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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · An Anna Blume
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Cover An Anna Blume
An Anna Blume
1919
– Werkseintrag –

An Anna Blume

1919 · Lyrik

Kurt Schwitters' Gedicht ist eine Liebeserklärung an die erfundene Anna Blume, deren Name sich vorwärts wie rückwärts gleich liest, und wirbelt dabei alle Regeln der gewöhnlichen Liebeslyrik durcheinander.

Überblick↑

Das Merz-Gedicht An Anna Blume entstand 1919 und gehört zu den bekanntesten Texten von Kurt Schwitters (1887–1948). Es ist einer der Schlüsseltexte des Dadaismus, jener Bewegung in Kunst und Literatur. Schwitters gab dem Gedicht eine ungewöhnliche Karriere: 1920 klebte er es in Hannover, wo er lebte, als Werbung für seinen neuen Gedichtband an die Litfaßsäulen. Der Text richtet sich an eine erfundene Geliebte namens Anna Blume und treibt sein Spiel mit der Sprache der Liebeslyrik. Bis heute prägt er das Bild von Schwitters als einem der eigenwilligsten Köpfe der literarischen Avantgarde.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Bei dem Text handelt es sich um eine Liebeserklärung an eine Frau, die es so nur in der Fantasie des Dichters gibt: Anna Blume. Ihr gilt eine überschwängliche Anrede, die alle Regeln der gewöhnlichen Liebeslyrik durcheinanderwirbelt. Ihr Name selbst wird zum Spielmaterial, denn „Anna“ liest sich von vorn wie von hinten gleich. Schwitters schrieb im Lauf der Jahre mehrere Fassungen und ließ die Figur in verschiedenen Büchern wiederkehren, etwa in dem Band Anna Blume. Dichtungen von 1919. Wer den Text zum ersten Mal liest, begegnet einer verspielten, überraschenden Sprachwelt, die Zärtlichkeit und Unsinn eng miteinander verknüpft.

Die Handlung im Detail↑

Im Mittelpunkt steht die Anrede an Anna Blume, eine Geliebte, die ganz aus Worten besteht. Schwitters spielt offen mit der Umkehrbarkeit ihres Vornamens: „Anna“ bleibt gleich, ob man ihn von vorn oder von hinten liest. In einem verwandten Text von 1920 mit dem Titel Hannover, erschienen in der Juni-Ausgabe der Zeitschrift Der Sturm, greift er dieses Spiel erneut auf. Dort weist er darauf hin, dass sich der Stadtname Hannover eben nicht spiegelbildlich lesen lässt, sondern rückwärts „re von nah“ ergibt.

Das Gedicht schließt mit den bekannt gewordenen Zeilen: „Anna Blume, du tropfes Tier, ich liebe dir!“ Die bewusst falsche Grammatik dieses Schlusssatzes ist kein Versehen, sondern gehört zum Kern des Textes.

Schwitters verbreitete das Gedicht überaus aktiv. 1920 nutzte er die Litfaßsäulen in Hannover, um mit dem Text für seinen neuen Gedichtband zu werben. Die Figur Anna Blume kehrte in mehreren seiner Bücher wieder, darunter die Sammlung Elementar. Die Blume Anna. Die neue Blume Anna von 1922 sowie Memoiren Anna Blumes in Bleie aus demselben Jahr. In Hannover ist der vollständige Text in der Knochenhauerstraße auf einer Bodenplatte in den Straßenbelag eingelassen.

Stil↑

Zum Verständnis des Textes gehört der Begriff „Merz“, mit dem Schwitters seine eigene Spielart der Avantgarde bezeichnete. An Anna Blume steht in der Tradition des Dadaismus, der die gewohnten Erwartungen an ein Gedicht bewusst unterläuft. Die Form der klassischen Liebeslyrik wird aufgegriffen, aber ins Verspielte und Widersinnige gewendet.

Ein tragendes Mittel ist das Spiel mit dem Namen: „Anna“ ist ein Palindrom, lässt sich also vorwärts wie rückwärts gleich lesen. Der berühmte Schlusssatz „ich liebe dir“ bricht bewusst mit der Grammatik. Solche Regelverstöße sind kein Fehler, sondern Programm. Sie verbinden Zärtlichkeit mit Unsinn und rücken die Sprache selbst in den Mittelpunkt, als Material, mit dem der Dichter frei schaltet.

Rezeption↑

Über die Jahrzehnte hat das Gedicht eine weite Wirkung entfaltet. Es regte im 20. Jahrhundert zahlreiche Dichterinnen und Dichter in aller Welt an, ihrerseits Anna-Gedichte zu schreiben oder auf die Figur anzuspielen. Anlässlich der Expo 2000 in Hannover wurden Autorinnen und Autoren aus fast allen Teilnehmerländern gebeten, Texte einzusenden, die auf Schwitters' Gedicht antworten; sie erschienen in dem Band Anna Blume und zurück. Zum hundertsten Jahrestag legte Peter Struck 2019 die Würdigung Anna Blume, unverblüht vor.

Auch andere Künste griffen den Text auf. Der Maler und Grafiker Willi Rieser aus Zürich setzte dieses und andere Gedichte von Schwitters grafisch um, indem er jedem Buchstaben und Satzzeichen ein stilisiertes Gesicht zuordnete. Der Komponist Stefan Wolpe, der Schwitters' Aufführungen selbst erlebte, nannte „Anna Blume“ eine kleine Oper und schrieb 1929 eine Vertonung für Klavier und musikalischen Clown. Bernd Alois Zimmermann verwendete das Gedicht in seinem Requiem für einen jungen Dichter. Die Stuttgarter Hip-Hop-Fraktion Freundeskreis nahm in ihrem Song A-N-N-A darauf Bezug. Der Name Anna Blume lebt bis heute weiter, etwa in gleichnamigen Cafés in Hannover und in Berlin; auch der US-amerikanische Autor Paul Auster verwendet in mehreren Romanen Figuren dieses Namens, wobei ein bewusster Bezug auf Schwitters nicht belegt ist.

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