1887 – 1948
Kurt Schwitters
Kurzbiografie↑
Unter dem selbst erfundenen Kennwort „Merz“ schuf Kurt Schwitters (1887–1948) ein künstlerisches Gesamtwerk, das Malerei, Collage, Skulptur und Dichtung verband. Der aus Hannover stammende Künstler klebte aus Zeitungsausschnitten, Reklame und Abfall Bilder zusammen und übertrug dieses Verfahren auch auf die Sprache. Als Dichter wurde er vor allem durch das Gedicht An Anna Blume und das große Lautgedicht Ursonate bekannt. Von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemt, verließ er 1937 Deutschland und starb elf Jahre später im englischen Exil. Aus heutiger Sicht zählt Schwitters zu den einflussreichsten Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts.
Biografie↑
Geboren wurde Kurt Schwitters am 20. Juni 1887 in Hannover, als Sohn des Kaufmanns Eduard Schwitters und seiner Frau Henriette. Der Vater war Miteigentümer eines Damenkonfektionsgeschäfts, das er 1898 verkaufte; den Erlös legte er in Mietshäuser an. Nach dem Abitur am Realgymnasium studierte Schwitters kurz an der Kunstgewerbeschule Hannover und von 1909 bis 1915 an der Akademie der Künste in Dresden. Seine Anfänge waren noch konventionell impressionistisch und expressionistisch geprägt.
Im Jahr 1915 heiratete er Helma Fischer. Während des Ersten Weltkriegs wurde er 1917 zum Militärdienst eingezogen, wegen seines labilen Gesundheitszustands – er litt an Epilepsie und neigte zu Depressionen – aber bald wieder entlassen und als technischer Zeichner in einem Eisenwerk dienstverpflichtet. 1916 starb sein erster Sohn Gerd wenige Tage nach der Geburt; 1918 kam der zweite Sohn Ernst zur Welt. Ebenfalls 1918 lernte er Herwarth Walden kennen und stellte in dessen Berliner Galerie „Der Sturm“ aus. 1919 zeigte er dort sein erstes Merz-Bild.
Mit dem Wort „Merz“ bezeichnete Schwitters seine Technik, aus gefundenen Materialien Collagen und Skulpturen zu schaffen. Der Begriff entstand zufällig: Er schnitt ihn aus dem Wort „Kommerz- und Privatbank“ einer Anzeige aus und klebte ihn 1919 in eine seiner Arbeiten ein. Anders als die Dadaisten, die die Kunst ablehnten, verstand er Merz ausdrücklich als Kunst. Zur Ersten Internationalen Dada-Messe 1920 in Berlin wurde er nicht zugelassen, arbeitete aber mit Hans Arp, Raoul Hausmann, Hannah Höch und Tristan Tzara zusammen und wurde zum Initiator von Dada Hannover. Etwa zwanzig Jahre lang baute er in der elterlichen Wohnung am Merzbau, einer raumfüllenden Collage-Skulptur.
Im selben Jahr 1919 gelang ihm auch als Dichter der Durchbruch. Er gab die Zeitschrift Merz heraus und arbeitete als Werbe- und Gebrauchsgrafiker, unter anderem für die Stadt Hannover und den Schreibwarenhersteller Pelikan. 1927 gründete er die Künstlergruppe „die abstrakten hannover“ und den Ring „neue werbegestalter“. 1932 trat er der SPD bei. Seit 1929 verbrachte er die Sommermonate in Norwegen.
Nachdem seine Werke ab 1935 als „entartet“ aus deutschen Museen entfernt worden waren, emigrierte Schwitters im Januar 1937 nach Norwegen; sein Sohn Ernst musste aus politischen Gründen fliehen. Als deutsche Truppen 1940 Norwegen besetzten, floh er nach England, wo er als „Enemy Alien“ in mehreren Lagern interniert wurde, zuletzt für Monate im Camp auf der Isle of Man. Ende 1941 kam er nach London und lernte dort seine spätere Lebensgefährtin Edith Thomas kennen. 1944 starb seine Frau Helma in Hannover an Krebs; Schwitters erfuhr davon erst im Dezember. Ab 1945 lebte er in Ambleside im nordenglischen Lake District und bestritt seinen Unterhalt mit Porträts und Landschaftsbildern. In einer Scheune in Elterwater begann er einen letzten Merzbau, den er nicht mehr vollenden konnte.
