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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · J. R. R. Tolkien
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Porträt J. R. R. Tolkien
J. R. R. Tolkien
1892 – 1973
– Autorenporträt –

J. R. R. Tolkien

1892 – 1973 · 81 Jahre

Britischer Sprachwissenschaftler und Erzähler, der aus selbst erfundenen Sprachen eine ganze Fantasiewelt formte und mit „Der Herr der Ringe“ ein grundlegendes Werk der modernen Fantasy-Literatur schuf.

Kurzbiografie↑

John Ronald Reuel Tolkien war ein britischer Schriftsteller und Philologe, der 1892 im südafrikanischen Bloemfontein geboren wurde und 1973 im englischen Bournemouth starb. Sein Roman Der Herr der Ringe, im Original 1954/55 erschienen, zählt zu den erfolgreichsten Büchern des 20. Jahrhunderts und gilt als grundlegendes Werk der modernen Fantasy-Literatur. Als Professor für englische Sprachwissenschaft in Oxford arbeitete Tolkien seit seiner Jugend an einer eigenen Mythologie, die auf selbst erfundenen Sprachen beruhte und erst nach seinem Tod als Das Silmarillion erschien. In dieser erfundenen Welt spielen sowohl Der Herr der Ringe als auch das Kinderbuch Der Hobbit von 1937. Auch einige seiner sprach- und literaturwissenschaftlichen Arbeiten, etwa der Essay Beowulf: The Monsters and the Critics von 1936, gelten als wegweisend.


Biografie↑

Als Sohn englischer Eltern kam Tolkien 1892 in Bloemfontein im Oranje-Freistaat zur Welt, wo sein Vater Arthur Reuel Tolkien als Bankmann tätig war. Seine Mutter war Mabel Suffield. 1894 wurde sein Bruder Hilary geboren. Über die Herkunft der Familie väterlicherseits gibt es unterschiedliche Vermutungen: Tolkien selbst leitete den Namen vom Wort „tollkühn“ her, während neuere Forschungen den Ursprung dieses Familienzweigs in Ostpreußen sehen. Der polnische Tolkien-Experte Ryszard Derdziński kam 2019 zu dem Schluss, der Name stamme aus dem Niederpreußischen und bedeute „Nachkomme von Tolk“.

Die frühe Kindheit im Oranje-Freistaat verlief ruhig. 1895 reiste Tolkien mit Mutter und Bruder zu einem Urlaub ins englische Birmingham. Dort erreichte die Familie im folgenden Jahr die Nachricht vom Tod des Vaters. Man zog nach Sarehole Mill, einen damals noch ländlichen Vorort von Birmingham, dessen Idylle später zur Vorlage für das Auenland in Tolkiens mythologischer Welt wurde. Seine Mutter, die 1900 gegen den Willen der Verwandtschaft zur katholischen Kirche übertrat, erzog ihre Kinder in diesem Glauben. Diese Prägung begleitete Tolkien sein Leben lang und wirkte tief in sein Werk hinein. Früh brachte ihm die Mutter Grundzüge des Lateinischen, Französischen und Deutschen bei und machte ihn mit Lewis Carrolls Alice im Wunderland, der Artus-Sage und den nordischen Sagen um Siegfried und den Drachen Fafnir vertraut.

Am 14. November 1904 starb die Mutter nach einem diabetischen Koma. Der frühe Tod band den Zwölfjährigen noch enger an den katholischen Glauben und verstärkte seine pessimistische Grundhaltung. Die beiden Brüder kamen in die Obhut von Pater Francis Morgan. 1908 lernte Tolkien die drei Jahre ältere Edith Bratt kennen, seine spätere Frau; sein Vormund verbot ihm jedoch bis zur Volljährigkeit jeden Kontakt mit ihr. In der Schule, der King Edward’s School, wurde er auf die Philologie aufmerksam und begeisterte sich für das altenglische Gedicht Beowulf sowie die mittelenglischen Dichtungen Sir Gawain and the Green Knight und Pearl. Angespornt durch sein Sprachwissen begann er, eigene Sprachen zu erfinden. 1911 gründete er mit einigen Freunden den T.C.B.S. (Tea Club – Barrovian Society), einen Kreis für literarische Gespräche, und schrieb erste Gedichte. Im Dezember 1910 gelang ihm ein Stipendium des Exeter College in Oxford.

