1893 – 1939
Ernst Toller
Kurzbiografie↑
Ernst Toller zählt zu den maßgeblichen Vertretern des literarischen Expressionismus in der Weimarer Republik. Der 1893 geborene Schriftsteller jüdischer Herkunft war zugleich Dramatiker und linkssozialistischer Revolutionär. Er war zeitweilig Vorsitzender der bayerischen USPD und eine führende Figur der kurzlebigen Münchner Räterepublik. 1919 wurde er wegen Hochverrats zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt. In dieser Haft und mehr noch danach machten ihn vor allem seine Dramen bekannt, darunter Masse Mensch und Hinkemann. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Toller ausgebürgert, seine Bücher wurden verbrannt. Er ging ins Exil und nahm sich 1939 in New York das Leben.
Biografie↑
Geboren wurde Ernst Hugo Toller am 1. Dezember 1893 in Samotschin in der damaligen Provinz Posen. Er war der jüngste Sohn des Getreidegroßhändlers Mendel Toller, der seinen Vornamen später in Max änderte. Seine Mutter war dessen Frau Ida, geborene Cohn, die den Kolonialwarenladen der Familie führte. Die Familie gehörte zu den verhältnismäßig wohlhabenden bürgerlich-jüdischen Kreisen des Ortes, litt aber unter dem Antisemitismus der Zeit. Ab dem siebten Lebensjahr besuchte Toller eine Privatschule. Wegen einer schweren Erkrankung musste er den Unterricht jedoch etwa ein Jahr lang unterbrechen. 1906 wechselte er auf das Realgymnasium in Bromberg, wo er als Kostgänger bei wechselnden Familien lebte. Das preußische Schulwesen empfand er rückblickend als engstirnig und autoritär. Es weckte seinen Widerspruch, und er befasste sich mit moderner Literatur, die an seiner Schule verboten war. In diese Zeit fallen erste literarische Versuche.
Im Februar 1914 schrieb sich Toller, gefördert durch ein kleines Stipendium, an der Ausländeruniversität in Grenoble ein. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs kehrte er sofort nach Deutschland zurück. Im August 1914 trat er als Kriegsfreiwilliger einem bayerischen Fußartillerie-Regiment in München bei. Er kämpfte bei Verdun, wurde für seine Tapferkeit ausgezeichnet und zum Unteroffizier befördert. Zugleich entstanden hier seine ersten Gedichte gegen den Krieg. Im Mai 1916 erlitt er einen vollständigen psychischen und physischen Zusammenbruch. Nach Aufenthalten in Sanatorien und Lazaretten wurde er 1917 als nicht mehr wehrtauglich beurteilt und durfte an der Ludwig-Maximilians-Universität München studieren. Er begann mit Jura und Philosophie – die Deutsche Biographie nennt Rechtswissenschaft und Nationalökonomie. Er wurde in den Kreis um den Theaterwissenschaftler Artur Kutscher aufgenommen, wo er unter anderem Thomas Mann und Rainer Maria Rilke begegnete. Über den Verleger Eugen Diederichs und die Lauensteiner Tagungen kam er in Kontakt mit Max Weber, der ihn nach Heidelberg einlud. Dort engagierte er sich im Kulturpolitischen Bund der Jugend für eine sozialistische Friedensordnung. Nach einer Friedenspetition folgten politische Repressalien und die Ausweisung aus Baden. In einer Münchner Runde linker Kriegsgegner traf er Kurt Eisner, Erich Mühsam und Oskar Maria Graf und schloss sich der pazifistischen USPD an.
Seine Kriegserfahrungen machten Toller zum Pazifisten und revolutionären Sozialisten. Anfang 1918 wurde er nach Beteiligung am Munitionsarbeiterstreik verhaftet. Nach Kriegsende beteiligte er sich an der Novemberrevolution in Bayern. Nach der Ermordung Kurt Eisners im Februar 1919 übernahm Toller den Parteivorsitz der bayerischen USPD. Als Zentralratsvorsitzender trat er an die Spitze der am 7. April 1919 ausgerufenen Münchner Räterepublik. Nach dem Übergang zur kommunistischen Phase wurde er als Abschnittskommandant Befehlshaber der „Roten Armee“ im Münchner Westen und konnte vorrückende Freikorpsverbände bei Dachau zurückschlagen. Vom Geiselmord im Luitpold-Gymnasium distanzierte er sich deutlich und ordnete die Freilassung noch lebender Gefangener an. Nach der Niederschlagung der Räterepublik tauchte er unter, wurde am 4. Juni 1919 aufgespürt und verhaftet. Im Prozess vor dem Münchner Volksgericht trat Max Weber als Zeuge für seinen früheren Studenten ein und bescheinigte ihm die „absolute Lauterkeit“ eines radikalen Gesinnungsethikers. Anders als Eugen Leviné blieb Toller das Todesurteil erspart. Er wurde zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt und verbüßte den größten Teil davon bis 1924 im Gefängnis Niederschönenfeld.
Während der Haft war Toller schriftstellerisch ungewöhnlich produktiv. Hier entstanden viele seiner Gedichte sowie Dramen, die ihn als Dramatiker und Lyriker bekannt machten. Eine ihm 1920 angebotene Begnadigung lehnte er ab, weil er nicht gegenüber den anderen Gefangenen bevorzugt werden wollte. Auch nach der Entlassung erregten seine Stücke Aufsehen. Mit der Geschichtsrevue Hoppla, wir leben! eröffnete 1927 die Piscator-Bühne am Berliner Nollendorfplatz. 1926 wurde er Mitglied der Gruppe Revolutionärer Pazifisten. 1931 und 1936 reiste er in die Spanische Republik, beim zweiten Mal während des Bürgerkriegs in Begleitung seiner Frau, der Schauspielerin Christiane Grautoff.
