1869 – 1945
Else Lasker-Schüler
Kurzporträt↑
Else Lasker-Schüler (1869–1945) gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen der Moderne. Sie war eine herausragende Stimme des literarischen Expressionismus. Ihre Lyrik verbindet leidenschaftliche Liebesgedichte mit religiösen Tönen, biblischen und orientalischen Motiven sowie kühnen Wortneuschöpfungen. Daneben schrieb sie Dramen und Prosa und schuf zahlreiche Zeichnungen. 1932 wurde ihr der Kleist-Preis zugesprochen, als letzter Preisträgerin vor der NS-Machtergreifung. 1933 floh sie in die Schweiz, ab 1939 lebte sie im Exil in Jerusalem. Gottfried Benn rühmte sie 1952 als „größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte".
Biografie↑
Geboren wurde Elisabeth Schüler am 11. Februar 1869 in Elberfeld, dem heutigen Stadtteil Wuppertals. Sie war das jüngste von sechs Kindern einer jüdischen Familie. Ihr Vater Aaron Schüler war Privatbankier. Ihre Mutter Jeanette, geborene Kissing, wuchs in der Familie des Frankfurter Verlegers Leopold Sonnemann auf. Else galt als Wunderkind und konnte bereits mit vier Jahren lesen und schreiben. Ab 1880 besuchte sie das Lyzeum West an der Aue. Laut der Deutschen Biographie verließ sie es um 1880 wegen einer periodischen Nervenkrankheit (Chorea). Anschließend erhielt sie Privatunterricht zu Hause. Der Tod ihres Lieblingsbruders Paul, als sie dreizehn Jahre alt war, und vor allem der frühe Tod ihrer Mutter im Juli 1890 prägten sie tief. Den Verlust der Mutter empfand sie als „Vertreibung aus dem Paradies".
1894 heiratete sie den Arzt Jonathan Berthold Lasker, einen älteren Bruder des Schachweltmeisters Emanuel Lasker, und zog mit ihm nach Berlin. 1897 starb auch ihr Vater. 1899 kam ihr Sohn Paul zur Welt, der laut der Deutschen Biographie unehelich war. Den Vater hat sie nie genannt. Im selben Jahr erschienen ihre ersten Gedichte in Zeitschriften, 1901 folgte der Gedichtband Styx. 1903 wurde die Ehe mit Berthold Lasker geschieden. Im selben Jahr heiratete sie den Schriftsteller und Musiker Georg Lewin, dem sie den Künstlernamen Herwarth Walden gab. Er wurde später Herausgeber der einflussreichen Zeitschrift „Der Sturm". Mit der Scheidung verzichtete sie auf bürgerlich gesicherte Lebensformen und schloss sich der Berliner Bohème an.
1906 erschien ihr erstes Prosawerk, Das Peter Hille-Buch, nach dem Tod ihres Freundes und dichterischen Mentors Peter Hille. Dieser hatte sie den „schwarzen Schwan Israels" genannt. 1907 folgte die Prosasammlung Die Nächte der Tino von Bagdad, 1909 das Schauspiel Die Wupper. Uraufgeführt wurde es jedoch erst 1919 im Deutschen Theater Berlin. Mit dem Gedichtband Meine Wunder (1911) wurde sie zur führenden deutschen Expressionistin. 1910 trennte sie sich von Walden, 1912 wurde auch diese Ehe geschieden. Ohne festes Einkommen lebte sie von der Unterstützung von Freunden, darunter Karl Kraus. Im Sommer 1912 begegnete sie Gottfried Benn. Aus der intensiven Freundschaft gingen zahlreiche Liebesgedichte hervor. Im selben Jahr begann der Briefwechsel mit Franz Marc. Er schickte ihr unter anderem das Aquarell Der Turm der blauen Pferde als Neujahrsgruß auf 1913. Sie nannte ihn „den blauen Reiter", sich selbst „Prinz Jussuf von Theben". 1913 erschienen die Hebräischen Balladen, 1919 der Roman Der Malik, in dem sie auch Marc und Georg Trakl ein Denkmal setzte. 1921 folgte Der Wunderrabbiner von Barcelona, in dem sie den Antisemitismus scharf anklagt.
