild des Wuppertals als Industrielandschaft. An den Schicksalen der Mitglieder der Unternehmerfamilie Sonntag und der Arbeiterfamilie Pius zeigt sie, wie beide Seiten an der inneren Beziehungslosigkeit und Sinnlosigkeit des Lebens leiden – der äußere Wohlstand der einen bietet ebenso wenig Halt wie die Not der anderen.

Die soziale Wirklichkeit des Wuppertals tritt dabei in drastischen Motiven hervor: die Welt der Fabriken, religiöse Strenge, sexuelle Übergriffe, körperliche Bloßstellung und Verzweiflung bis hin zum Selbstmord. Die Verführung einer Minderjährigen, Exhibitionismus und Suizid gehören zu den Stoffen, an denen sich später Theater und Publikum reiben werden. Soziale und religiöse Gegensätze sind nicht Hintergrund, sondern bilden den eigentlichen Stoff des Stücks: das pietistisch geprägte Bürgertum, die Welt der Arbeiter und das Heer der Außenseiter werden in ihrer Sprache, ihrem Glauben und ihrem Elend nebeneinandergestellt, ohne dass Lasker-Schüler eine versöhnende Lösung anbietet.

Stil

Die Formensprache des Stücks ist vielfältig und eigenwillig. Lasker-Schüler verzichtet auf eine stringente Handlungsentwicklung. Stattdessen setzt sie auf schlaglichtartig und atmosphärisch verdichtete Szenen, die sie aneinanderreiht. Diese offene, bildhafte Bauweise stellt das Schauspiel zwischen zwei literarische Strömungen. Auf der einen Seite steht ein radikal gesellschaftskritischer, am Naturalismus geschulter Blick auf das Industriemilieu. Auf der anderen Seite steht ein bereits expressionistischer Aufbau. Gerade diese Mischung machte es etablierten Theatern lange schwer, das Werk anzunehmen. Der naturalistische Stoff war zu hart, die expressionistische Form zu ungewohnt.

Rezeption

Schon der Beginn war ein Misserfolg im Buchhandel. Der Verlag Oesterheld & Co. lehnte 1912 ein weiteres Manuskript Lasker-Schülers ab. Er begründete das mit den Worten, er habe sich „noch nicht erholt vom Reinfall in meine Wupper". Geplante Aufführungen scheiterten reihenweise: beim Verein Neue Freie Volksbühne 1912 und bei Max Reinhardt am Deutschen Theater 1918/19. Erst der Verein Junges Deutschland brachte das Stück am 27. April 1919 in Berlin auf die Bühne, offiziell als private Veranstaltung. Es folgten fünf weitere Vorstellungen. Eine erste reguläre Berliner Inszenierung folgte 1927 mit sechzehn Wiederholungen. Eine Zürcher Aufführung in Anwesenheit der Dichterin gab es 1936.

Auch nach dem Krieg blieb das Werk umstritten. Die Kölner Inszenierung von 1958 mit dem Bühnenbild Teo Ottos löste wütende Proteste aus. Den größten Skandal erlebte das Stück 1966 in Wuppertal selbst, der Stadt, der Lasker-Schüler es gewidmet hatte. Zur Einweihung des neuen Schauspielhauses sollte Die Wupper in Anwesenheit von Bundespräsident Heinrich Lübke gespielt werden. Manche Inhalte wurden als anstößig empfunden: Verführung einer Minderjährigen, Exhibitionismus, Nacktfotos, Selbstmord. Deshalb verlegte man die Aufführung kurzfristig auf den nächsten Tag und ersetzte sie durch Lessings Nathan der Weise. Heinrich Böll hielt zur Eröffnung eine viel beachtete Rede über die Freiheit der Kunst. Genau deren Kerngedanken widersprach die Verlegung. Die Wuppertaler Inszenierung wurde dann zum Berliner Theatertreffen 1967 eingeladen und vom WDR fürs Fernsehen aufgezeichnet. Weitere Hörspielfassungen folgten, zuletzt 1978 unter Heinz Dieter Köhler mit Brigitte Horney.

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