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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Träumen Androiden von elektrischen Schafen?
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Cover Träumen Androiden von elektrischen Schafen?
Träumen Androiden von elektrischen Schafen?
1968
– Werkseintrag –

Träumen Androiden von elektrischen Schafen?

1968 · Roman

Ein Kopfgeldjäger soll im verstrahlten San Francisco entlaufene Androiden aufspüren und stellt dabei fest, wie schwer sich Echtes von Nachgemachtem unterscheiden lässt.

Überblick↑

Der Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen? erschien 1968 und stammt von dem US-amerikanischen Schriftsteller Philip K. Dick. Er spielt in einem Nordamerika nach dem Atomkrieg, vor allem in San Francisco. Im Mittelpunkt steht die Frage, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht. Für Dick ist es nicht die Intelligenz, sondern die Empathie: die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen. Weil die Grenze zwischen Mensch und Androide im Buch verschwimmt, kehrt eine Frage immer wieder: Ist etwas wirklich echt oder nur täuschend nachgebaut? Ridley Scott verfilmte den Stoff 1982 als Blade Runner, wich dabei aber erheblich von der Vorlage ab. Seit dem Kinostart wird das Buch auch unter dem Titel Blade Runner verkauft.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Die Erde ist nach einem Atomkrieg kaum noch bewohnbar und von einer dauerhaften Staubschicht bedeckt. Fast alle Tierarten sind ausgestorben, ein Großteil der Menschen ist auf den Mars ausgewandert. Wer zurückbleibt, muss fürchten, durch die Strahlung unfruchtbar zu werden oder geistig abzubauen. Solche Menschen gelten als „Spezialfälle“ und dürfen nicht auswandern.

Die Auswanderer erhalten auf dem Mars je einen Androiden als Schutz und Diener. Diese Androiden sind äußerlich nicht von Menschen zu unterscheiden. Auf der Erde gelten sie als Bedrohung. Wer sich dort illegal aufhält, wird von sogenannten Prämienjägern verfolgt und getötet. Die Gesellschaft nennt das beschönigend „in den Ruhestand versetzen“.

Ein solcher Prämienjäger ist Rick Deckard. Seine Schwierigkeit liegt darin, die Androiden überhaupt zu erkennen. Die neue Serie des Unternehmers Rosen ist mit einer hoch entwickelten Hirneinheit ausgestattet und tritt in ganz verschiedenen Rollen auf, etwa als Opernsängerin oder als angeblicher Kollege Deckards. Nur ein eigens entwickelter Empathie-Test gibt zuverlässig Auskunft, der Voigt-Kampff-Test. Er misst mit einem Gerät, das einem Lügendetektor ähnelt, Blutdruck, Atemfrequenz, Erröten und Augenbewegungen.

Auch der Glaube der Menschen baut auf Empathie auf. Die Religion heißt Mercerismus. Wer eine „Einswerdungsbox“ benutzt, wird in einer virtuellen Welt mit der Heilsgestalt Mercer eins und steigt mit ihr hungernd und von Steinschlägen getroffen einen Wüstenhang hinauf.

Echte Tiere sind selten und deshalb ein Statussymbol. Wer sie sich nicht leisten kann, hält elektrische Nachbildungen. Deckard besitzt ein elektrisches Schaf auf seiner Dachterrasse, den Ersatz für ein verstorbenes echtes Haustier. Der Wunsch nach einem lebenden Tier ist sein wichtigster Antrieb bei der Arbeit. Sechs Androiden soll er aufspüren. Je näher er ihnen kommt, desto stärker wanken seine Gewissheiten.

Die Handlung im Detail↑

Angesiedelt ist die Geschichte im Jahr 1992; spätere Ausgaben datieren sie auf 2021 um. Schauplatz ist ein verstrahltes Nordamerika, vor allem San Francisco. Rick Deckard arbeitet als Prämienjäger und soll sechs entlaufene Androiden töten.

Anfangs erfüllt Deckard seinen Auftrag ohne Bedenken und erschießt einige Androiden, nachdem der Empathie-Test sie überführt hat. Mit der Zeit kommen ihm Zweifel. Ausschlaggebend ist der engere Kontakt mit der Androidin Rachael Rosen, mit der er eine Affäre beginnt. Er fragt sich, ob nicht auch Androiden von elektrischen Schafen träumen, ob sie den Menschen also auch im Mitgefühl immer ähnlicher werden. Er fürchtet, seinen Beruf bald nicht mehr ausüben zu können. Möglicherweise ist genau das Rachaels Absicht: Sie ist selbst Androidin und gehört zugleich zum Rosen-Konzern, der die Androiden herstellt und mit der Polizei im Konflikt liegt. Als sie ihm eröffnet, dass sie bereits mit mehreren Prämienjägern geschlafen hat, um ihnen die Arbeit unmöglich zu machen, stürzt Deckard in eine Sinnkrise.

