160 v. Chr.
Adelphoe
Überblick↑
Die Komödie Adelphoe, zu Deutsch „Die Brüder“, stammt von dem römischen Dichter Terenz. Sie wurde im Jahr 160 v. Chr. bei den Leichenspielen zu Ehren des Lucius Aemilius Paullus Macedonicus zum ersten Mal aufgeführt. Im Mittelpunkt steht eine Frage, die bis heute nichts von ihrer Brisanz verloren hat: Wie erzieht man junge Menschen richtig – mit Strenge oder mit Nachsicht? Terenz führt das an zwei alten Männern und ihren Söhnen vor und macht daraus ein heiteres und zugleich nachdenkliches Verwechslungs- und Streitstück. Wie mehrere andere seiner Werke geht das Stück auf ein griechisches Vorbild des Dichters Menander zurück.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Zentrum stehen zwei Brüder, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Demea zieht seinen Sohn Ctesipho mit harter Hand und strengen Regeln groß. Sein Bruder Micio dagegen erzieht den jungen Aeschinus großzügig und lässt ihm freie Hand. Immer wieder geraten die beiden Alten über ihre unterschiedlichen Vorstellungen aneinander, zumal Demea überzeugt ist, in Ctesipho einen tadellosen Mustersohn zu besitzen.
Doch die jungen Männer haben ihre eigenen Angelegenheiten. Aeschinus hat die junge Pamphila, die Tochter der Sostrata, geschwängert. Und Ctesipho schwärmt heimlich für eine Kitharaspielerin. Als Aeschinus seinem Bruder aus der Klemme hilft, dabei aber den falschen Eindruck erweckt, er handle für sich selbst, häufen sich die Missverständnisse. Demea sieht seine Vorurteile bestätigt und wettert umso lauter gegen die lockeren Methoden seines Bruders. Wie sich die Verwicklungen auflösen und welche Erziehung am Ende recht behält, treibt das Stück auf einen überraschenden Ausgang zu.
Die Handlung im Detail↑
Zwei alte Brüder verkörpern zwei Welten. Demea ist misstrauisch, streng und mürrisch; seinen Sohn Ctesipho erzieht er mit fester Zucht. Sein Bruder Micio hat den anderen Sohn, Aeschinus, an Sohnes statt angenommen und erzieht ihn großzügig und kameradschaftlich. Für Micio ist Furcht keine Grundlage für Selbstverantwortung, sondern nur die Bedingung für Sklavengehorsam; er setzt auf Vertrauen statt auf Tyrannei. Demea hält das für verantwortungslos – und glaubt sich im Recht, denn in seinem eigenen Sohn Ctesipho sieht er den untadeligen Musterknaben.
Die Wirklichkeit sieht anders aus. Aeschinus hat Pamphila, die Tochter der Sostrata, vergewaltigt und geschwängert. Das liefert Demea reichlich Munition, um über die laschen Methoden seines Bruders herzuziehen. Zugleich ist Ctesipho – heimlich, hinter dem Rücken seines strengen Vaters – in eine Kitharaspielerin verliebt. Aeschinus tut seinem Bruder einen Gefallen und entreißt die Kitharaspielerin einem Kuppler. Damit der Vater nichts von Ctesiphos Liebschaft erfährt, stellt Aeschinus es so dar, als habe er das Mädchen für sich selbst geraubt.
Nun brechen alle Dämme. Sostrata glaubt, Aeschinus wolle ihre Tochter sitzenlassen und sich der Kitharaspielerin zuwenden. Und Demea prangert die liberale Erziehung Micios noch heftiger an. Erst als sich herausstellt, wie die Dinge wirklich liegen, klärt sich alles auf.
Und dann kommt die überraschende Wendung. Der bislang so strenge Demea legt plötzlich eine überbordende Großzügigkeit an den Tag – die freilich stets auf Micios Kosten geht. Aeschinus darf seine Pamphila heiraten. Ctesipho und die Kitharaspielerin bleiben zusammen. Micio jedoch wird von Demea genötigt, Sostrata, die alte Mutter der Pamphila, zu ehelichen. So geht am Ende ausgerechnet der strenge Demea als Sieger hervor. Und beide Söhne finden sich mit ihrem Vater ab.
Stil↑
Das Stück gehört zur Gattung der Palliata, der römischen Komödie nach griechischem Muster. Wie mehrere andere Stücke des Terenz beruht es auf einer Vorlage des griechischen Dichters Menander. Auffällig ist, wie Terenz mit seinen Quellen umgeht: Im Prolog gibt er offen zu, dass er in das griechische Original eine Szene aus einem Stück des Diphilos eingefügt hat. Damit wollte er für einen raschen Einstieg in die Handlung sorgen, statt das Stück – wie bei Menander – mit einer erklärenden Passage beginnen zu lassen.
Die Komödie lebt von einer doppelten Handlung. Zwei Liebesgeschichten, die der beiden jungen Männer, laufen nebeneinander her und greifen ineinander. Ihren Reiz bezieht das Stück aus dem scharfen Gegensatz der beiden Alten – dem milden, kameradschaftlichen Micio und dem misstrauischen, strengen Demea. Die Verwicklungen entstehen gerade dort, wo die jungen Männer die Großzügigkeit des Onkels ausnutzen.
Rezeption↑
Bis heute beschäftigt vor allem der Schluss des Stücks die Forschung. Denn bis in die vierte Szene hinein scheint der Autor die freigiebige Haltung Micios zu bevorzugen. Im fünften Teil aber wird die Handlung so umgebaut, dass am Ende der strenge Demea als unerwarteter Sieger dasteht. Damit weicht Terenz deutlich von Menander ab, der Micio weit besser wegkommen lässt. Die endgültigen Gründe liegen im Dunkeln. Vermutet wird, dass Terenz auf seinen Auftraggeber Scipio Rücksicht nahm, der dem liberalen Griechentum misstraute – ein Zug jener Zeit, die sich stark auf das alte Römertum zurückbesann.
Das Werk wurde immer wieder herausgegeben und übersetzt, etwa in einer zweisprachigen Ausgabe bei Reclam. Das Verhältnis zwischen Terenz und seinem griechischen Vorbild ist bis in die jüngere Zeit Gegenstand eigener Untersuchungen geblieben, so in einer Studie von Eckard Lefèvre.
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