1939
Und dann gabs keines mehr
Überblick↑
Der Kriminalroman Und dann gabs keines mehr von Agatha Christie erschien im Jahr 1939. Zehn Menschen werden unter einem Vorwand auf eine einsame Insel vor der Grafschaft Devon gelockt und sterben dort einer nach dem anderen. Alle zehn hatten in ihrem Leben einen Tod verschuldet, für den sie nie belangt worden waren. Das Buch zählt zu den bekanntesten Werken Christies und gilt mit über 100 Millionen verkauften Exemplaren als einer der meistverkauften Kriminalromane überhaupt. Ursprünglich unter einem heute als rassistisch geltenden Titel veröffentlicht, trägt es in englischen Ausgaben inzwischen durchgehend den Titel And Then There Were None.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Zehn einander fremde Menschen erhalten Einladungen auf eine einsame Insel vor der Küste von Devon. Jeder hat einen anderen Grund, der Reise zu folgen: Die einen sind zu Gast geladen, andere wurden für eine Aufgabe angeheuert, ein Ehepaar soll als Hauspersonal dienen. Ihr Gastgeber, ein geheimnisvoller Mr. Owen, bleibt unsichtbar.
Kaum sind alle im luxuriösen Haus versammelt, ertönt beim Abendessen eine Stimme von einer Schallplatte. Sie klagt jeden der zehn Anwesenden an, ungestraft am Tod eines oder mehrerer Menschen schuld zu sein. Bald wird klar: Es gibt kein Boot, die Insel lässt sich nicht verlassen, und die Einladungen waren nur ein Vorwand.
In jedem Zimmer hängt der Abzählreim von den zehn kleinen Figuren, in dessen Verlauf alle nacheinander ums Leben kommen. Zehn kleine Porzellanfiguren sind aufgestellt. Als der erste Gast stirbt, ahnen die Übrigen, welchem Muster sie ausgeliefert sind. Von nun an wächst das Misstrauen unter den Eingeschlossenen: Der Mörder muss einer von ihnen sein – doch keiner weiß, wer.
Die Handlung im Detail↑
Die erzählte Zeit umfasst knapp vier Tage im Sommer, vom 8. bis zum 11. August, dazu ein etwas später liegender Epilog. Zehn Personen werden brieflich oder durch einen Mittelsmann unter Vorwänden auf eine einsame Insel vor Devon gelockt. Es sind der Richter Lawrence Wargrave, die ältere unverheiratete Emily Brent, der pensionierte General John Macarthur und der junge Lebemann Anthony Marston. Hinzu kommen die junge Sportlehrerin Vera Claythorne, die als Sekretärin aushelfen soll, der Abenteurer Philip Lombard, der Arzt Dr. Armstrong sowie der frühere Polizist und Detektiv William Blore. Das Ehepaar Thomas und Ethel Rogers wird als Hauspersonal eingestellt. Der geheimnisvolle Gastgeber tritt in den Einladungen als ein Mr. Owen mit den Initialen U. N. auf.
Im Haus hängt in jedem Zimmer der Abzählreim von den zehn kleinen Figuren, in dessen Verlauf alle ums Leben kommen. Auf einer Glasplatte stehen zehn Porzellanfigürchen. Beim Abendessen klagt eine Stimme von einer Schallplatte alle zehn an, ungestraft den Tod eines oder mehrerer Menschen verschuldet zu haben. Es zeigt sich, dass kein Boot vorhanden ist und die Insel nicht verlassen werden kann. Der Richter entschlüsselt den Namen U. N. Owen als „unknown“, also unbekannt.
Nun sterben die Personen nacheinander, jeweils passend zu einer Zeile des Reims, und nach jedem Tod verschwindet eine der Porzellanfiguren. Noch am ersten Abend stirbt Marston an Zyankali in seinem Getränk. Am nächsten Morgen wacht Ethel Rogers nicht mehr auf; später stellt sich eine Vergiftung mit einem Schlafmittel heraus. Am zweiten Tag bleibt das Versorgungsboot aus. Zur Mittagszeit wird Macarthur durch einen Schlag auf den Hinterkopf getötet. Ein Sturm bricht los und schneidet die Insel vom Festland ab. Eine Durchsuchung ergibt, dass sich niemand sonst auf der Insel versteckt. Wargrave fasst die Lage zusammen: Der Mörder muss unter den verbliebenen sieben sein, und niemand ist vom Verdacht auszunehmen.
Am Morgen des dritten Tages wird Rogers im Holzschuppen erschlagen aufgefunden, kurz darauf stirbt Emily Brent an einer Zyankalispritze. Gefährliche Gegenstände werden weggeschlossen, doch Lombards Pistole ist verschwunden. Am Abend erschrickt Vera Claythorne im dunklen Zimmer über eine kalte Berührung am Hals – es ist nur ein aufgehängtes Stück Seetang. Auf ihre Schreie eilen die Männer herbei und finden Wargrave im Salon: Armstrong stellt Tod durch Erschießen fest. In der Nacht bemerkt Blore, dass Armstrong nicht in seinem Zimmer ist; die Suche bleibt erfolglos. Man schließt daraus, dass Armstrong der Mörder sein müsse.
