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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Daniil Charms
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Porträt Daniil Charms
Daniil Charms
1905 – 1942
– Autorenporträt –

Daniil Charms

1905 – 1942 · 36 Jahre

Daniil Charms, eine der eigenwilligsten Stimmen der russischen Avantgarde, wurde zu Lebzeiten kaum gedruckt und starb 1942 im belagerten Leningrad – sein geretteter Nachlass erschien erst Jahrzehnte später.

Kurzbiografie↑

Zu den eigenwilligsten Stimmen der russischen Avantgarde zählt Daniil Charms, geboren 1905 in Sankt Petersburg. Sein eigentlicher Name war Daniil Iwanowitsch Juwatschow; „Charms“ war der von ihm bevorzugte, im Pass eingetragene Künstlername. Er schrieb Prosa, Gedichte, Theaterstücke, Anekdoten und Kürzestgeschichten, die sich von allem unterschieden, was zu seiner Zeit gedruckt wurde. Zu Lebzeiten sah er nur zwei Gedichte für Erwachsene veröffentlicht; den Großteil seines Werks kannten nur wenige nahestehende Menschen. Erst im Zuge der Perestroika wurden seine Texte einer größeren Öffentlichkeit zugänglich, nachdem sein Freund, der Mathematiker und Philosoph Jakow Druskin, den Nachlass aus der bombardierten Wohnung im belagerten Leningrad gerettet hatte.


Biografie↑

Geboren wurde Daniil Iwanowitsch Juwatschow nach dem gregorianischen Kalender am 30. Dezember 1905 in Sankt Petersburg. Seine Mutter, Nadeschda Iwanowna Koljubakina, entstammte einer alteingesessenen Adelsfamilie aus dem Gouvernement Saratow und leitete von 1900 bis 1918 ein Frauenasyl für entlassene Strafgefangene. Sein Vater, Iwan Juwatschow, war das siebte Kind einer Familie von Parkettpolierern. Als Mitglied der antizaristischen Narodnaja Wolja wurde er 1883 verhaftet und 1884 verurteilt. Die Todesstrafe wurde in fünfzehn Jahre Haft umgewandelt, von denen er zwölf als Zwangsarbeiter auf Sachalin verbrachte. Während der langen Haft wandelte er sich zum gläubigen Christen und veröffentlichte später unter dem Pseudonym Miroljubow zahlreiche Schriften.

Daniil wuchs mit seiner 1909 geborenen Schwester Jelisaweta auf. Die Erziehung im Elternhaus war streng, asketisch und russisch-orthodox geprägt; die Bibellektüre gehörte fest zum Alltag. Religiöse Symbolik, bis hin zu okkulten Themen, sollte in seinen Aufzeichnungen und seinem Werk eine wichtige Rolle spielen. Er lernte früh lesen und schreiben. Die Eltern förderten die sprachliche Entwicklung mit englisch- und deutschsprachigen Erzieherinnen und ermöglichten den Besuch der deutschsprachigen St. Petri-Schule, in die er 1915 eintrat. 1922 musste er diese Schule wegen schlechter Noten und unangepassten Verhaltens verlassen. Danach besuchte er eine Schule im Vorort Detskoje Selo, wo er 1924 die Hochschulreife erwarb.

Anschließend nahm Charms ein Studium am Elektrotechnikum in Leningrad auf, das er nach einem Jahr abbrach. Ein 1926 begonnenes Studium an der Filmabteilung des Instituts für Kunstgeschichte beendete er ebenfalls nicht. Dort lernte er die Regisseure Leonid Trauberg und Grigori Kosinzew von der experimentellen Theatergruppe FEKS kennen, deren Spiel mit der Absurdität und der Übersteigerung des Alltäglichen sein Werk beeinflusste. In diese Zeit fielen auch prägende Bekanntschaften: 1925 lernte er den Dichter Alexander Wwedenski kennen und fand Anschluss an einen Freundeskreis, dem auch die Philosophen Leonid Lipawski und Jakow Druskin angehörten.

Seinen Künstlernamen verwendete Charms neben vielen anderen Pseudonymen. Dessen Bedeutung ist nicht eindeutig geklärt; vermutet werden Anklänge an das französische charme und das englische charm („Zauber“), an das englische harm („Schaden“) sowie an den von ihm bewunderten Sherlock Holmes. Auch im Auftreten pflegte er einen für die Zeit ungewöhnlichen Stil mit kariertem Jackett, Golfhosen und Pfeife. Nahestehende Menschen mahnten jedoch, ihn nicht auf diese Maske zu reduzieren. Seine Ehefrau Marina Malitsch räumte ein, die Maske habe sein Verhalten mitbestimmt, sei aber sehr natürlich erschienen.

Charms war in wechselnden künstlerischen Zirkeln aktiv. Er formierte 1926 gemeinsam mit Wwedenski den privaten Freundeskreis der Tschinari, der sich vor allem mit religiösen Fragen befasste. 1927 gründete er zusammen mit Wwedenski und Nikolai Sabolozki die Künstlervereinigung OBERIU, die „Vereinigung der Realen Kunst“. Ihre erste öffentliche Veranstaltung, Drei linke Stunden, fand am 24. Januar 1928 im Haus der Presse statt; dabei wurde sein Stück Jelisaweta Bam uraufgeführt. Im April 1930 wurde OBERIU nach kommunistischer Zeitungskritik für staatsfeindlich erklärt und verboten. Zu Lebzeiten sah Charms nur zwei Gedichte für Erwachsene gedruckt: 1926 Vorfall auf der Eisenbahn und 1927 Gedicht des Pjotr Jaschkin. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit Texten für Kinderzeitschriften und Kinderbücher, für die er eigene Pseudonyme nutzte.

Privat war Charms zunächst mit Ester Alexandrowna Rusakowa verheiratet, die er 1928 heiratete und von der er sich 1933 scheiden ließ. 1934 heiratete er Marina Malitsch, mit der er in einer Gemeinschaftswohnung, einer „Kommunalka“, zusammen mit seinen Eltern und der Familie der Schwester lebte. Seinen letzten Auftritt vor einer größeren Öffentlichkeit hatte er wohl 1935, als er auf der Trauerfeier für den Maler Kasimir Malewitsch ein Gedicht vortrug.

In den späten 1930er Jahren spitzte sich seine Lage zu. Wirtschaftliche Not kam hinzu, und sein soziales Umfeld wurde durch die stalinistischen Verhaftungswellen zerschlagen: Freunde und Kollegen wie Nikolai Oleinikow wurden verhaftet und erschossen, seine erste Frau Ester kam 1938 im Lager um. Zwei Monate nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde Charms am 23. August 1941 zum zweiten Mal verhaftet, diesmal wegen des Vorwurfs defätistischer Propaganda. Ein rechtsmedizinisches Gutachten diagnostizierte eine „Psychose (Schizophrenie?)“. Mitte Dezember wurde er in die psychiatrische Anstalt des Leningrader Kresty-Gefängnisses eingewiesen. Seine Ehefrau erfuhr erst bei einem Besuch im Februar 1942 von seinem Tod: „Gestorben am zweiten Februar.“ Als mutmaßliche Todesursache während der Leningrader Blockade gilt Unterernährung; Sterbe- und Bestattungsort sind unbekannt. In der Angabe des Sterbeortes weichen die Quellen voneinander ab: Die Deutsche Nationalbibliothek nennt Leningrad, Wikidata dagegen Sankt Petersburg – gemeint ist dieselbe Stadt unter ihrem damaligen Namen.


Literarische Merkmale↑

Charakteristisch für das Werk von Charms ist zunächst seine Kürze: Der längste Text erreicht die Länge einer Kurzgeschichte. Der Nachlass umfasst fast alle literarischen Gattungen – Prosa, Gedichte, Theaterstücke, Anekdoten, Märchen, Dialoge, Kurz- und Kürzestgeschichten sowie Tagebücher, Briefe und Zeichnungen. In der Forschung werden mehrere Schaffensphasen unterschieden.

In der laut- und wortorientierten Dichtung der 1920er Jahre wandte Charms die von Welimir Chlebnikow und Alexei Krutschonych entwickelten Techniken an: Er zerstörte die Wortbedeutung durch Neologismen und unkorrekte Satzstrukturen. Diese an einer futuristischen Kunstsprache orientierte Schreibweise wird auch als zaum'-Phase bezeichnet. Vertraute Zusammenhänge werden vorgetäuscht und dann aufgelöst; typisch ist auch die Erfindung magischer Wörter und Zauberformeln.