Unterdessen haben sich drei der gesuchten Androiden bei J. R. Isidore einquartiert, einem allein lebenden „Spezialfall“. Er lässt sie bei sich wohnen, weil er sich über die Gesellschaft freut. Wie fast alle Menschen sieht und hört er täglich die Sendung von Buster Freundlich, einem Moderator, der sein Publikum pausenlos mit nichtigen Aussagen berieselt.

Dann zeigt sich, dass auch Buster Freundlich ein Androide ist. Er verkündet der Menschheit, die Szenerie in der Einswerdungsbox sei eine Fälschung: Sie stammt aus einem alten, billigen Hollywoodstreifen. Mercer ist in Wahrheit ein heruntergekommener, alkoholkranker Schauspieler. Die Androiden haben das herausgefunden und hoffen, dass der Mercerismus und das Einswerden, von dem sie ausgeschlossen sind, nun zusammenbrechen.

Kurz darauf spürt Deckard die Androiden bei Isidore auf. Isidore will ihm nicht helfen, dennoch findet Deckard sie und tötet sie. Zu Hause erfährt er, dass Rachael seine neue Ziege getötet hat, ein echtes Tier, das er sich teuer von seinem Kopfgeld gekauft hatte. Verzweifelt fliegt er weg von der Zivilisation nach Norden. Dort hat er eine Vision von Mercer. Er findet eine Kröte, eine Art, die als ausgestorben gilt, und kehrt damit heim. Auch die Kröte erweist sich am Ende als künstlich.

Stil↑

Bestimmend für den Roman ist ein nüchterner Zukunftsentwurf, in dem die Sprache selbst zum Thema wird. Die dargestellte Gesellschaft arbeitet gern mit beschönigenden Ausdrücken: Das Töten eines Androiden heißt „in den Ruhestand versetzen“, degradierte Menschen heißen „Spezialfälle“. Solche harmlos klingenden Wörter verdecken, was tatsächlich geschieht.

Zentral ist die Doppelung von Echtem und Nachgemachtem. Fast jedem wirklichen Ding steht im Buch eine Attrappe gegenüber: dem lebenden Tier das elektrische, dem Menschen der Androide, der religiösen Erfahrung die Filmkulisse. Diese Spiegelungen tragen die ganze Erzählung und halten die Frage nach der Echtheit ständig gegenwärtig.

Ein eigenes Gewicht hat der erfundene Voigt-Kampff-Test. Er misst körperliche Reaktionen auf Fragen, die bei Menschen Mitgefühl auslösen. Im Buch genügen sechs bis sieben Fragen, um eine Entscheidung zu treffen. Der Test knüpft an den Turing-Test an, den Alan Turing 1950 vorschlug und der Mensch und Maschine an der sprachlichen Leistung unterscheiden will. Aus psychologischer Sicht prüft das Verfahren Merkmale der Psychopathie, allen voran den Mangel an Empathie.

Rezeption↑

Bekannt wurde der Roman weit über die Science-Fiction hinaus vor allem durch die Verfilmung. Ridley Scott brachte 1982 Blade Runner ins Kino; der Film weicht erheblich von der Buchvorlage ab. Seither wird der Roman auch unter dem Titel Blade Runner verkauft. Später erschien die Fassung Blade Runner (The Final Cut), 1997 kam ein Computerspiel gleichen Titels heraus.

Der Film führte auch eine kleine Abweichung ein: Die Maschine heißt dort Voight-Kampff-Maschine, mit einem zusätzlichen „h“. Zwei Figuren werden im Film dem Test unterzogen, Leon und Rachael. Deckard erklärt dort, üblicherweise seien zwanzig bis dreißig teils aufeinander bezogene Fragen nötig; bei Rachael braucht er mehr als hundert.

Dicks Verfahren betonte früh das Interesse an der Grenze zwischen dem, was Menschen erschaffen, und dem, was sie sind. Tests mit ähnlicher Funktionsweise wurden inzwischen auch in der Wirklichkeit durchgeführt. Der Voigt-Kampff-Test ging sogar in die allgemeine Wahrnehmung ein: Bei der Bürgermeisterwahl von San Francisco 2003 befragte ein Magazin alle Kandidaten nach seinem Muster, nur zum Teil augenzwinkernd.

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