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Porträt Detlev von Liliencron
Detlev von Liliencron
1844 – 1909
– Autorenporträt –

Detlev von Liliencron

1844 – 1909 · 65 Jahre

Lyriker an der Schwelle zur Moderne, dessen Gedichte zwischen Naturalismus und Neuromantik den Weg zum Expressionismus bahnten.

Kurzporträt

Detlev von Liliencron wurde 1844 in Kiel geboren und starb 1909 in Alt-Rahlstedt bei Hamburg. Er war einer der bedeutendsten deutschen Lyriker an der Schwelle zur literarischen Moderne. Nach einer Offizierslaufbahn in zwei Kriegen und Jahren im preußischen Verwaltungsdienst wandte er sich erst mit 35 Jahren dem Schreiben zu. Sein Gedichtband Adjutantenritte und andere Gedichte von 1883 gilt als Wegmarke zwischen Naturalismus und kommender Moderne. Berühmt wurde er vor allem durch Balladen wie Trutz, blanke Hans und Pidder Lüng. Seine Großstadtgedichte und das experimentelle Betrunken weisen bereits auf den Expressionismus voraus.


Biografie

Detlev von Liliencron kam am 3. Juni 1844 als Frederik Adolph Axel Freiherr von Liliencron in Kiel zur Welt. Sein Vater Louis war Zollbeamter in dänischen Diensten. Seine Mutter Adeline war eine Tochter des deutsch-amerikanischen Kapitäns Frederick von Harten und einer Portugiesin. Die Familie stammte aus einer verarmten Linie. Der Großvater Andreas, ein dänischer Oberkriegskommissar und Kapitän, war wegen seiner Heirat mit einer Leibeigenen enterbt worden. Ein Onkel zweiten Grades war Rochus Freiherr von Liliencron, der Herausgeber der Allgemeinen Deutschen Biographie.

Liliencron brach das humanistische Gymnasium, die Kieler Gelehrtenschule, ein Jahr vor dem Abitur ab. Stattdessen besuchte er die Realschule in Erfurt. 1863 trat er in die Berliner Kadettenanstalt ein. Sein Wunsch, Kavallerieoffizier zu werden, scheiterte am fehlenden Geld. Als preußischer Infanterieoffizier nahm er 1866 am Deutschen Krieg gegen Österreich und 1870/71 am Deutsch-Französischen Krieg teil. In beiden Feldzügen wurde er verwundet und ausgezeichnet, verlor dabei aber seine jugendliche Kriegsbegeisterung. Wegen Glücksspiels und der daraus erwachsenden Schulden, die ihn lebenslang verfolgten, musste er 1871 erstmals und 1875 endgültig den Militärdienst quittieren. Er hatte den Rang eines Premierlieutenants inne.

Es folgte eine kurze Emigration nach Amerika. Dort schlug er sich ab 1875 als Klavier- und Sprachlehrer durch. 1877 kehrte er enttäuscht nach Deutschland zurück. Auf Betreiben seines Vaters wurde er weitgehend rehabilitiert. Er erhielt eine kleine Militärpension und trat 1878 in den preußischen Verwaltungsdienst ein, zunächst an den Landratsämtern Eckernförde und Plön. Im selben Jahr heiratete er in Görlitz Helene von Bodenhausen, eine Tochter des preußischen Oberstleutnants Karl Freiherr von Bodenhausen. Anfang 1882 wurde er zum Hardesvogt auf der nordfriesischen Insel Pellworm ernannt. Hier entstand sein wohl berühmtestes Gedicht Trutz, blanke Hans, daneben aber auch das experimentelle Betrunken. Im selben Jahr wurde er zum Hauptmann der Landwehr befördert. Im Oktober 1883 wechselte er als Kirchspielvogt in das holsteinische Kellinghusen. 1885 musste er nach der Pfändung seiner Dienstbezüge aus dem Staatsdienst ausscheiden. Im selben Jahr wurde seine Ehe wegen seiner Untreue geschieden.

Von nun an lebte Liliencron als freier Schriftsteller. 1887 heiratete er die Gastwirtstochter Augusta Brandt. Im Jahr darauf knüpfte er Kontakte zum Friedrichshagener Dichterkreis. Später war er auch der Breslauer Dichterschule als externes Mitglied verbunden. 1890/91 verbrachte er mit Unterstützung der Schillerstiftung einige Zeit in München. Dort traf er mit Michael Georg Conrad, Otto Julius Bierbaum, Heinrich Reder und Hugo Wolf zusammen und konnte in der Zeitschrift „Die Gesellschaft" veröffentlichen. 1891 zog er nach Altona-Ottensen. 1892 wurde auch die Ehe mit Augusta Brandt geschieden. In Altona freundete er sich mit Gustav Falke und Richard Dehmel an. Er setzte die schon 1879 begonnene Arbeit an seinem Kunterbunten Epos in zwölf Cantussen Poggfred fort, das 1896 erschien.