Ein Wanderurlaub in der Schweiz zwischen Schule und Studium lieferte später Eindrücke für Landschaften in Der Hobbit. 1911 begann Tolkien sein Studium in Oxford, zunächst in den klassischen Sprachen, wandte sich aber bald der vergleichenden Sprachwissenschaft, dem Walisischen und dem Finnischen zu. Aus dem Finnischen entwickelte er die Elbensprache Quenya. Am 3. Januar 1913, seinem Volljährigkeitstag, nahm er den Kontakt zu Edith wieder auf; 1916 heirateten die beiden. Nach zunächst mäßigen Studienleistungen wechselte er an das Institut für englische Sprache und Literatur und schloss sein Studium 1915 mit Auszeichnung ab. In dieser Zeit stieß er auf die Zeilen über „middangeard“ und die Gestalt „Earendel“, die als Keim seiner Mythologie gelten; kurz darauf schrieb er das Gedicht The Voyage of Earendel the Evening Star.

Als Offizier für das Fernmeldewesen nahm Tolkien ab dem Sommer 1916 an der Schlacht an der Somme teil. Die Grausamkeit des Stellungskriegs traf ihn tief und machte den Einbruch des Bösen in eine friedvolle Welt zu einem Grundthema seines Werks. Er erkrankte am Fleckfieber und wurde im November 1916 nach England gebracht. In dieser Zeit erfuhr er vom Tod zweier T.C.B.S.-Kameraden. Ein letzter Brief seines Freundes G. B. Smith wurde ihm zum Vermächtnis. Er begann mit The Book of Lost Tales, einem umfassenden Sagenzyklus, der erst postum durch seinen Sohn Christopher erschien und den Kern des späteren Silmarillion bildet. Zwischen 1917 und 1929 wurden vier Kinder geboren. Aus glücklichen Momenten mit Edith entstand die Geschichte von Beren und Lúthien.

Nach dem Krieg fand Tolkien 1918 eine Anstellung beim New English Dictionary in Oxford. 1920 ging er als „Reader“ nach Leeds, wo er 1924 eine Professur für englische Sprache erhielt. Mit dem Kanadier Eric Valentine Gordon erarbeitete er eine gefeierte Neuedition von Sir Gawain and the Green Knight. 1925 wechselte er auf den Rawlinson-und-Bosworth-Lehrstuhl für Angelsächsisch nach Oxford. Dort gründete er die Leserunde Kolbitar, der ab 1927 auch Clive Staples Lewis angehörte, der bald sein engster Freund wurde. Seit den frühen 1920er Jahren erzählte Tolkien seinen Kindern erfundene Geschichten, aus denen unter anderem Roverandom hervorging. Die 1930 begonnene Erzählung Der Hobbit erschien 1937 beim Verlag Allen & Unwin. Auf Wunsch des Verlags begann er mit einer Nachfolgeerzählung, aus der The Lord of the Rings wurde. Nach Anregung durch C. S. Lewis, mit dem er im literarischen Zirkel der Inklings verbunden war, hielt er den viel beachteten Vortrag On Fairy-Stories.

Die Arbeit an dem Roman zog sich durch den Zweiten Weltkrieg hin. 1945 wechselte Tolkien auf die Professur für Anglistik. Erst 1954 erschien The Lord of the Rings, verzögert durch seinen Perfektionismus und einen zwischenzeitlichen Streit über den Verlag. Wegen der hohen Papierpreise erschien das Werk in drei Bänden, weshalb es fälschlich als Trilogie gilt – eine Bezeichnung, die Tolkien zeitlebens ablehnte. Nachdem Tolkien 1964 eine Anfrage des amerikanischen Verlegers Donald A. Wollheim von Ace Books abgelehnt hatte, löste dessen unautorisierte Taschenbuchausgabe einen Rechtsstreit aus, machte den Roman in den Vereinigten Staaten aber zum Kultbuch. Seine letzten Jahre verbrachte Tolkien mit dem Silmarillion, das er nicht mehr vollendete. Nach dem Tod Ediths 1971 kehrte er von Bournemouth nach Oxford zurück. 1972 wurde ihm der Rang eines Commander des Order of the British Empire verliehen. Am 2. September 1973 starb er im Alter von 81 Jahren in Bournemouth. Auf den Grabsteinen von Tolkien und Edith stehen neben ihren Namen die Namen Beren und Lúthien.


Literarische Merkmale↑

Charakteristisch für Tolkiens Schaffen ist die enge Verbindung von Sprachwissenschaft und Dichtung. Aus seinem Wissen um linguistische Entwicklungsprinzipien erfand er ganze Sprachen – Quenya nach dem Vorbild des Finnischen, Sindarin nach dem Walisischen – und machte sie zur Grundlage einer erfundenen Welt. Seine Mythologie wuchs so von der Sprache her: Namen und Klänge standen oft am Anfang, die Geschichten folgten. Bezeichnend ist eine Anekdote aus der Studienzeit, in der er auf die Frage nach dem Hintergrund seines Earendel-Gedichts antwortete: „Ich weiß es nicht. Ich werde versuchen, es herauszufinden.“ Schreiben verstand er nicht als Neuschöpfung, sondern als eine Art Entdeckungsreise, und diese Haltung blieb für ihn bestimmend.

Prägend war auch seine katholische Weltanschauung. Tolkien sah die Welt im Griff des Bösen, das nur durch die Siege des Guten vorübergehend zurückgedrängt werden kann. Der Einbruch des Bösen in eine friedvolle Welt – eine Erfahrung, die durch den Ersten Weltkrieg beglaubigt wurde – wurde zum Grundthema seiner Literatur. Vieles in seinem Werk speist sich zudem aus persönlichen Eindrücken: die ländliche Idylle seiner Kindheit als Vorlage für das Auenland, Schweizer Berglandschaften für die Wege in Der Hobbit oder die Liebesgeschichte von Beren und Lúthien, die aus glücklichen Stunden mit seiner Frau Edith erwuchs. Seine gelehrte Beschäftigung mit dem Altenglischen, Mittelenglischen und Altnordischen lieferte den Stoff, aus dem er seine eigene Sagenwelt formte.


Rezeption↑

Zu einer weltweiten Bekanntheit gelangte Tolkien vor allem durch Der Herr der Ringe. Der Roman zählt zu den erfolgreichsten Büchern des 20. Jahrhunderts und gilt als grundlegendes Werk für die moderne Fantasy-Literatur; in seinem Vortrag On Fairy-Stories hatte Tolkien selbst die Grundsätze dieses später entstehenden Genres beschrieben und gegen den Vorwurf der Realitätsflucht verteidigt.

Einen entscheidenden Schub erhielt sein Ruhm in den Vereinigten Staaten: Nachdem Tolkien 1964 eine Anfrage des Verlegers Donald A. Wollheim von Ace Books abgelehnt hatte, brachte dieser eine unautorisierte Taschenbuchausgabe heraus. Der daraus folgende Rechtsstreit wurde später zu Ungunsten von Ace Books entschieden, doch die Piratenausgabe löste unter Studenten eine regelrechte Kultbewegung aus und machte Tolkien rasch zu einer Berühmtheit. Mit Unterstützung seiner zahlreicher werdenden Fans erreichte er schließlich, dass nur noch die von ihm autorisierte Fassung auf dem US-Markt erhältlich blieb.

Auch als Gelehrter fand Tolkien Anerkennung. Seine mit Eric Valentine Gordon erarbeitete Neuedition von Sir Gawain and the Green Knight galt nach ihrem Erscheinen 1925 als herausragender Beitrag zur mittelenglischen Philologie, und sein Essay Beowulf: The Monsters and the Critics von 1936 gilt als wegweisend. Ein Teil seines dichterischen und mythologischen Werks, darunter Das Silmarillion, wurde erst nach seinem Tod von seinem Sohn Christopher herausgegeben.

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