Der Tod ihres Sohnes Paul 1927 an Tuberkulose stürzte sie in eine schwere Krise. 1932 erhielt sie gemeinsam mit Richard Billinger den Kleist-Preis – die letzte Verleihung vor der nationalsozialistischen Machtergreifung. Nach tätlichen Angriffen emigrierte sie am 19. April 1933 in die Schweiz. Dort fand sie in Zürich und Ascona ein gefährdetes Exil und erhielt Arbeitsverbot. Ihr Stück Arthur Aronymus und seine Väter stand 1933 am Berliner Schillertheater kurz vor der Premiere. Die Nationalsozialisten nahmen es sofort vom Spielplan. 1934 und 1937 reiste sie nach Palästina. 1938 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. 1939 unternahm sie ihre dritte Palästinareise. Der Kriegsbeginn und die Verweigerung des Schweizer Rückreisevisums hinderten sie an einer Rückkehr.
In Jerusalem wohnte sie zunächst in Hotels, ab Sommer 1941 zur Untermiete in der King George Street in Rechavia. Eine monatliche „Ehrenrente", getragen je zur Hälfte von der Jewish Agency und vom Verleger Salman Schocken, sicherte ihr eine bescheidene Existenz. Zu ihrem Freundeskreis im Exil zählten Werner Kraft, Martin Buber, Samuel Hugo Bergman und Ernst Simon. Ernst Simon widmete sie zwölf Gedichte ihres letzten Bandes Mein blaues Klavier (1943). Sie gründete den literarischen Salon „Kraal", der am 10. Januar 1942 von Martin Buber im französischen Kulturzentrum eröffnet wurde. Weil ihre Lesungen auf Deutsch stattfanden, wurden sie ihr nach einiger Zeit untersagt. Ihr letztes Drama IchundIch, eine Fortsetzung von Goethes Faust, blieb Fragment. Nach einem Herzanfall am 16. Januar 1945 starb Else Lasker-Schüler am 22. Januar 1945. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof am Ölberg in Jerusalem beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Else Lasker-Schülers Werk umfasst ein umfangreiches lyrisches Schaffen, drei Dramen, kürzere Erzählungen und Skizzen, Briefe und viele Zeichnungen. Den Kern bildet die Lyrik. Sie geht sehr frei mit den äußeren Regeln poetischer Form um, erreicht aber zugleich eine große innere Konzentration. Vor sprachlichen Neuschöpfungen schreckt sie nicht zurück. Liebeslyrik nimmt einen breiten Raum ein. Daneben stehen tief religiöse Gedichte und Gebete, deren Übergänge oft fließend sind. Das spätere Werk ist reich an biblischen und allgemeiner orientalischen Motiven. Ein berühmtes Beispiel ist Ein alter Tibetteppich, das nach seiner Erstveröffentlichung im „Sturm" viele Nachdrucke erfuhr.
Bezeichnend für ihr Schaffen ist die Verwandlung von Leben in Dichtung. Nach dem Tod Peter Hilles 1904 setzte, so die Deutsche Biographie, ein Prozess der „Selbstmythisierung" ein, der ihr Werk fortan bestimmte. Sie erhob sich selbst zur orientalischen „Prinzessin Tino von Bagdad", später zum „Prinzen Jussuf von Theben". Die Dichtung gewinnt für sie zunehmend religiösen Charakter. Kunst begreift sie als priesterlichen Dienst, als ein „Platzmachen für Gott". Auf dieser Grundlage entstehen die 1913 erschienenen Hebräischen Balladen. In ihnen verwandelt sie biblische Gestalten wie Abel, Jakob, Joseph, David, Abigail, Esther und Ruth in einen eigenen, hebräischen Mythos. Aus dem gleichen Verfahren leben auch die autobiografisch gefärbten Schriften Ich räume auf, Konzert und Das Hebräerland, die nach den Worten der Deutschen Biographie eine „mythische Biographie" ergeben.
Ihr Drama Die Wupper, geschrieben 1908, ist eine „böse Arbeitermär", wie sie selbst sagte – ein poetisches Milieudrama. Nach dem Urteil der Deutschen Biographie zeigt sich darin eine erstaunliche Hellsichtigkeit für die sozialen Missstände der Zeit. Eine Gruppe von drei „Herumtreibern" begleitet das Stück antagonistisch wie ein antiker Chor. In Arthur Aronymus und seine Väter nahm sie die Judenverfolgung vorweg. Das fragmentarische Spätwerk IchundIch entwirft eine Faust-Fortsetzung. Darin beobachten Mephisto und Faust vom Höllengrund aus, wie Hitler die Welt erobert. Hinzu kommt das zeichnerische Werk. Über einhundert ihrer Zeichnungen hingen in der Berliner Nationalgalerie und wurden 1937 als „entartete Kunst" entfernt. Im Briefwechsel mit Franz Marc verband sie eigenhändig Schrift und Bild zu Schöpfungen einer „doppelten Doppelbegabung".
