1890 – 1976
Agatha Christie
Kurzbiografie↑
Als eine der erfolgreichsten Kriminalschriftstellerinnen der Welt prägte Agatha Christie das Genre wie kaum jemand vor oder nach ihr. Die 1890 in Torquay geborene Britin schuf mit dem belgischen Detektiv Hercule Poirot und der altjüngferlichen Miss Marple zwei Ermittlerfiguren von weltweiter Bekanntheit. In rund 66 Kriminalromanen, dazu Kurzgeschichten und Bühnenstücken, verfeinerte sie das Spiel aus Rätsel, falscher Fährte und überraschender Auflösung. Die verkaufte Weltauflage ihrer Bücher soll über zwei Milliarden Exemplare betragen; dem Index Translationum der UNESCO zufolge zählt sie zu den meistübersetzten Autoren überhaupt. Wegen dieses Erfolgs erhielt sie den Beinamen „Queen of Crime“.
Biografie↑
Geboren wurde sie am 15. September 1890 in Torquay in der Grafschaft Devon als Agatha Mary Clarissa Miller, jüngstes Kind des Amerikaners Frederick Alvah Miller und seiner englischen Frau Clarissa Böhmer. Sie wuchs in der viktorianischen Villa Ashfield auf und hatte zwei Geschwister. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr besuchte sie keine Schule, sondern wurde von ihrer Mutter unterrichtet, die früh ihr schriftstellerisches Talent erkannte. Mit elf Jahren veröffentlichte sie ein erstes Gedicht in einem Lokalblatt. Der Wohlstand der Familie stammte aus Geschäften des Vaters in Übersee. Als amerikanische Vermögensverwalter das in Trusts angelegte Vermögen veruntreuten, geriet die Familie in finanzielle Schieflage. Der Vater starb 1901, als Agatha elf Jahre alt war; die Mutter zog die Kinder danach allein groß.
Ein begonnenes Musikstudium in Paris gab Agatha Miller mit Beginn des Ersten Weltkriegs auf. Sie arbeitete als Krankenschwester beim Britischen Roten Kreuz im örtlichen Krankenhaus, später in einer Apotheke. Dort sammelte sie Kenntnisse über Gifte, die in ihren späteren Werken eine Rolle spielen sollten. 1914 heiratete sie Oberst Archibald Christie, einen Flieger der königlichen Luftwaffe. Am 5. August 1919 kam ihre Tochter Rosalind zur Welt.
Ihr erster Kriminalroman Das fehlende Glied in der Kette erschien 1920, zuerst in den USA, dann in England; darin trat Hercule Poirot erstmals auf. Schlagartig berühmt wurde Christie 1926 mit Alibi. Privat verliefen die 1920er Jahre unglücklich. 1926 starb ihre Mutter, und Ashfield musste geräumt werden. Im August desselben Jahres gestand ihr Mann eine Affäre mit seiner Golfpartnerin Nancy Neele. Nach einem heftigen Streit am 3. Dezember 1926 verließ Agatha Christie das Haus. Ihr Auto fand man wenige Tage später verlassen an einem See. Nach einer aufsehenerregenden Suchaktion, über die auch die New York Times berichtete, entdeckte man sie zehn Tage später in einem Hotel in Harrogate, wo sie unter dem Namen der Geliebten ihres Mannes abgestiegen war. Ihre Familie verbreitete, sie habe einen fast vollständigen Gedächtnisverlust erlitten. Christie selbst äußerte sich nie über ihre Beweggründe. Bis heute ist ungeklärt, was in diesen Tagen geschah. 1928 wurde die Ehe geschieden.
Im Herbst 1928 reiste sie mit dem Orient-Express nach Bagdad und weiter nach Ur, wo der Archäologe Leonard Woolley Ausgrabungen leitete. Sie freundete sich mit dem Ehepaar Woolley an, das später für die Hauptfiguren des Romans Mord in Mesopotamien Modell stand. Bei einem zweiten Aufenthalt in Ur lernte sie 1930 den 14 Jahre jüngeren Archäologen Max Mallowan kennen, der als Grabungsassistent arbeitete. Die beiden verliebten sich und heirateten am 11. September 1930 in Edinburgh. Im selben Jahr trat in Mord im Pfarrhaus erstmals Miss Marple auf, die noch in zwölf weiteren Romanen die Hauptrolle übernehmen sollte. Viele der bis 1958 entstandenen Romane schrieb Christie während der archäologischen Expeditionen mit ihrem Mann im Nordirak und in Nordsyrien. Ihre Erlebnisse schilderte sie in Erinnerung an glückliche Tage.
In den 1940er Jahren schrieb sie zwei Kriminalromane, die sie für eine spätere Veröffentlichung zurückhielt. Vorhang, Poirots letzter Fall, erschien kurz vor ihrem Tod; darin stirbt der Detektiv am Ende der Ermittlungen. Ruhe unsanft mit Miss Marple erschien erst nach ihrem Tod. 1970 kam zu ihrem 80. Geburtstag der für sie untypische Roman Passagier nach Frankfurt heraus, in dem es um eine Verschwörung von Neonazis geht. 1971 nahm Königin Elisabeth II. sie als Dame Commander in den Orden des Britischen Empire auf. Ihren letzten Roman Alter schützt vor Scharfsinn nicht schrieb sie zwischen 1973 und 1974.
