1936
Funeral Blues
Überblick↑
Das Gedicht Funeral Blues, auch nach seiner Anfangszeile „Stop all the clocks“ bekannt, stammt von W. H. Auden. Es erschien zuerst 1936 in dem Versstück The Ascent of F6, das Auden zusammen mit Christopher Isherwood schrieb. Einige Jahre später arbeitete Auden den Text gründlich um, diesmal als Kabarettlied für die Sängerin Hedli Anderson. Beide Fassungen wurden von Benjamin Britten vertont. Die zweite Fassung erschien 1938 im Druck und trug in Audens Sammlung Another Time von 1940 den Titel Funeral Blues. Es zählt heute zu den bekanntesten neueren Gedichten in Großbritannien.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein Sprecher trauert um einen geliebten Menschen und verlangt, dass die Welt um ihn her innehält. Die Uhren sollen stehenbleiben, das Telefon soll verstummen. Was sonst selbstverständlich weiterläuft, soll dem Verlust weichen.
In der überarbeiteten Fassung bleiben die ersten beiden Strophen ganz im Alltag und nennen ganz gewöhnliche Dinge wie Flugzeuge und Telefone. Die beiden neuen Strophen greifen dagegen zu Bildern, wie man sie aus alten Balladen kennt: das Meer, der Himmel. Aus einem privaten Schmerz wird so nach und nach ein Anspruch an die ganze Welt.
Die Handlung im Detail↑
Zunächst war das Gedicht fünf Strophen lang und Teil des Versstücks The Ascent of F6 von 1936. Dort wurde es von Benjamin Britten vertont und als Bluesstück vorgetragen. Hedli Anderson gehörte zu den Hauptdarstellerinnen dieser Aufführung.
Für sie beschloss Auden, mehrere Gedichte zu Kabarettliedern umzuarbeiten, darunter auch dieses. Er war damit schon 1937 beschäftigt und dürfte die Neufassung noch im selben Jahr abgeschlossen haben. Die ersten beiden Strophen behielt er bei. Die letzten drei ersetzte er durch zwei neue, denn die alten Verse bezogen sich so stark auf das Stück, dass sie außerhalb davon kaum verständlich waren. Der Dichter Joseph Warren Beach hielt sie überdies für eher schwach.
Der Sprecher fordert in den ersten Strophen, alles Gewohnte anzuhalten: die Uhren, das Telefon. Die zweite Hälfte weitet den Befehl ins Maßlose. Am Ende steht die Aufforderung, den Ozean auszugießen und die Wälder wegzufegen, denn nichts könne nun noch gut werden. Das Gedicht enthält das Eingeständnis „I thought that love would last for ever: I was wrong“. Der Trauernde bleibt mit einem Verlust zurück, der sich nicht rückgängig machen lässt.
Die Neufassung erschien zuerst 1938 in der Anthologie Poems of To-Day, Third Series der English Association. Im selben Jahr stand sie unter dem Titel Blues auch in The Year's Poetry, 1938. In Another Time von 1940 nahm Auden das Gedicht als eines von vier „Four Cabaret Songs for Miss Hedli Anderson“ auf; hier trug es den Titel Funeral Blues. In späteren Sammlungen wechselte die Überschrift mehrfach: 1945 erschien es als Song Nr. XXX, in den Ausgaben von 1950 und 1966 blieb es ohne Titel, in Collected Shorter Poems 1927–1957 wurde es zu Song IX einer Folge von zwölf Liedern, und 1977 stand es in The English Auden 1927–1939 nur noch als „XXXIV“. All diese Bezeichnungen hat Auden zu Lebzeiten selbst gebilligt.
Britten schrieb für die erste Aufführung von The Ascent of F6 1937 eine Fassung für Chor und Instrumentalgruppe. Später richtete er das Stück für Singstimme und Klavier ein, innerhalb einer Sammlung von Auden-Vertonungen unter dem Titel Cabaret Songs.
Stil↑
Auffällig ist die Befehlsform, in der das ganze Gedicht steht. Nach dem Literaturwissenschaftler John G. Blair lenkt Auden damit die Aufmerksamkeit auf den Text selbst. Der Anglist Seamus Perry sieht in der Neufassung Ähnlichkeiten zu den Liedtexten Cole Porters und nennt sie geistreich und einfallsreich. Zugleich hält er das Gedicht für weniger leichtgewichtig, als seine Herkunft aus dem Kabarett vermuten lässt. Perry liest daraus, dass sich die wahre Größe der Liebe oft erst an der Größe ihres Fehlens zeige, und verweist dafür auf die Zeile über die Liebe, die der Sprecher für ewig hielt.
Die beiden Schlusszeilen der in Another Time gedruckten Fassung reimen sich nicht. Sie täten es, wenn das Wort am Ende der vorletzten Zeile in der Einzahl stünde. Perry hält diesen Bruch für gewollt: Es wirke, als sei das Gedicht für einen Augenblick von der Trauer abgelenkt.
Joseph Warren Beach beschreibt den Gegensatz zwischen den beiden Hälften. Die ersten beiden Strophen bleiben an die Alltagswelt gebunden, die beiden neuen greifen auf Bilder zurück, die eher in Balladen vorkommen. Beide Teile tragen laut Beach einen Grundton weltumfassender Ernüchterung, wie er für die Zeit zwischen den Weltkriegen typisch war. Gerade das Zusammenfügen der beiden Hälften mache das Gedicht lebendig und für ganz verschiedene Leser zugänglich. Die Literaturwissenschaftlerin Heidi Hartwig wies 2009 darauf hin, dass sich der Text auf viele Arten lesen lässt, je nachdem, wer ihn vorträgt und in welchem Rahmen.
Rezeption↑
Einen weiten Bekanntheitssprung machte das Gedicht 1994 durch den britischen Film Vier Hochzeiten und ein Todesfall. Dort wird es vollständig vorgetragen, und zwar von der Figur Matthew, gespielt von John Hannah, bei der Trauerfeier für dessen Partner Gareth. Nach dem Filmstart fand auch Audens übriges Werk deutlich mehr Beachtung. Zum Kinostart brachte der Verlag Faber and Faber einen Band mit zehn Auden-Gedichten unter dem Titel Tell Me the Truth About Love heraus, in dem auch dieses Gedicht steht. Er verkaufte sich rund eine Viertelmillion Mal.
Eine Umfrage der BBC setzte den Text 1999 auf den fünften Platz der beliebtesten „modernen“ Gedichte im Vereinigten Königreich. Die Einleitung einer Lyrikanthologie von 2000 schrieb dem Filmvortrag zu, gezeigt zu haben, dass Gedichte auch „cool“ sein können. Die Anglistin Abbie Garrington nannte den Text 2013 vielleicht Audens bekanntestes Werk.
Häufig wird das Gedicht bei Gedenkfeiern gelesen. Der New Yorker beschrieb es als Trauergedicht der Aids-Zeit in den 1980er Jahren. Es bildet den englischen Beitrag auf dem Denkmal für die Katastrophe im Heysel-Stadion, bei der 1985 während des Europapokalendspiels zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin eine Mauer einstürzte und 39 Menschen ums Leben kamen. Bei der Trauerfeier für den im Westminster-Anschlag von 2017 getöteten Polizisten Keith Palmer trug die Londoner Polizeichefin Cressida Dick den Text vollständig vor.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →