1770 – 1843
Friedrich Hölderlin
Kurzporträt↑
Friedrich Hölderlin (1770–1843) zählt zu den bedeutendsten deutschen Lyrikern um 1800. Sein Werk lässt sich weder der Weimarer Klassik noch der Romantik zuordnen – es steht eigenständig zwischen den Epochen. In hohen Formen wie Hymne, Ode und Elegie verband er die Hinwendung zum antiken Griechenland mit einer eigenwilligen, geistig hochgespannten Sprache. Nach einem Theologiestudium im Tübinger Stift und unsteten Hauslehrerjahren verbrachte er die zweite Lebenshälfte als psychisch Kranker in einem Turmzimmer am Neckar in Tübingen. Erst das 20. Jahrhundert hat ihn zu einem Höhepunkt der deutschen und abendländischen Literatur erhoben.
Biografie↑
Johann Christian Friedrich Hölderlin wurde am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar im damaligen Herzogtum Württemberg geboren. Sein Vater Heinrich Friedrich Hölderlin verwaltete als Klosterhofmeister die Güter eines ehemaligen Dominikanerinnenklosters. Die Familien beider Eltern gehörten der württembergischen Ehrbarkeit an, jener angesehenen Schicht von Pfarrern und Ratsherren. Schon als Zweijähriger verlor Hölderlin den Vater durch einen Schlaganfall.
1774 heiratete die Mutter den Weinhändler und späteren Bürgermeister Johann Christoph Gok in Nürtingen. Auch diesem Stiefvater war Hölderlin laut der Deutschen Biographie sehr zugetan. Er starb früh – 1779, als der Junge knapp neun Jahre alt war. Die Erziehung lag damit weitgehend in den Händen der pietistisch frommen Mutter und der Großmutter. Zur Mutter hatte er ein inniges, zugleich spannungsreiches Verhältnis: Er musste seine geistige Freiheit und seinen Dichterberuf gegen ihre Erwartung an ein gesichertes bürgerliches Leben verteidigen. Ein übersteigertes Schuldgefühl, vor diesen Erwartungen zu versagen, hat er laut der Deutschen Biographie nie überwunden.
Von 1776 bis 1784 besuchte er die Lateinschule in Nürtingen, dann die Klosterschulen Denkendorf (ab 1784) und Maulbronn (ab 1786). In Maulbronn verlobte er sich mit Louise Nast, der Tochter des Klosterverwalters; die Verlobung löste er 1790 auf. Von 1788 bis 1793 studierte er Theologie im Tübinger Stift, wo er Freundschaft mit Hegel und dem fünf Jahre jüngeren Schelling schloss. Mit Rudolf Magenau und Christian Ludwig Neuffer gründete er einen Dichterbund. Die Französische Revolution und Kants Philosophie beschäftigten ihn intensiv. Ob er sich 1793 an der Errichtung eines Tübinger Freiheitsbaumes beteiligte, ist nicht belegbar. Doch stand er den revolutionären Zirkeln nahe. 1792 erschienen erste Gedichte im Musenalmanach Gotthold Stäudlins. Nach Abschluss des Studiums entschied er sich gegen den Pfarrberuf und für das Dichten.
Es folgten unstete Hauslehrerjahre. Ende 1793 trat er – vermittelt durch Schiller und Stäudlin – eine Stelle bei Charlotte von Kalb in Waltershausen an, die im Januar 1795 endete. In Jena hörte er Vorlesungen Fichtes. Er lernte Goethe und vor allem den verehrten Schiller persönlich kennen und freundete sich mit Isaac von Sinclair an. Ende Mai 1795 verließ er Jena fluchtartig, weil er sich neben Schiller „wie ein kleiner Schüler" fühlte.
Anfang 1796 wurde er Hauslehrer bei dem Frankfurter Bankier Jakob Friedrich Gontard. Hier begegnete er der Hausherrin Susette Gontard, einer kultivierten, literarisch interessierten und für ihre Schönheit berühmten Frau. Sie wurde seine große Liebe und ist das Vorbild der Diotima im Hyperion. Im Sommer 1796 verbrachte er mit der Familie Gontard und Wilhelm Heinse Monate in Driburg. Diese Zeit beschrieb er später als die glücklichste seines Lebens. Als Gontard von der Beziehung erfuhr, musste Hölderlin im September 1798 das Haus verlassen und flüchtete zu Sinclair nach Homburg.