Agatha Christie starb am 12. Januar 1976 im Alter von 85 Jahren an einem Schlaganfall. Als Sterbeort nennen die Quellen unterschiedliche Angaben: Wikidata verzeichnet Winterbrook, die Deutsche Biographie dagegen Wallingford in der Grafschaft Oxfordshire; nach der Wikipedia-Darstellung starb sie im Winterbrook House im Ort Wallingford. Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof St Mary's in Cholsey. 1977 erschien postum ihre Autobiografie Meine gute alte Zeit.
Literarische Merkmale↑
Insgesamt schrieb Christie 66 Kriminalromane, dazu Kurzgeschichten und Bühnenwerke. Unter dem Pseudonym Mary Westmacott verfasste sie außerdem sechs romantische Erzählungen. Ihre Erzählungen gelten als modellhaft für die klassische Kriminalliteratur. Der Literaturwissenschaftler Sascha Feuchert beschreibt ihr Grundmuster so: Auf einen scheinbar perfekten Mord folgt ein Ermittlungsteil, in dem die entscheidenden Elemente der Lösung bereits erscheinen, aber durch weitere Rätsel und falsche Zusammenhänge verborgen bleiben, ehe der Lösungsteil alles auflöst. Der Anglist Ulrich Suerbaum hebt hervor, dass Christie das Enträtselungsspiel zugleich als Täterrätsel, Hergangsrätsel und Enthüllungsspiel betreibe.
Ihre Arbeitsweise war die einer unermüdlichen Schreiberin. Nach der Herausgabe ihrer Notizbücher durch John Curran beschreibt Zoë Beck, wie Christie ständig Notizen machte und Listen für Figuren, Motive, Mordarten oder Schauplätze führte. Oft wertete sie alte Notizhefte erneut aus. Dabei bemühte sie sich, sich nicht zu wiederholen, und wechselte zwischen auktorialer, personaler und Ich-Erzählsituation. Beck deutet dies als Verspieltheit und als Versuch, trotz hoher Produktivität keine Langeweile aufkommen zu lassen. Kritisch merkt Beck an, dass die Werke im Kern auf ein Schema zurückgehen. Christies Romantitel waren oft Gedichten oder Kinderreimen entliehen.
Mit Hercule Poirot schuf sie einen neuartigen Ermittlertypus. Der pensionierte belgische Polizeibeamte wirkte in Aussehen und Verhalten sehr unenglisch und ermittelte meist in der britischen Oberschicht. Das war ein bewusster Kunstgriff: Als Außenseiter galten für Poirot die strengen britischen Klassenschranken nicht, sodass er sich frei in den „oberen“ Kreisen bewegen konnte. Diese Kreise der gentry lieferten Christie laut Suerbaum vor allem einen nützlichen Hintergrund, um die Rätselstruktur auszuweiten, denn die dortigen Kontakte blieben formell und oberflächlich. Mit Miss Marple erfand sie 1930 eine ganz und gar untechnische Ermittlerin, deren Hauptwaffe der scheinbar unbedeutende Small Talk war. Ihre Mördercharaktere zeichnete Christie oft als verzweifelte, gebrochene Gestalten mit Sympathie.
Christie brach nicht mit allen Konventionen, sondern vor allem mit einigen der sogenannten Limitierungsregeln, um die Leser gezielt zu verunsichern. In Alibi von 1926 entpuppt sich der Ich-Erzähler selbst als Mörder – ein Kunstgriff, der bei Fans eine Kontroverse auslöste. Veronika Schuchter vom Institut für Germanistik der Universität Innsbruck betont, Christie habe das Genre stärker geprägt als jede andere und das klaustrophobische Kammerspiel perfektioniert.
Rezeption↑
Immer wieder werfen Kritiker Christie Antisemitismus vor, vor allem im Frühwerk. Der Literaturwissenschaftlerin Gillian Gill galt das Porträt des jüdischen Finanzmanns Hermann Isaacstein in Die Memoiren des Grafen als unverzeihlich, als eine „Ansammlung törichter englischer antisemitischer Vorurteile“. Zugleich sieht Gill bei Christie insgesamt eher einen gedankenlosen, reflexartigen Gebrauch solcher Stereotype als einen bewussten und bösartigen Antisemitismus. In den Krimis der 1930er und 1940er Jahre seien jüdische Figuren trotz stereotyper Zeichnung meist Sympathieträger, die vor allem dazu dienten, den Leser auf eine falsche Spur zu lenken. Kritisiert wird auch die Verwendung von Stereotypen wie vollbärtige, dunkle und böse Ausländer oder „Zigeuner“, deren bloße Existenz sie verdächtig erscheinen lassen sollte.
Allgemein spiegelt sich in ihrem Werk die antisemitisch und rassistisch geprägte Zeit wider. Ihr Roman Und dann gabs keines mehr erschien 1939 in Großbritannien unter einem Titel, der einem Kinderlied entlehnt war und heute als rassistisch gilt. In den USA kam er zeitgleich unter dem Titel And Then There Were None heraus, der seit 1985 auch international verwendet wird. Die deutschsprachige Übersetzung erschien 1944 in der Schweiz; spätere Ausgaben trugen wechselnde Titel, ehe eine Neuübersetzung durch Sabine Deitmer 2003 den heutigen deutschen Titel festlegte.
Ihre Wirkung reicht weit über die Literatur hinaus. Ihre Werke wurden mehrfach für Kino und Fernsehen verfilmt und für die Bühne bearbeitet. Ihr Bühnenstück Die Mausefalle gilt als das am längsten ununterbrochen aufgeführte Theaterstück weltweit. Mit ihrem Stil drückte Christie nachfolgenden Autoren- und Publikumsgenerationen ihren Stempel auf und löste einen regelrechten Christie-Mythos aus.
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