Am vierten Tag ist der Sturm vorüber, doch die See lässt die Insel noch nicht erreichen. Blore, Claythorne und Lombard senden von den Klippen SOS-Signale zum Festland. Als Blore ins Haus geht, wird er von einem Marmorblock erschlagen. Am Ufer treibt Armstrongs Leiche an. Vera Claythorne nimmt Lombard beim Bergen der Leiche den Revolver ab und erschießt ihn, als er sich die Waffe zurückholen will. In ihrem Zimmer findet sie eine vorbereitete Schlinge unter einem Haken. Sie legt den Kopf hinein, tritt den Stuhl weg und erhängt sich.
Der Epilog besteht aus zwei Teilen. Zunächst beraten die ermittelnden Polizeibeamten. Die Küstenbewohner waren angewiesen worden, Notsignalen nicht zu folgen, da es sich um ein Spiel handele; erst am Nachmittag des 12. August war die Insel erreichbar. Anhand der Tagebücher einiger Opfer und der Fundlage erscheint es den Ermittlern unmöglich, dass einer der zehn der Täter gewesen sein kann: Armstrongs Leiche lag an Land, der Revolver fand sich im Haus und nicht bei Lombard, der Stuhl in Claythornes Zimmer stand ordentlich an der Wand. Die Beamten bleiben ratlos.
Die Auflösung kommt danach in Form einer Flaschenpost. Wargrave bekennt sich zu den Morden und beschreibt sein Vorgehen. Am dritten Tag habe er Armstrong zum Komplizen gemacht, indem er ihm vorgab, so lasse sich dem Mörder eine Falle stellen. Mit dessen Hilfe habe er seinen eigenen Tod vorgetäuscht und sich danach unbemerkt auf der Insel bewegen können. Armstrong habe er nachts über die Klippen gestoßen. Zuletzt habe er sich selbst mit Lombards Pistole erschossen, die er mit einem elastischen Band am Türknauf befestigte, sodass sie mit der Muskelerschlaffung nach dem Tod davongeschleudert werde. So werde er erschossen aufgefunden, genau wie es die Tagebücher seiner Opfer schilderten.
Stil↑
Bemerkenswert an dem Roman ist seine strenge Bauform. Die gesamte Handlung spielt an einem einzigen, von der Außenwelt abgeschnittenen Ort: einer Insel ohne Boot, ohne Fluchtweg, bald zusätzlich durch einen Sturm vom Festland getrennt. Aus diesem geschlossenen Raum kann niemand entkommen, und weil kein Fremder sich versteckt hält, muss der Täter einer der Anwesenden sein. Diese Anlage erzeugt einen stetig wachsenden Druck des gegenseitigen Misstrauens.
Das Geschehen folgt einem festen Muster. Ein alter Abzählreim von zehn kleinen Figuren gibt die Reihenfolge und die Art der Todesfälle vor, und mit jedem Tod verschwindet eine der zehn Porzellanfiguren vom Tisch. So wird der Reim vom harmlosen Kinderspruch zum unerbittlichen Ablaufplan. Christie arbeitet dabei mit doppeldeutigen Wendungen: Einzelne Zeilen des Reims lassen sich wörtlich wie im übertragenen Sinn deuten, was den Morden ihre grimmige Genauigkeit gibt. Die Erzählung wechselt zwischen den Blickwinkeln der Figuren und lässt den Leser bis zuletzt im Ungewissen. Erst der Epilog mit der Beratung der Ermittler und die abschließende Flaschenpost lösen das Rätsel auf.
Rezeption↑
Zu einem der erfolgreichsten Bücher der Autorin wurde dieser Roman rasch. Mit über 100 Millionen verkauften Exemplaren gilt er als ihr meistverkauftes Werk und nimmt unter den meistverkauften Büchern überhaupt einen der vordersten Plätze ein. Als Kriminalroman gehört er zu den meistverkauften seiner Gattung.
Das Werk wurde vielfach für Bühne, Kino und Fernsehen bearbeitet. Christie selbst schuf eine Bühnenfassung mit abweichendem Schluss, die 1943 in Großbritannien und 1944 in den USA uraufgeführt wurde. Zahlreiche Verfilmungen folgten über die Jahrzehnte, darunter Das letzte Wochenende unter der Regie von René Clair, Geheimnis im blauen Schloß und Ein Unbekannter rechnet ab, dazu Bearbeitungen in mehreren Ländern und Sprachen. Auch als Miniserie und als Computerspiel wurde der Stoff aufgegriffen.
Für Diskussionen sorgte über die Jahre der Titel. Das Buch erschien zuerst unter einem Wort, das heute als rassistisch gilt, und trug in den deutschen Übersetzungen nacheinander verschiedene Titel. Inzwischen wird in allen englischen Ausgaben durchgehend der Titel And Then There Were None verwendet, der auf den letzten Vers des zugrunde liegenden Abzählreims zurückgeht.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →