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Autoreneintrag · Joris-Karl Huysmans
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Porträt Joris-Karl Huysmans
Joris-Karl Huysmans
1848 – 1907
– Autorenporträt –

Joris-Karl Huysmans

1848 – 1907 · 59 Jahre

Französischer Romancier, der vom drastischen Realismus über das dekadente Kultbuch „À rebours“ bis zu okkulten Stoffen und dem katholischen Glauben fand.

Kurzbiografie↑

Im französischen Roman des späten 19. Jahrhunderts nimmt Joris-Karl Huysmans (1848–1907) eine eigenwillige Stellung ein. Er wurde in Paris geboren und starb dort. Zunächst war er ein Mitläufer des Naturalismus im Kreis um Émile Zola. Bald fand er jedoch zu einer ganz eigenen Schreibweise. Sein Roman À rebours ist auf Deutsch unter Titeln wie Gegen den Strich bekannt. Dieses Werk machte ihn zum Wortführer einer dekadenten, ästhetizistischen Strömung. Sein Lebensweg führte von der drastischen Schilderung des Pariser Alltags über die Faszination für Okkultismus und Satanismus bis zur Hinwendung zum katholischen Glauben und mehreren Klosteraufenthalten.


Biografie↑

Geboren wurde Charles Marie Georges Huysmans am 5. Februar 1848 in Paris. Sein Vater war der holländische Lithograf Godfried Huysmans, seine Mutter die Lehrerin Malvina Badin. Der Vater starb 1856. Ein Jahr später heiratete die Witwe den Buchbinder Jules Og. Aus Abneigung gegen seinen Stiefvater kam Huysmans in ein Internat. Dort verbrachte er eine wenig glückliche Schulzeit. Nach dem Abitur trat er als mittlerer Angestellter in das französische Innenministerium ein. Dort blieb er – unterbrochen von etlichen Beurlaubungen – bis 1898. Seine Beziehungen zu Frauen waren wenig beständig und bereiteten ihm viele Enttäuschungen. Zugleich lieferten sie ihm Stoff für seine Romane. In deren Mittelpunkt steht häufig ein vom Leben und von Frauen enttäuschter Junggeselle.

Neben seinem Beruf arbeitete Huysmans als Autor. Zunächst veröffentlichte er kürzere Texte in Zeitschriften. Seine erste Veröffentlichung war 1874 eine Gedichtsammlung unter dem Titel Le Drageoir aux épices. Dabei verwendete er erstmals den flämisch wirkenden Vornamen Joris-Karl. 1876 lernte er Émile Zola kennen und schloss sich der um diesen versammelten Gruppe der Naturalisten an. Im selben Jahr erschien sein erster Roman Marthe, histoire d'une fille. Beeinflusst war er von Germinie Lacerteux der Brüder Goncourt sowie von Zolas Thérèse Raquin. Huysmans schrieb jedoch so drastisch, dass das Buch für einige Zeit als sittenwidrig verboten wurde. 1877 bezeugte er seine Freundschaft zu Zola mit lobenden Zeitschriften-Artikeln über ihn und dessen Roman L'Assommoir.

Auch die folgenden Erzählwerke sind überwiegend im Milieu der Pariser Unterschicht angesiedelt und von einem drastischen Realismus geprägt. Dazu gehört der Roman Les Sœurs Vatard (1879) über die Existenz zweier Buchhefterinnen. Ebenso zählt dazu die Erzählung Sac au dos für den von Zola 1880 herausgegebenen Sammelband Les Soirées de Médan. Hinzu kommt der Roman En ménage (1881) über den Künstler zwischen Schaffensdrang und Beziehungsbedürfnis. Auch À vau-l'eau (1882) gehört dazu, worin ein kleiner Beamter aus seinem kläglichen Trott nicht herauskommt. Später schildert La Retraite de M. Bougran die Schwierigkeiten eines pensionierten Ministerialbeamten, einen neuen Lebenssinn zu finden. Diese Werke spiegeln wohl zum Teil eigene Probleme. 1881 nahm Huysmans wegen nervöser Erschöpfung einen längeren Urlaub. Er wollte sich in einer Privatklinik in einem Pariser Vorort erholen.

1883 veröffentlichte er unter dem Titel L'Art moderne einen Sammelband mit Kunstkritiken aus den Jahren 1879 bis 1882. 1884 erschien das Werk, das ihm seinen Platz in der Literaturgeschichte sichern sollte: der Roman À rebours. Seine minimale Handlung kreist um den dekadenten und neurotischen jungen Aristokraten Jean Floressas Des Esseintes. Dieser zieht sich aus der sozialen Realität zurück und richtet sich in seinem Vorstadthäuschen eine künstliche Welt des Ästhetizismus und Mystizismus ein, bis er an den Rand geistiger Umnachtung gerät. Eigentlich war der Roman als naturalistische Studie eines „dekadenten“ Individuums gedacht. Von vielen Lesern wurde er jedoch als „Brevier der Dekadenz“ aufgenommen und zeitweise zum Kultbuch. Das galt nicht nur für Anhänger des Naturalismus, sondern auch für die symbolistische Schule.

