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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Sofja Andrejewna Tolstaja
Sofja Andrejewna Tolstaja
1844 – 1919
– Autorenporträt –

Sofja Andrejewna Tolstaja

1844 – 1919 · 75 Jahre

Fast fünfzig Jahre lang schrieb sie die Manuskripte Lew Tolstois ins Reine und verlegte seine Bücher. Ihre eigene Erzählung, eine Antwort auf die „Kreutzersonate“, erschien in Russland erst rund hundert Jahre nach der Niederschrift.

Kurzbiografie↑

Sofja Andrejewna Tolstaja wurde 1844 in Pokrowskoje-Streschnjowo geboren, das heute zu Moskau gehört. Fast fünfzig Jahre lang war sie mit Lew Tolstoi verheiratet; aus der Ehe gingen dreizehn lebend geborene Kinder hervor. Für ihren Mann arbeitete sie als Schreibkraft, Assistentin und später als Verlegerin seiner Werke. Ihre eigenen literarischen Arbeiten blieben lange unbekannt: Die Erzählung Wessen Schuld?, ihre Antwort auf die Kreutzersonate ihres Mannes, erschien in Russland erst rund hundert Jahre nach der Niederschrift. Sie starb 1919 in Jasnaja Poljana.


Biografie↑

Aufgewachsen ist Sofja Andrejewna Behrs im Moskauer Kreml, in einer deutschstämmigen Familie. Ihr Urgroßvater Hans Behrs war Mitte des 18. Jahrhunderts vom preußischen König als Instruktor in die Armee der Zarin Elisabeth nach Russland entsandt worden. Der Vater, Andrei Jewstafjewitsch Behrs (1808–1868), war Kaiserlicher Hofarzt und hatte seinen Dienstsitz im Kreml. Die Mutter hieß Ljubow Alexandrowna Behrs, geborene Islawina (1826–1886). Sofja war die zweite von drei Töchtern einer großen Geschwisterschar; zu ihr gehörten Elisabeth, Alexander, Tatjana, Peter, Wladimir, Stepan und Wjatscheslaw.

1861 legte sie an der Moskauer Universität das Examen zur Hauslehrerin ab. Im selben Jahr wurde in Russland die Leibeigenschaft aufgehoben, und in der russischen Intelligenzija wuchsen die Hoffnungen auf eine Liberalisierung des Zarenreichs. Mit achtzehn Jahren erhielt Sofja einen Heiratsantrag von Lew Tolstoi, der sechzehn Jahre älter und als Schriftsteller bereits bekannt war. Er war ein Bekannter der Familie. Die Verlobungszeit dauerte knapp eine Woche. Am 23. September 1862 (nach altem Kalender) heirateten die beiden in der Kreml-Kirche Mariä Geburt, danach zog sie auf Tolstois Landgut Jasnaja Poljana.

Vor der Eheschließung verbrannte sie ihre Schreibversuche und ihre Tagebücher. Tolstoi dagegen gab ihr seine Tagebücher zu lesen, aus denen sie von seinem ausschweifenden Leben vor der Ehe erfuhr. Diese Szene verarbeitete er später literarisch in Anna Karenina und im fünften Kapitel der Kreutzersonate.

Kurz nach der Hochzeit begann Tolstoi mit der Niederschrift von Krieg und Frieden. Seine Frau unterstützte ihn dabei und übertrug das Manuskript mehrfach in Reinschrift, nach der Überlieferung etwa siebenmal. Diese Aufgabe als Assistentin und später als Verlegerin der Werke Tolstois nahm sie bis zu seinem Tod wahr.

Sechzehnmal war Tolstaja schwanger, drei Schwangerschaften endeten mit einer Fehlgeburt. Von den dreizehn lebend geborenen Kindern erreichten acht das Erwachsenenalter. Eine Empfängnisverhütung lehnte Tolstoi ab. Während der Entstehungszeit von Anna Karenina starben drei der Kinder und zwei Tanten, und Sofja erkrankte schwer; an eine gemeinsame Arbeit war in dieser Zeit nicht zu denken.

