1826
Der Tod des Empedokles
Überblick↑
Das Drama Der Tod des Empedokles gehört zu den großen unvollendeten Werken Friedrich Hölderlins. Zwischen 1797 und 1800 rang der Dichter mit diesem Stoff, ohne ihn je abzuschließen. Drei Fassungen oder Entwürfe haben spätere Herausgeber aus den Handschriften herausgearbeitet, von denen keine fertig wurde. Das Stück behandelt die letzten Lebenstage des griechischen Philosophen Empedokles aus Agrigent, der sich der Sage nach in den Vulkan Ätna stürzte. In seiner sprachlichen Wucht und seinem hohen Gedankenflug zählt das Fragment zu den eindrucksvollsten Zeugnissen der deutschen Klassik.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der vorsokratische Philosoph Empedokles, der in der antiken Stadt Agrigent auf der Insel Sizilien lebt. Er ist ein gefeierter Denker und Lehrer, eng vertraut mit den Kräften der Natur und der Seele der Welt. Das Stück zeigt ihn in seinen letzten Lebenstagen, am Fuße des Vulkans Ätna.
Empedokles steht in einem inneren Spannungsverhältnis zwischen der Welt der Menschen und seinem Verlangen nach einer höheren, göttlichen Ordnung. Seine Stellung in der Stadt, sein Verhältnis zu den Mitbürgern und sein Ringen mit der eigenen Bestimmung bilden den Kern der Handlung. Hölderlin entwirft damit weniger ein Stück voller äußerer Ereignisse als ein Drama der inneren Bewegung, in dem sich eine große geistige Entscheidung vorbereitet.
Die Handlung im Detail↑
Der Stoff geht auf eine alte Legende zurück, die Hölderlin vor allem aus den Lebensbeschreibungen berühmter Philosophen des antiken Geschichtsschreibers Diogenes Laertius kannte. Danach nahm sich der Philosoph Empedokles aus Agrigent das Leben, indem er sich in die Flammen des Ätna stürzte. Hölderlin selbst deutete diesen Schritt mit den Worten „Im freien Tod, nach göttlichem Gesetz".
Empedokles erscheint als ein Denker, der so tief mit der Natur und den göttlichen Kräften verbunden ist, dass er sich von der gewöhnlichen Welt der Menschen entfremdet. Dieser Tod aus eigenem Entschluss bildet den Zielpunkt, auf den Hölderlin in allen Entwürfen zusteuert: den Sturz in den Vulkan als bewusste, gesetzmäßige Tat, mit der sich der Philosoph mit der Seele der Welt vereint.
Die genaue Gestalt der Handlung lässt sich nicht endgültig bestimmen, weil Hölderlin das Werk nie vollendete. Erhalten sind drei Entwürfe aus den Jahren 1798 und 1799. Der erste Entwurf umfasst zwei Akte mit zusammen 1864 Versen. Der zweite Entwurf bietet drei Aufzüge des ersten Akts und einen neuen achten Aufzug im zweiten Akt. Der dritte Entwurf besteht aus vier Aufzügen mit 504 Versen. Hinzu kommt ein früherer, ausführlicher Arbeitsplan aus dem Jahr 1797, der sogenannte „Frankfurter Plan", aus dem hervorgeht, dass das Drama ursprünglich auf fünf Akte angelegt war.
Begleitet wird das Werk von Hölderlins theoretischer Schrift Grund zum Empedokles aus dem Jahr 1799, die gedanklich zwischen der zweiten und der dritten Fassung steht, sowie von einem Plan und einem Fortsetzungsentwurf zur dritten Fassung. Diese Texte zeigen, wie intensiv Hölderlin mit Aufbau und Sinn des Stückes rang, bis er die Arbeit schließlich abbrach.
Stil↑
Hölderlin schrieb sein Drama in feierlichen, ungereimten Versen von großer sprachlicher Dichte. Die Sprache ist gehoben, bildreich und von einem hohen gedanklichen Ernst getragen. Sie verbindet die Strenge der antiken Tragödie mit Hölderlins eigenem, hymnisch gesteigerten Ton.
Bemerkenswert ist, dass dasselbe Thema in drei Anläufen immer wieder neu gefasst wurde. Jeder Entwurf ringt aufs Neue um Form und Aufbau, sodass das Werk weniger als geschlossenes Drama denn als ein fortwährender dichterischer und gedanklicher Suchprozess vorliegt. Die begleitende Schrift Grund zum Empedokles zeigt, dass Hölderlin Dichtung und philosophische Reflexion eng miteinander verband.
Eng verwandt mit dem Drama ist eine etwa zur selben Zeit entstandene dreistrophige Ode mit dem Titel Empedokles, die in alkäischen Strophen verfasst ist. In ihr klingen sowohl Bedauern als auch Bewunderung für den Heldenmut des Philosophen an. Veröffentlicht wurde sie 1801 in dem Almanach Aglaia.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten Hölderlins erschienen nur einmal Bruchstücke des Werks, und zwar 1826 als Anhang zur ersten gedruckten Sammlung seiner Gedichte beim Verlag Cotta. Die Herausgeber Gustav Schwab und Ludwig Uhland gaben ihnen den Untertitel „Fragmente eines Trauerspiels". Erst nach Hölderlins Tod wurden alle drei Fassungen zusammen gedruckt, in der ersten Gesamtausgabe von 1846, die Christoph Theodor Schwab besorgte.
Die spätere Auseinandersetzung mit dem Werk war wesentlich von der schwierigen Frage geprägt, wie sich die Fassungen aus dem erhaltenen Material rekonstruieren lassen. Eigenständige Druckfassungen der einzelnen Entwürfe erschienen erst um 1896 und 1905. Verschiedene Herausgeber, darunter Friedrich Beißner und D. E. Sattler, gingen mit Hölderlins Korrekturzeichen unterschiedlich um. Eine neu erarbeitete Version der dritten Fassung von Katharina Grätz, enthalten in Jochen Schmidts Gesamtausgabe von 1994, gilt manchen heute als die beste Gestalt des Werks.
Trotz seines fragmentarischen Charakters hat das Drama eine breite Nachwirkung gefunden. Jean-Marie Straub und Danièle Huillet verfilmten den Stoff 1986 sowie das dritte Fragment 1989 erneut. Die Berliner Malerin Ancz É. Kokowski schuf von 2004 bis 2005 einen Zyklus aus neun Tafelbildern, der auf dem Drama beruht. Aus den vorhandenen Fragmenten entstand zudem eine eigene fünfaktige Bühnenfassung, die im März 2005 in Wien uraufgeführt wurde.
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