Der nächste Roman, En rade (1887), war sein erster, der auf dem Land spielt. 1888 folgte Huysmans einer Einladung nach Hamburg und schloss eine längere Reise durch Deutschland an. 1900 gehörte er zu den Gründern der Académie Goncourt und wurde ihr erster Vorsitzender. Um dieselbe Zeit öffnete er sich, erneut in einer Phase der Sinnsuche, dem Einfluss okkultistisch interessierter Personen. Diese Krise mündete schließlich – unter dem Einfluss des Abbé Mugnier – in Frömmigkeit. Ab 1892 führte sie ihn zu mehreren Klosteraufenthalten sowie zur Einkleidung als Laienbruder in der Abtei Saint-Martin von Ligugé bei Poitiers.

Diese Entwicklung verarbeitete Huysmans in vier Romanen um denselben Protagonisten, einen Schriftsteller namens Durtal: Là-bas (1891), En route (1895), La Cathédrale (1898) und L'Oblat (1903). In Là-bas beschreibt er den von ihm erforschten Rosenkreuzer-Untergrund. Die Handlung gipfelt in der Schilderung einer schwarzen Messe. Vom Satanismus zutiefst fasziniert, ließ er sich durch die Werke vieler Okkultisten und Schwarzmagier inspirieren. Später zog sich Huysmans in ein Pariser Benediktinerkloster zurück. Dort erlag er nach langem Leiden einem Krebs im Unterkiefer. Er starb am 12. Mai 1907 in Paris. Fast schon postum erschien 1906 sein letztes Buch, das fromme Les Foules de Lourdes.


Literarische Merkmale↑

Charakteristisch für Huysmans ist ein Schreiben, das im Laufe seines Lebens deutliche Wandlungen durchlief, ohne seine Eigenart zu verlieren. In den frühen Werken herrscht ein drastischer Realismus vor. Er schildert das Milieu der Pariser Unterschicht ungeschönt – so ungeschönt, dass sein erster Roman zeitweilig als sittenwidrig verboten wurde. Wiederkehrendes Thema ist der vom Leben und von Frauen enttäuschte Junggeselle. Dieser trägt vielfach Züge des Autors selbst, und mehrere Romane verarbeiten erkennbar eigene Erfahrungen.

Mit À rebours löste sich Huysmans von der bloßen naturalistischen Studie. Die Handlung tritt fast völlig zurück zugunsten der minutiösen Schilderung einer künstlichen Welt aus Ästhetizismus und Mystizismus. Damit wurde sein Schreiben zum Bezugspunkt einer dekadenten und symbolistischen Empfindungsweise. In der späten Durtal-Reihe wandte er sich religiösen, okkulten und satanistischen Stoffen zu. Dabei schöpfte er aus eigener, intensiver Recherche – etwa bei der detaillierten Schilderung einer schwarzen Messe in Là-bas. Daneben trat Huysmans als Kunstkritiker hervor. Seine Beiträge sammelte er 1883 in L'Art moderne.


Rezeption↑

Aufgenommen wurde Huysmans' Werk unterschiedlich stark. Der Erfolg von À rebours beschränkte sich eher auf ein intellektuelles Publikum. Der Roman wurde zeitweise zum Kultbuch und fand auch im Ausland Anklang: Die Figur Dorian Gray in Oscar Wildes Roman von 1890 trägt manche Züge von Huysmans' Des Esseintes. Der Lyriker Mallarmé formulierte 1885 die symbolistische Poetik in einem langen Gedicht mit dem paradoxen Titel Prose pour Des Esseintes. Là-bas dagegen wurde ein Bestseller. Zu seinen größten Verkaufserfolgen zählte mit rund 40 Auflagen in 20 Jahren La Cathédrale, dessen Handlung in und um die Kathedrale von Chartres spielt. Heute ist dieser Roman im Vergleich zu Là-bas und vor allem À rebours kaum mehr bekannt.

Bis in die Gegenwart bleibt Huysmans präsent. 2007 erschien im Haffmans-Verlag bei Zweitausendeins eine Neuübersetzung von À rebours durch Caroline Vollmann unter dem Titel Gegen alle. Auch die meisten anderen Romane liegen in neueren Übersetzungen vor. In seinem 2015 erschienenen Roman Soumission nahm Michel Houellebecq die Aufnahme von Huysmans' Werken in die renommierte Bibliothèque de la Pléiade vorweg. Verwirklicht wurde diese tatsächlich erst am 24. Oktober 2019. Die Romanfigur François ist Verfasser einer umfangreichen Dissertation über Huysmans und dessen religiöse Wende.

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