Schwitters starb am 8. Januar 1948 im Krankenhaus von Kendal an einem Lungenödem und einer Herzmuskelentzündung. Im nahegelegenen Ambleside wurde er auf dem Friedhof St. Mary's beerdigt. 1970 wurden seine sterblichen Überreste nach Hannover überführt. Sein Grabstein trägt das Motto „Man kann ja nie wissen“.
Literarische Merkmale↑
Von den Expressionisten wie August Stramm ausgehend, fand Schwitters 1919 zu einem eigenständigen dichterischen Ton. Das Gedicht An Anna Blume markiert diesen Durchbruch. In seiner Lyrik spielte er mit den Klängen, dem Klischee und der Verfremdung der Sprache. Wie in seinen Bildern verwendete er auch hier vorgefundenes Material: Wendungen aus dem Alltag, aus der Werbung und dem bildungsbürgerlichen Reden.
Sein bekanntestes literarisches Werk ist die Ursonate, ein groß angelegtes Lautgedicht, das die musikalische Sonatenform nachbildet. Angeregt hatten ihn die Lautgedichte Raoul Hausmanns, die er 1921 auf einer Reise nach Prag kennengelernt hatte; an der Ursonate arbeitete er dann viele Jahre, bis sie 1932 im Druck erschien. Eine Tonaufnahme seines eigenen Vortrags ist erhalten, und seine Vortragskunst wurde oft gerühmt. Mit solchen phonetischen und typografischen Gedichten versuchte Schwitters, verschiedene Kunstgattungen zu verschmelzen.
Auch seine erzählenden und dramatischen Texte sind experimentierfreudig und oft humoristisch. Die Erzählung Auguste Bolte spielt mit der Verfremdung bildungsbürgerlicher Redeweisen und lässt sich als Spott über die Kunstkritik lesen. Diese Verbindung von Sprachwitz, Alltagsmaterial und formaler Strenge macht das Kennzeichen seines Schreibens aus.
Rezeption↑
Zwiespältig war die Aufnahme Schwitters' schon zu Lebzeiten. Die politisch geprägte Berliner Dadaistengruppe lehnte ihn ab; besonders Richard Huelsenbeck setzte sich negativ mit ihm auseinander und nannte ihn später ein „Genie im Bratenrock“. Zur Ersten Internationalen Dada-Messe 1920 wurde er nicht zugelassen. Dennoch stand Schwitters mit vielen führenden Künstlern der Avantgarde in Verbindung, darunter Hans Arp, Hannah Höch, Theo van Doesburg und El Lissitzky.
Nachhaltig wirkte er vor allem auf die Typografie und die Werbegestaltung. Der von ihm mitgegründete Ring „neue werbegestalter“ versammelte namhafte Künstler wie László Moholy-Nagy, Willi Baumeister und Jan Tschichold und beeinflusste diese Bereiche über Jahre hinweg. Seine Londoner Jahre im Exil waren dagegen künstlerisch schwierig: Seine Versuche, sich als avantgardistischer Künstler durchzusetzen, hatten wenig Erfolg, und nur 1944 erhielt er eine Einzelausstellung.
Das Andenken an Schwitters wird bis heute gepflegt. Die Kurt und Ernst Schwitters Stiftung sowie das Schwitters-Archiv am Sprengel Museum Hannover bewahren seinen Nachlass; dort ist auch eine Rekonstruktion des 1943 zerstörten Merzbaus zu sehen. Sein Sohn Ernst erarbeitete einen ersten Katalog seines Werks. 1987 gab die Deutsche Bundespost zu seinem 100. Geburtstag eine Briefmarke heraus. Die Deutsche Biographie widmet ihm einen ausführlichen Artikel, und 2020 erschien mit Ulrike Draesners Schwitters ein biografischer Roman über sein Leben.
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