Die Schulden blieben. 1898 versuchte Liliencron, mit Vortragsreisen Geld zu verdienen. 1899 heiratete er in dritter Ehe die Bauerntochter Anna Micheel, mit der er einen Sohn und eine Tochter hatte. Aus akuter Geldnot trat er 1900 in Ernst von Wolzogens literarischem Kabarett „Überbrettl" auf. 1901 fand er mit Hilfe von Alfred W. Heymel, Harry Graf Keßler und Elisabeth Förster-Nietzsche eine Wohnung in Alt-Rahlstedt. Kaiser Wilhelm II. gewährte ihm bald darauf einen jährlichen Ehrensold von 2.000 Mark, der seine Lage endlich stabilisierte. Zu seinem 60. Geburtstag 1904 erschienen eine deutsche und eine österreichische Festschrift, an denen sich die bekanntesten Schriftsteller der Zeit beteiligten. 1908 verfasste er den autobiographischen Roman Leben und Lüge. 1909 verlieh ihm die Universität Kiel die Ehrendoktorwürde. Seine letzte Reise führte ihn zu den Schlachtfeldern des Deutsch-Französischen Krieges. Kurz darauf starb er am 22. Juli 1909 in Alt-Rahlstedt an einer Lungenentzündung. Er wurde auf dem Rahlstedter Friedhof bestattet.


Literarische Merkmale

Liliencrons Werk ist vielgestaltig und lässt sich nur schwer einer einzelnen Literaturepoche zuordnen. Seine Gedichte sind geprägt von der Spannung zwischen Naturalismus und Neuromantik. Sie weisen Berührungen mit der von Friedrich Nietzsche propagierten „pessimistischen Kulturkritik" auf. Schon mit seinen ersten Veröffentlichungen zeigte er, dass er die Dichtkunst souverän beherrschte. Er experimentierte mit anspruchsvollen Formen wie Rondeau und Ghasel und verwendete die Vorgaben der hohen Lyrik wie selbstverständlich.

Zugleich entwickelte er einen eigenwilligen Ton, der ihn von den Klassizisten ebenso abhob wie von den Naturalisten. Er reagierte feinfühliger als viele Naturalisten auf die modernen Lebensgewohnheiten. Er vermischte verschiedene Sinneswahrnehmungen zu Synästhesien und brachte so eine subjektive Wahrnehmung zum Ausdruck. Von den Naturalisten distanzierte er sich ausdrücklich mit dem Gedicht Den Naturalisten und forderte von der Dichtkunst „Humor und die feinste Künstlerhand". Aus eigener Erfahrung mit Schulden und Demütigungen speiste sich seine Abneigung gegen den Lebensstil des Bürgertums. Viele seiner Gedichte erzählen von der Flucht aus dem Großstadttreiben in eine romantisierte Landschaft.

Die volle Bandbreite seiner Themen versammelt sein 1896 erschienenes Hauptwerk Poggfred, das er später auf 24 und schließlich auf 29 „Cantusse" erweiterte. Laut der Deutschen Biographie sind dort beinahe alle Stoffe und Motive seiner Dichtung in bunter Mischung vereint: Naturerleben und Natursymbolik, Mythologie und Geschichte, erotische Episoden, phantastische Exkurse, Träume, Notizen, Berichte und Kriegsdarstellungen, bald ernst-pathetisch, bald ironisch-satirisch, ohne strenge Komposition, aber in formaler Mannigfaltigkeit. Als Prosaautor blieb Liliencron unbedeutend und erzielte mit seinen Dramen keine Resonanz. Die Lyrik blieb das Zentrum seines Schaffens. Besonders die Großstadtgedichte wie Broadway in New York und das als Bewusstseinsstrom gestaltete Betrunken von 1883 spielen mit der Auflösung der Form und weisen auf die literarische Moderne voraus.


Rezeption

Liliencrons erste Lyrikveröffentlichung Adjutantenritte und andere Gedichte von 1883 war laut der Deutschen Biographie zwar ein verlegerischer Misserfolg. Sie machte ihm aber bei den naturalistischen Autoren rasch einen Namen. Sie schätzten seine vitale, sinnliche, derbsalopp wirkende Darstellung und sahen in ihm einen ihnen ebenbürtigen modernen Dichter. Mit Novellen, Erzählungen und novellistischen Skizzen, die häufig seine Kriegserlebnisse spiegelten, wurde er allmählich bekannter. Seine Dramen fanden dagegen keine Resonanz.

Um 1900 erreichte sein Ruhm einen Höhepunkt. Seine Lyrik beeinflusste den jungen Rainer Maria Rilke ebenso wie Hugo von Hofmannsthal. Insbesondere die Gedichte, in denen das moderne Leben thematisiert wird, wirkten erheblich auf die Frühzeit des Expressionismus. Zu seinem 60. Geburtstag 1904 erschienen die von Fritz Böckel herausgegebene Dokumentation Detlev von Liliencron im Urteil zeitgenössischer Dichter und eine in Wien herausgegebene Festgabe österreichischer Autoren. Beide versammelten die bekanntesten Namen der Zeit zu seiner Würdigung. 1909 ehrte ihn die Universität Kiel mit der Ehrendoktorwürde.

Nach 1918 fand der patriotisch-militärische Zug im Werk des politisch konservativen Autors laut der Deutschen Biographie kaum noch Zustimmung. Die Germanistik hob seither die Natürlichkeit und die kraftvolle Originalität seiner Gedichte hervor und wies Parallelen zum Impressionismus in der Malerei nach. Sein übriges Werk gilt heute als zeitgebunden. Sein Briefwechsel dient dagegen als ergiebige Quelle für die Erforschung des literarischen Lebens seiner Epoche. Im Mittelpunkt des Interesses steht, wie schon zu seinen Lebzeiten, die Lyrik. Mit ihr verließ er die ausgefahrenen Wege der epigonalen Gründerzeitlyrik und fand neue Ausdrucksweisen.

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