1882 erwarb die Familie ein Haus in Moskau, damit die Kinder in der Stadt eine Ausbildung bekommen konnten. Das Ehepaar entfremdete sich zunehmend. Tolstaja hielt fest, ihr Mann habe sich entfernt, „aber nicht im alltäglichen Leben, sondern in seinen Schriften, seinen Predigten an die Menschen, wie man leben solle“.

Um 1889 entstand Tolstois Novelle Die Kreutzersonate. Das Werk handelt von einem eifersüchtigen Mann. Dieser sieht sich der weiblichen Sexualität hilflos ausgesetzt. Er glaubt, sich nur durch Mord aus den Fesseln der Ehe befreien zu können. In der literarischen Öffentlichkeit setzte man die Ehefrau der Erzählung mit Sofja gleich. Sie sah sich durch diese Darstellung gedemütigt. Dennoch setzte sie sich für die Freigabe des Werks durch die Zensurbehörden ein. Ihre eigene literarische Erwiderung heißt Wessen Schuld?, auf Deutsch erschien sie als Eine Frage der Schuld. Sie schrieb sie Anfang der 1890er Jahre nieder. In Russland wurde dieser Text erst 1994 veröffentlicht, 75 Jahre nach ihrem Tod.

Dramatisch wurde die Krise der Ehe, als der Tolstoi-Anhänger Wladimir Tschertkow Tolstoi ab 1909 zu einem geheimen Testament drängte, das ihm die Betreuung der Schriften sicherte. Als Tolstaja davon erfuhr, war sie empört. Die Auseinandersetzung zwischen seiner Frau und Tschertkow belastete Tolstoi so sehr, dass er Jasnaja Poljana verließ. Auf der Reise erkrankte er und starb auf dem Bahnhof Astapowo, etwa 150 Kilometer von Jasnaja Poljana entfernt, im Gouvernement Rjasan. Das Testament übertrug die Rechte an seinen Schriften der Tochter Alexandra, nicht seiner Frau.

Tolstaja starb 1919 in Jasnaja Poljana. Sie hinterließ eine große Sammlung eigener Fotografien sowie Tagebücher und Erinnerungen.


Literarische Merkmale↑

Schreiben war für Sofja Andrejewna Tolstaja über Jahrzehnte vor allem Dienst an einem fremden Werk: Sie übertrug Manuskripte in Reinschrift, betreute Texte und gab sie später heraus. Ihr eigenes Schreiben lief daneben her, in Tagebüchern und Erinnerungen, die sie bis zuletzt führte. Dazu kam die Fotografie, von der eine große Sammlung erhalten ist.

Ihr literarisches Hauptwerk ist eine Antwort. Wessen Schuld? Die Erzählung einer Frau nimmt die Kreutzersonate ihres Mannes zum Anlass und erzählt dieselbe Konstellation aus der Sicht einer Frau. Der Untertitel benennt diesen Bezug ausdrücklich und weist die Verfasserin als die Gattin Lew Tolstois aus. Neben dieser Erzählung steht Lied ohne Worte, das sie zwischen 1897 und 1900 niederschrieb.


Rezeption↑

Zu Lebzeiten wurde Sofja Andrejewna Tolstaja von der literarischen Öffentlichkeit kaum als Autorin wahrgenommen, sondern als Frau an Tolstois Seite, die man mit der Ehefrau aus der Kreutzersonate gleichsetzte. Ihre eigene Erwiderung auf dieses Buch blieb lange ungedruckt: In Russland erschien sie erst rund hundert Jahre nach der Niederschrift.

2008 kam ihre literarische Antwort auf die Kreutzersonate unter dem Titel Eine Frage der Schuld auf Deutsch heraus. 2010 folgte Lied ohne Worte in deutscher Übersetzung.

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Aus dem Werkverzeichnis↑

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