Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Incidences
Eingang · Werke · Incidences
Abbildung nicht verfügbar
Incidences
– Werkseintrag –

Incidences

· Erzählung

Der Zyklus versammelt einunddreißig winzige Erzählungen, in denen der Alltag ins Absurde kippt und hinter dem Grotesken die Frage nach dem Bösen im Menschen aufscheint.

Überblick↑

Der Zyklus Incidences ist die einzige von Daniil Charms selbst zusammengestellte Sammlung. Unter dem russischen Titel Slutschai (etwa: „Fälle“ oder „Vorfälle“) vereint sie einunddreißig kurze Erzählungen und Szenen aus den 1930er-Jahren. Charms widmete das Werk seiner Frau Marina Malitsch. Wie ein Großteil seines Schaffens für Erwachsene blieb die Sammlung zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht. Die Texte gelten als ein Kernstück seiner absurden, oft grotesken Kurzprosa.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Statt einer durchgehenden Geschichte versammelt der Zyklus viele sehr kurze, in sich geschlossene Stücke. Es sind Erzählungen und kleine Szenen, die zwischen knapper Prosa, Tagebuchnotiz, philosophischer Betrachtung und Gedicht changieren. Charms schrieb sie im Lauf der 1930er-Jahre, teils aus älteren Arbeiten übernommen, teils neu verfasst.

Der Ton ist absurd und oft grotesk. Alltägliche Situationen kippen ins Unlogische, Figuren stolpern durch scheinbar zusammenhanglose Begebenheiten, und der Erzähler bricht seine Berichte gern unvermittelt ab. Hinter dem scheinbar Beiläufigen verbergen sich Fragen nach dem Menschen, nach Enge, Dummheit und den verdeckten Seiten des Lebens. Wer die einzelnen Stücke liest, findet einen eigenwilligen Kosmos, der sich gewöhnlichen Erwartungen an eine Erzählung entzieht.

Die Handlung im Detail↑

Der Zyklus besteht aus einunddreißig Texten, die Charms nach seinen eigenen Aufzeichnungen zwischen 1933 und 1938 zusammenstellte. Der Literaturwissenschaftler W. I. Glozer rechnete dem Zyklus auch einige später entstandene Erzählungen zu. Charms schrieb die Sammlung sauber in ein eigenes Heft und versah sie mit einem Inhaltsverzeichnis. Die Überschrift jeder Erzählung ist sorgfältig mit Feder und Buntstiften ausgeführt. Glozer beobachtete, dass die Einträge ab Nummer 27 später als die übrigen niedergeschrieben wurden.

Das erste Stück des Zyklus, „Blaues Heft, Nr. 10“, übernahm Charms aus einem anderen Heft mit fester, blau bezogener Pappe, in dem es die Nummer 10 trug. Dort war der Text mit dem Vermerk „Gegen Kant“ versehen. Die Reihung der Stücke ist nicht in allen Ausgaben gleich: In der von W. N. Saschin besorgten Gesamtausgabe fehlt die Nummer 4, „Ereignis auf der Straße“, sodass sich die weitere Zählung um eins verschiebt.

Für die Deutung des Zyklus ist der Titel selbst aufschlussreich. Saschin weist darauf hin, dass das Wort „Slutschai“ seit einem Gedicht von 1926 immer wieder als Überschrift in Charms' Prosa und Lyrik auftaucht. Er führt diese Vorliebe auf Charms' Beschäftigung mit okkulten Vorstellungen zurück, die sich auf das Buch Tertium Organum des russischen Philosophen P. D. Uspenski stützten.

Der OBERIU-Weggefährte J. S. Druskin sah in den Texten eine Untersuchung über den Ursprung des Bösen im Menschen, die Beschränktheit und Dummheit bloßstellt und verspottet. Druskin machte drei Grundthemen aus: das Leben im Wunderbaren, das Aufdecken heuchlerisch verborgener Seiten des Lebens und das Motiv des Untermenschen. Aus deren Verflechtung entstehe eine neue literarische Form an der Grenze zwischen Tagebuchnotiz, philosophischer Betrachtung, Erzählung und Gedicht. Druskin warnte zugleich davor, die in der Ich-Form erzählten Stücke für ein Selbstbildnis des Autors zu halten.

Stil↑

Kennzeichnend ist die äußerste Knappheit der Form. Charms verdichtet Geschehen auf wenige Zeilen und setzt sich eine strenge tägliche Schreibdisziplin, zu der eine Heftseite Prosa gehörte. Seine Texte lassen sich keiner überlieferten Gattung zuordnen: Sie verbinden Tagebuchnotiz, philosophische Reflexion, Erzählung und Gedicht zu einer eigenen Form. Das Absurde und Groteske ist dabei kein bloßer Scherz, sondern Mittel, um Beschränktheit und Dummheit sichtbar zu machen. Die sorgfältige äußere Gestaltung des Manuskripts – mit Feder und Buntstiften ausgeführte Titel, ein eigenes Inhaltsverzeichnis – zeigt, dass Charms den Zyklus als geschlossenes Werk verstand.

Rezeption↑

Zu Lebzeiten von Charms konnte der Zyklus nicht erscheinen. Seit Mitte der 1930er-Jahre war ihm die Möglichkeit, seine Werke für Erwachsene zu veröffentlichen, faktisch genommen; dennoch arbeitete er unvermindert weiter. Die Erschließung der Sammlung erfolgte erst nach seinem Tod. Der Literaturwissenschaftler W. I. Glozer legte 1989 eine Ausgabe des Inhaltsverzeichnisses vor, W. N. Saschin besorgte 1997 eine textkritische Gesamtausgabe. Eine englische Übersetzung von Neil Cornwell erschien 1993 unter dem Titel Incidences.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten