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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Paul Claudel
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Porträt Paul Claudel
Paul Claudel
1868 – 1955
– Autorenporträt –

Paul Claudel

1868 – 1955 · 86 Jahre

Als französischer Diplomat und Dramatiker schrieb Paul Claudel pathetisch-lyrische Bühnenstücke, in denen die religiös geprägte Aufopferung im Mittelpunkt steht, und wurde dafür 1946 in die Académie française aufgenommen.

Kurzbiografie↑

Als französischer Schriftsteller, Dichter und Diplomat verband Paul Claudel (1868–1955) ein bewegtes Berufsleben im auswärtigen Dienst mit einem umfangreichen literarischen Werk. Im Mittelpunkt seines Schaffens stehen Theaterstücke, daneben schrieb er Lyrik und philosophisch-essayistische Prosa. Ein religiöses Bekehrungserlebnis in jungen Jahren prägte ihn zum gläubigen Katholiken; sein Werk kreist immer wieder um das Motiv der Aufopferung im Sinne einer religiös inspirierten Moral. Vom katholischen Milieu wie von der Literaturkritik hoch geschätzt, wurde er 1946 in die Académie française aufgenommen. Als sein Hauptwerk gilt das Drama Der seidene Schuh.


Biografie↑

Geboren wurde Paul Louis Charles Marie Claudel am 6. August 1868. Über den genauen Geburtsort gehen die Quellen auseinander: Wikidata nennt Villeneuve-sur-Fère, die Deutsche Biographie dagegen Tardenois. Er wuchs in der ländlichen Picardie auf, als Sohn eines aufgeklärt-positivistisch denkenden Kataster-Beamten und als jüngerer Bruder der späteren Bildhauerin Camille Claudel. Seine letzten Schuljahre verbrachte er auf dem Pariser Traditionsgymnasium Louis-le-Grand.

Mit 18 Jahren hatte er bei der Weihnachtsvesper in der Pariser Kathedrale Notre-Dame ein Erlebnis religiöser Bekehrung, als die Sängerknaben das Magnificat sangen. Von da an war er gläubiger Katholik und Benediktineroblate. Er studierte an der École libre des sciences politiques, schrieb schon damals Gedichte und gehörte dem Kreis um Mallarmé an. Zeitweise dachte er daran, fernöstliche Sprachen zu studieren, bewarb sich dann jedoch für eine Ausbildung als Diplomat im konsularischen Dienst, in dem er bis zu seiner Pensionierung gewissenhaft tätig blieb.

Seine diplomatische Laufbahn führte ihn weit herum. Von 1893 bis 1895 war er in den USA, von 1895 bis 1909 in China, unter anderem in Shanghai, Fuzhou, Peking und Tientsin, danach in Prag sowie kürzere Zeit in Deutschland, Brasilien und Dänemark. In den Jahren 1919 und 1920 gehörte er der Internationalen Kommission zur Überwachung des Plebiszits in Schleswig an. Von 1921 bis 1927 arbeitete er in Japan, wo er sich für die kulturellen Beziehungen zwischen beiden Ländern einsetzte; auf ihn geht die Einrichtung des Maison Franco-Japonaise zurück. Seine dortigen Vorträge und Schriften fasste er 1928 in L’Oiseau noir dans le soleil levant („Ein schwarzer Vogel in der aufgehenden Sonne“) zusammen. Anschließend war er nochmals in den USA (1927–1933) und schließlich in Belgien.

Trotz dieses bewegten Lebens blieb sein literarisches Schaffen umfangreich; für das Schreiben reservierte er jeweils die ersten Stunden seines Arbeitstags. Zu seinen bekanntesten und am häufigsten aufgeführten Stücken zählt das 1911/12 verfasste, im Mittelalter spielende L’Annonce faite à Marie (Mariä Verkündigung). Einige Bekanntheit erlangte auch die Trilogie aus L’Otage (Die Geisel, 1909), Le Pain dur (Das harte Brot, 1914) und Le Père humilié (Der gedemütigte Vater, 1916), die einen Bogen von 1812 bis 1869 spannt. Als sein Hauptwerk gilt jedoch das im spanischen 16. Jahrhundert spielende Le Soulier de satin (Der seidene Schuh, 1925), ein immens langes Drama, das die Summe von Claudels Denken enthält. Es kam erst am 27. November 1943 in einer von ihm selbst und dem Regisseur Jean-Louis Barrault stark gestrafften Fassung zur Aufführung; die weitere Aufführung im Mai 1944 verboten die deutschen Besatzungsbehörden. Als Librettist trat Claudel im dramatischen Oratorium Jeanne d’Arc au bûcher und mit mehreren Operntexten für Darius Milhaud hervor.

Seine Schwester Camille Claudel, die in der psychiatrischen Anstalt von Montdevergues verhungerte, besuchte er nur ein einziges Mal, etwa einen Monat vor ihrem Tod. Im katholischen Milieu wurde er von den 1920er bis 1940er Jahren sehr geschätzt, aber auch von anderen Lesern und von der Literaturkritik hoch bewertet; 1946 wurde er in die Académie française aufgenommen. Er war Träger des Großkreuzes der Ehrenlegion, und 1932 wählte man ihn in die American Academy of Arts and Sciences. Paul Claudel starb am 23. Februar 1955 in Paris.


Literarische Merkmale↑

Vor allem als Dramatiker prägte Claudel eine eigene Handschrift aus. Seine Theaterstücke verfasste er in einer pathetisch-lyrischen Sprache und verzichtete dabei bewusst auf eine spannende Handlung. Im Mittelpunkt steht zumeist das Motiv des Sich-Aufopferns im Sinne einer religiös inspirierten Moral. Neben den Bühnenwerken umfasst sein Schaffen Lyrik sowie philosophisch-essayistische Prosa, die stark von seinen Aufenthalten in Fernost beeinflusst ist. Auf sein Werk wirkten die Arbeiten des Philosophen Henri Bergson ein; zugerechnet wird er der katholischen Erneuerungsbewegung des Renouveau catholique.


Rezeption↑

Vom katholischen Milieu wurde Claudel in den 1920er bis 1940er Jahren sehr geschätzt, doch auch andere Leser und die Literaturkritik bewerteten ihn hoch. Die Aufnahme in die Académie française im Jahr 1946 belohnte diese Anerkennung. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet er allmählich in Vergessenheit. Seine Werke fanden im deutschsprachigen Raum mehrere Übersetzer, darunter Hans Urs von Balthasar, der Der seidene Schuh übertrug, sowie Klara Maria Faßbinder. Das Libretto von Walter Braunfels’ Oper Die Verkündigung, 1948 in Köln uraufgeführt, beruht auf einer deutschen Übersetzung seines Dramas.

Auch bildende Künstler und spätere Autoren griffen sein Werk auf. Der Künstler Ervin Bossányi schuf einen Zyklus von vierzehn Aquarellen zu Claudels Verkündigung, der sich im St.-Annen-Museum in Lübeck befindet. Sein Schauspiel Mittagswende von 1905 spielt eine wichtige Rolle in Harald Eckers Roman Schmählich (2015). Die Dramatikerin Anja Hilling übertrug zwei seiner Stücke in eine archaische Zukunft: Mittagswende. Die Stunde der Spurlosen (2017) und Teile (hartes Brot) (2021). Zu den frühen Vermittlern seines Werks im deutschsprachigen Raum zählt Ernst Robert Curtius, der ihn in seinem Buch über die literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich behandelte.

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