Es folgten weitere kurze Hauslehrerstellen: 1801 drei Monate im thurgauischen Hauptwil, Anfang 1802 in Bordeaux bei dem Konsul Daniel Christoph Meyer. Aus ungeklärten Gründen kehrte er nach wenigen Monaten zu Fuß zurück. Ende Juni 1802 traf er in verwahrlostem und verwirrtem Zustand in Stuttgart ein. Wenig später erreichte ihn die Nachricht vom Tod Susettes, die am 22. Juni 1802 in Frankfurt an den Röteln gestorben war. In Nürtingen stürzte er sich in Arbeit, übersetzte Sophokles und Pindar und schrieb seine späten Gesänge.
1804 verschaffte ihm Sinclair, inzwischen Regierungschef in Hessen-Homburg, eine Stelle als Hofbibliothekar – das Gehalt zahlte Sinclair aus eigener Tasche. Als gegen Sinclair 1805 ein Hochverratsprozess eröffnet wurde, geriet auch Hölderlin in die Ermittlungen, die jedoch eingestellt wurden. Im April 1805 berichtete der Homburger Arzt Müller, Hölderlins „Wahnsinn" sei in Raserei übergegangen. Am 11. September 1806 brachte man ihn gewaltsam in das Tübinger Universitätsklinikum unter Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth. Er wurde dort 231 Tage festgehalten und einer harten Behandlung mit Abführmitteln unterzogen, die der spätere Dichter Justinus Kerner durchführte.
Am 3. Mai 1807 wurde Hölderlin als „unheilbar" entlassen und in den Haushalt des Tübinger Tischlers Ernst Zimmer aufgenommen, eines Bewunderers des Hyperion. Im sogenannten Hölderlinturm oberhalb des Neckars verbrachte er die zweite Hälfte seines Lebens – 36 Jahre. Eine Vormundschaft führte zunächst die Mutter, nach ihrem Tod 1828 der Oberamtspfleger Burk. Ein privates Erbe und eine Sonderrente vom württembergischen Hof sicherten ihn finanziell ab. Ab den 1820er Jahren wurde er durch die Besuche des jungen Dichters Wilhelm Waiblinger wieder produktiver. 1826 brachten Gustav Schwab und Ludwig Uhland eine erste Werksammlung heraus, ohne direkte Mitwirkung des Dichters. Ab 1837 zeichnete er Gedichte mit Pseudonymen wie „Scardanelli" und datierte sie weit in Vergangenheit oder Zukunft. Nach Ernst Zimmers Tod 1838 pflegte ihn dessen Tochter Lotte Zimmer. Friedrich Hölderlin starb am 7. Juni 1843 um Mitternacht in Tübingen; sein Grab befindet sich auf dem Tübinger Stadtfriedhof.
Literarische Merkmale↑
Hölderlins Rang als Dichter beruht vor allem auf seiner Lyrik. Er bevorzugte die hohen Formen der Poesie: Hymne, Ode und Elegie. Seine Jugendgedichte sind noch geprägt vom Geist des Pietismus, von Melancholie und Innerlichkeit. Vorbilder waren die Dichter der Empfindsamkeit, Klopstock und der junge Schiller. Die Tübinger Hymnen ab 1790 feierten die Französische Revolution und das antike Griechenland als Gegenbild zur feudalabsolutistischen Gegenwart. Sie blieben aber einem leeren Pathos verhaftet, wie Hölderlin selbst in dem Gedicht Menschenbeifall (1796) kritisierte.
In den Frankfurter Jahren konzentrierte er sich auf den Roman Hyperion und auf kurze, formstrenge Oden, in denen seine pantheistische Weltsicht Gestalt annahm – angeregt vom antiken Pantheismus, von Spinoza und vom Naturkult Rousseaus. Nach der Trennung von Susette Gontard trat in der Homburger Zeit die Elegie in den Vordergrund, getragen von einem tragischen Lebensgefühl.
Die späten Hymnen ab 1800 haben Hölderlins Ruhm im 20. Jahrhundert begründet. Vorbild war ihm der griechische Lyriker Pindar, von dem er die freien Rhythmen und den Strophenbau übernahm. Aufgabe des Hymnus war für Hölderlin, die Erscheinung des Göttlichen heraufzurufen. Er sah seine Zeit nach der Französischen Revolution als „heilige Nacht" der Götterferne. In ihr sei es Aufgabe des Dichters, den Gedanken an ein höheres Leben wachzuhalten. Eine zentrale Rolle spielen die Halbgötter Dionysos, Herakles und Prometheus als Vermittler zwischen Gott und Mensch. In Brot und Wein wandert Dionysos von Osten nach Westen. Im Abendland soll sich die griechische Kultur vollenden, wobei Deutschland eine besondere Rolle zugedacht ist. In seiner Spätdichtung näherte Hölderlin griechische und christliche Religiosität einander an: Christus erscheint in Brot und Wein als letzter der antiken Halbgötter.
Formal ist die Spätlyrik von extremen Widersprüchen geprägt. Der Forscher Jochen Schmidt nennt als Merkmale „kühne Metaphorik und zugleich abstrakte Härte, glühende Bildfülle und schlichtes Sagen, weitgespannte, rhythmisch stark bewegte Großperioden und lapidare Kürze". Hölderlins mythologisch und historisch aufgeladene Bildersprache ist schwer verständlich. Der Ton seiner Hymnen ist feierlich, prophetisch und visionär.
Neben der Lyrik schuf Hölderlin den Briefroman Hyperion (1797/1799), der als das lyrischste deutsche Prosawerk gilt. Von 1797 bis 1800 arbeitete er an dem Drama Der Tod des Empedokles, das in drei Fassungen Fragment blieb. 1804 erschienen seine Übersetzungen der Sophokles-Tragödien Antigonae und Ödipus der Tyrann – Übersetzungen, die die Fremdheit des griechischen Textes bewusst sichtbar machen. Als Philosoph stand Hölderlin im Frühidealismus nach Kant. In der kurzen Skizze Urteil und Sein setzte er dem Ich-Prinzip Fichtes ein ursprüngliches „Sein" vor jeder Trennung von Subjekt und Objekt entgegen.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten erschien nur ein Teil von Hölderlins lyrischem Werk. Vom Spätwerk waren lange fast nur die sogenannten Nachtgesänge bekannt. Die 1826 von Gustav Schwab und Ludwig Uhland herausgegebene Sammlung machte ihn immerhin unter Schriftstellern bekannt. Begeisterung weckte er bei den Heidelberger Romantikern Clemens Brentano und Achim von Arnim. Brentano bekannte, Hölderlin sei „sein höchstes Ideal". Wilhelm Waiblinger ahmte den Hyperion in seinem Roman Phaeton nach und verfasste 1827/28 die erste Hölderlin-Biographie.
Nach 1848 wurde Hölderlin weitgehend ignoriert und galt nur noch als melancholischer Nachahmer Schillers. Friedrich Nietzsche schätzte ihn jedoch hoch und übernahm von ihm Motive seiner Kritik am rein apollinischen Bild der griechischen Kultur. Die große Wirkung im 20. Jahrhundert setzte mit Stefan George ein. Die wissenschaftliche Erschließung begann 1910 mit der Dissertation Norbert von Hellingraths. Hölderlins prägnante, häufig fragmentarische Lyrik beeinflusste Dichter wie George, Heym, Trakl, Celan, Bachmann und viele weitere. Auch dezidiert linke Leser haben sich mit ihm befasst – Ernst Bloch, Georg Lukács und Peter Weiss ebenso wie die Anarchisten Gustav Landauer und Rudolf Rocker. Im Nationalsozialismus und in den beiden Weltkriegen waren seine patriotischen Gedichte besonders populär. Ihr freiheitlich-republikanischer Hintergrund wurde dabei verschwiegen.
Die Editionsgeschichte ist ein eigenes Kapitel. Auf Wilhelm Böhm folgten die historisch-kritischen Ausgaben von Norbert von Hellingrath und Franz Zinkernagel, dann ab 1943 die Stuttgarter Ausgabe Friedrich Beißners und ab 1975 die Frankfurter Ausgabe D. E. Sattlers. Der Streit um den Hölderlin-Text entzweite die Forschung jahrelang und ist bis heute nicht beendet. Für viele Werke existiert kein einheitlicher Text.
Auch Hölderlins Krankheit ist immer wieder gedeutet worden. Der Psychiater Wilhelm Lange vertrat 1909 die These einer Schizophrenie ab 1801. Karl Jaspers warnte 1922 davor, „grobe psychopathologische Kategorien" auf Hölderlins Dichtungen anzuwenden. Pierre Bertaux behauptete 1978, Hölderlin habe den Wahnsinn nur gespielt – eine Deutung, die heute als Legendenbildung gilt, etwa beim Biografen Rüdiger Safranski. Der Pharmakologe Reinhard Horowski legte 2017 die Streitschrift Hölderlin war nicht verrückt vor und führte Symptome auf eine Quecksilbervergiftung durch die Tübinger Behandlung mit Kalomel zurück. Einigkeit besteht heute darin, dass die ästhetische Qualität der späten Gedichte nicht von einer medizinischen Diagnose abhängt.
Hölderlins philosophischer Ansatz wurde besonders durch Dieter Henrich herausgearbeitet. Sein gedanklicher Gehalt hat Hegels Philosophie des Geistes mitgeprägt. Das hymnische Spätwerk wurde immer wieder zum Gegenstand philosophischer Auslegungen – bei Martin Heidegger, Theodor W. Adorno, Jacques Derrida, Michel Foucault und Alain Badiou.
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