Von etwa 1926 bis 1932 wandte er sich verstärkt dem Theater zu. Seine Stücke wie Die Komödie der Stadt St. Petersburg und Jelisaweta Bam lassen keinen durchgehenden Handlungsstrang erkennen. In Jelisaweta Bam wird die Protagonistin wegen Mordes angeklagt und von ihrem eigenen Mordopfer verhaftet und verhört. Charakteristisch ist eine in hohem Maße irreale, unverständliche Welt aus Bildern, Gedanken und Objekten sowie ein dialogischer Aufbau. In seinem Text Gegenstände und Figuren setzte er sich mit dem Objekt und dem menschlichen Bewusstsein auseinander und formulierte den Gedanken, jeder Gegenstand besitze auch einen freien Willen: „Die fünfte Bedeutung des Schrankes – ist der Schrank.“

Ab 1932 widmete er sich verstärkt der Prosa. Da er nicht mehr öffentlich auftreten durfte, verschwammen die Grenzen zwischen Alltagsnotiz und künstlerischem Schaffen. Der fragmentarische Charakter nahm ab, die Themenbezogenheit zu. Behandelt werden metaphysisch-religiöse Suche, Hunger und Tod, der Verlust von Freiheit und die Bedrohung durch Gewalt. Das längste Prosastück ist die Erzählung Die Alte. Am bekanntesten ist der Zyklus Die Fälle, in dem Gedicht, Kurzgeschichte, dramatischer Dialog und Anekdote gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Diese Texte zwingen ihre Leser, in reduzierten Alltagsszenen das Verschwinden von Menschen, den Tod und banale Vorgänge gleichermaßen hinzunehmen. Das Absurde besteht oft darin, dass die Texte keine Pointe haben. Jakow Druskin sah in der formalen Absurdität und im Humor ein Mittel zur Entlarvung des erstarrten, „toten“ Lebens; Charms selbst habe gesagt, es gebe im Leben zwei erhabene Dinge, den Humor und die Heiligkeit.


Rezeption↑

Erst spät und über Umwege fand das Werk von Charms den Weg zu einem breiteren Publikum. Die wissenschaftliche Analyse der Texte der Oberiuten setzte in den USA in den 1970er Jahren ein. Der Begriff des Absurden wurde durch George Gibians Sammlung Russia's Lost Literature of the Absurd von 1971 geprägt. In der Folge setzte die westliche Forschung OBERIU mit dem Theater des Absurden von Martin Esslin gleich, obwohl Theaterstücke nur einen kleinen Teil ihrer Texte ausmachten. Aus demselben Grund wurden die Prosastücke mit Samuel Beckett und Franz Kafka in Verbindung gebracht. Neuere Untersuchungen betonen dagegen die Bedeutung des religiös-spirituellen Hintergrunds, während andere in den Texten ein Abbild des absurden Stalinismus sehen. Kritisiert wurde an dieser Lesart, dass sie dem Vorgehen des NKWD ähnele, der ebenfalls überall subversive Botschaften vermutet habe.

Sein Werk wurde in die meisten Sprachen übersetzt, darunter Rumänisch, Hebräisch, Serbokroatisch und Japanisch. In der Bundesrepublik ist seine Verbreitung eng mit dem Übersetzer Peter Urban verbunden, der Charms als Erster ins Deutsche übertrug. Das Stück Jelisaweta Bam wurde 1983 im Westberliner Künstlerhaus Bethanien erstmals in der Bundesrepublik aufgeführt und erhielt positive Kritiken. Eine Montage aus seinen Erzählungen, Briefentwürfen und Dialogen am Berliner Zan Pollo Theater wurde als „Theaterereignis der Saison“ gefeiert. In den 1990er Jahren waren seine Stücke im Durchschnitt zweimal jährlich auf deutschen Bühnen zu sehen. In der Sowjetunion erschien 1988 die erste Dissertation zu OBERIU; die erste Monografie folgte 1991 auf Französisch.

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