Im Februar 1933 reiste Toller in die Schweiz. Der Reichstagsbrand und die folgende NS-Machtfestigung machten eine Rückkehr unmöglich. Während seines Aufenthalts in Zürich wurde er ausgebürgert. Im August 1933 stand er auf der Ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs, seine Bücher fielen der Bücherverbrennung zum Opfer. Über Paris und London, wo er Grautoff 1935 heiratete, gelangte er schließlich in die USA. 1934 besuchte er Moskau, 1935 den Pariser Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur. Anfang Mai 1939 nahm er noch am New Yorker Kongress des P.E.N.-Clubs teil und hielt dort seine letzte öffentliche Rede. Danach wurde er Präsident Roosevelt vorgestellt. Toller litt seit Jahren an schubweise wiederkehrenden Depressionen, die durch das Scheitern seiner politischen Hoffnungen verstärkt wurden. Nach Francos Sieg im spanischen Bürgerkrieg verzweifelte er an der Trägheit der demokratischen Welt. Am 22. Mai 1939 nahm er sich im Mayflower Hotel am Central Park in New York das Leben. Bei der Trauerfeier sprachen unter anderem Oskar Maria Graf und Sinclair Lewis, und W. H. Auden verfasste ein Gedicht zu seinem Gedenken. Die Quellen unterscheiden sich nur in der Schreibung des Sterbeorts: Wikidata nennt „New York City“, die Deutsche Biographie „New York“; gemeint ist dieselbe Stadt. Seine Asche wurde später in einem Sammelurnengrab auf dem Ferncliff-Friedhof in Hartsdale bei New York bestattet.
Literarische Merkmale↑
Mit den im Gefängnis geschriebenen Gedichten und den in rascher Folge entstandenen Dramen wurde Toller laut der Deutschen Biographie zum bekanntesten deutschen Bühnenautor der 1920er Jahre, in 27 Sprachen übersetzt. Seine Stücke sind dem Expressionismus verpflichtet und tragen die Spuren seiner politischen Erfahrung. In Masse Mensch etwa verarbeitete er den Gewissenskonflikt, der aus seiner revolutionären Tätigkeit in München erwuchs.
Tollers Theater bot experimentierfreudigen Regisseuren ein Feld zum Erproben neuer Mittel. An seinen Texten entwickelten Karlheinz Martin, Jürgen Fehling und Erwin Piscator die Andeutungsbühne, die Lichtregie und große Massenszenarien. Sie verwendeten dokumentarische Filmaufnahmen und technische Bühnenapparaturen, oft, wie die Deutsche Biographie anmerkt, durch Textänderungen gegen den Willen des Autors. Neben den Dramen trat Toller mit dem Gedichtzyklus Das Schwalbenbuch auch als Lyriker hervor.
Ein zweiter Strang seines Schaffens ist das autobiographische und zeitkritische Schreiben. Seine justizkritischen Schriften wie Justiz. Erlebnisse mündeten in den Plan einer autobiographischen Trilogie. Diese sollte das Schicksal seiner von Krieg und Nationalismus zerstörten Generation beschreiben. Ihr bekanntester Teil ist Eine Jugend in Deutschland. Dazu kamen Briefe aus dem Gefängnis und Fragmente eines Spanienbuches. Sein Verleger Fritz Landshoff bescheinigte ihm große Güte und Hilfsbereitschaft, einen oft kindlichen Sinn für Humor und eine leidenschaftliche Hoffnung auf eine bessere Welt. Daneben nannte er aber auch Eitelkeit und eine heimliche Liebe zum Luxus – Schwächen, über die sich Toller selbst auf rührende Weise im Klaren gewesen sei.
Rezeption↑
Schon als Häftling erregte Toller öffentliche Aufmerksamkeit. Seine Dramen wurden auf zahlreichen Theaterbühnen der frühen Weimarer Republik erfolgreich aufgeführt. Nach der Haftentlassung 1924 gelangen ihm noch kurzlebige Bühnenerfolge wie Hoppla, wir leben! und Feuer aus den Kesseln. Doch überfielen ihn erneut die durch Krieg und Haft verstärkten Depressionen.
Den Nationalsozialisten gelang es nach Einschätzung der Deutschen Biographie, das Andenken Tollers in ihrem Macht- und Einflussbereich weitgehend zu zerstören. Erst zu Beginn der 1960er Jahre wuchs das Interesse am Verhältnis von Politik und Literatur wieder. Zwei Auswahlausgaben in Ost und West machten Teile seines Werks erneut zugänglich. Die Versuche, seine Dramen auf der Bühne wieder zu etablieren, blieben wegen der Zeitnähe dieser Stücke ohne Erfolg.
Gegenwartsautoren wandten sich deshalb der Person Tollers selbst zu. Tankred Dorst stellte ihn in den Mittelpunkt eines Stücks, ebenso Albert Ostermaier in poetisch-dokumentarischen Texten. Im Zentrum steht dabei das Schicksal eines Autors, der am Zwiespalt zwischen einer gewaltgierigen Welt und der von ihm ersehnten Menschheitsutopie zerbrach. Sein Werk und sein Leben sind seither in zahlreichen Biographien und wissenschaftlichen Arbeiten erschlossen worden. Eine kritische Gesamtausgabe seiner Werke erschien 2015 im Auftrag der Ernst-Toller-Gesellschaft.
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