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten polarisierte Else Lasker-Schüler. Ihre öffentlichen Auftritte, das Vortragen ihrer Gedichte und ihre zahlreichen Mystifikationen als Künstlerin verschafften ihr Anhänger wie Gegner. Rainer Maria Rilke schrieb 1913 an seine Mäzenin Sidonie Nádherný von Borutín: „ich möchte bellen, wie sie's neulich tat; schlecht, schlecht, aber ich habe nicht die Stimme dafür." Franz Kafka bekannte gegenüber Felice Bauer, er könne ihre Gedichte nicht leiden. Er fühle bei ihnen „nichts als Langweile über ihre Leere und Widerwillen wegen des künstlichen Aufwandes". Andere bewunderten sie umso mehr. Peter Hille hatte sie früh den „schwarzen Schwan Israels" und „eine Sappho" genannt. Gottfried Benn, dessen frühe Lyrik unter ihrem Einfluss stand, würdigte sie 1952 in einer Rede als die „größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte". Er pries ihre Sprache als „ein üppiges, prunkvolles, zartes Deutsch". Benns Rede gilt als Beginn der erneuten Auseinandersetzung mit der verfolgten und am Ende mittellosen Dichterin. Anders als Annette von Droste-Hülshoff oder Ingeborg Bachmann war sie, so das Urteil eines Teils der Forschung, durch ihre Modernität „schlicht konkurrenzlos". Ihr gelang es, in der deutschen Dichtung den dominanten Symbolismus fast im Alleingang durch den Expressionismus abzulösen. Thomas Anz bemerkt: „Formal und strukturell moderne Lyrik trifft man zuerst bei Else Lasker-Schüler an".
In Israel wurden ihre Werke trotz ihrer ausschließlich deutschen Sprache vielfach rezipiert. Die erste hebräische Übertragung nahm 1922 Alice Jacob-Loewenson vor, 1925 folgten Übersetzungen von Uri Zvi Greenberg. Während der NS-Zeit ruhte die Übersetzungsarbeit weitgehend. 1945 setzte Leah Goldberg sie mit Veröffentlichungen in der Zeitung „Al-HaMischmar" fort. Später übertrugen unter anderem Yehuda Amichai (1969) und Natan Zach Texte ins Hebräische. Auch jiddische und hebräische Schriftsteller wie Abraham Sutzkever und Nathan Wasserman ließen sich von ihr inspirieren. Aufsehen erregte in den neunziger Jahren der Fund eines Koffers Lasker-Schülers in der Schweiz. Seine Heimholung in das Archiv der Israelischen Nationalbibliothek warf auch die Frage nach der einstigen Visumsverweigerung neu auf.
Auch im deutschsprachigen Raum wirkt sie in Denkmälern, Bühne, Film und Musik fort. In Wuppertal-Elberfeld erinnert seit 1989 das Denkmal Meinwärts von Stephan Huber an die Dichterin, das auf eine Initiative Heinrich Bölls zurückgeht. In Berlin-Halensee und Berlin-Schöneberg künden Gedenktafeln von ihren Wohnorten. Bei Jerusalem steht im Aminadav-Wald die Skulptur Engel für Jerusalem von Horst Meister, inspiriert von ihrem Gedicht Gebet. Die Wupper wurde 1958 in Düsseldorf neu inszeniert, IchundIch 1979 in Düsseldorf welturaufgeführt. 1979 entstand Georg Brintrups WDR-Film Ich räume auf mit Gisela Stein, 1989 Amos Gitais Spielfilm Berlin Jerusalem. 2019 wurde Johannes Harneits Oper IchundIch an der Staatsoper Hamburg uraufgeführt. Die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft in Wuppertal bewahrt einen Teil ihrer Zeichnungen. 2024 wurde sie in die Liste der FrauenOrte NRW aufgenommen.
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