1890
Thaïs
Überblick↑
Der Roman Thaïs stammt von dem französischen Schriftsteller Anatole France. Er erschien zunächst 1889 in der Pariser Zeitschrift Revue des Deux Mondes, versehen mit dem Untertitel einer philosophischen Erzählung. Ein Jahr später überarbeitete und erweiterte France den Text und ließ ihn als Buch drucken. Der Stoff geht auf eine mittelalterliche christliche Legende zurück: die vom heiligen Einsiedler Paphnutius und der Kurtisane Thaïs, die später selbst als Heilige verehrt wurde. France verlegt die Handlung ins Ägypten des 4. Jahrhunderts und erzählt, wie ein Mönch auszieht, um eine berühmte Sünderin zu bekehren – und dabei selbst den Halt verliert. Schon bei seinem Erscheinen erregte das Buch Widerspruch in kirchlichen und konservativen Kreisen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Ägypten des 4. Jahrhunderts lebt Paphnutius seit Jahren als Einsiedler in der Wüste. Er ist jung, aber schon berühmt für seine strenge Askese. Doch seine Ruhe trügt: Immer häufiger suchen ihn Zweifel und Versuchungen heim, und in seinen Träumen erscheint ihm Thaïs, eine schöne Tänzerin und Kurtisane, die er in seiner Jugend gekannt hat. Paphnutius deutet diese Bilder als göttlichen Auftrag – er soll die berühmte Sünderin zum christlichen Glauben bekehren. So verlässt er seine Klause und wandert nach Alexandria, wo Thaïs auf der Höhe ihres Ruhms lebt, umgeben von Verehrern und Reichtum. Hinter ihrem glänzenden Leben aber verbirgt sich eine Angst: die Furcht vor dem Altern und dem Tod. Als der Mönch ihr gegenübertritt und ihr vom ewigen Leben spricht, beginnt ein Ringen zwischen weltlicher Lust und dem Versprechen der Ewigkeit – mit ungewissem Ausgang für beide.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman ist in vier Teile gegliedert. Im Mittelpunkt steht Paphnutius, ein junger Mönch von einunddreißig Jahren, der seit zehn Jahren als Einsiedler in der ägyptischen Wüste lebt. Trotz seiner Jugend ist er für seine strenge Askese berühmt und Vorsteher einer kleinen Einsiedlergemeinschaft am Nil. Geboren wurde er in einer vornehmen Familie in Alexandria. In seiner Jugend war er ein Zweifler und genoss die Freuden des Lebens. Damals lernte er die Schauspielerin Thaïs kennen und begehrte sie, wagte aber nie, sie aufzusuchen. Mit einundzwanzig Jahren bekehrte er sich zum Christentum, verschenkte sein Vermögen an die Armen und wurde Einsiedler.
Nun aber wird seine Ruhe von Versuchungen und Zweifeln erschüttert. Erotische Träume und Visionen von Thaïs suchen ihn heim. Paphnutius deutet diese Regungen unterdrückter Liebe als Auftrag Gottes: Er soll die sündige Kurtisane bekehren. Nach langem Zögern verlässt er seine Klause und wandert nach Alexandria. Unterwegs trifft er Timokles von Kos, der ebenfalls als Einsiedler in der Wüste lebt – allerdings nicht aus Glauben, sondern aus der philosophischen Überzeugung, dass alles Leid aus der Begierde entspringt. Paphnutius wundert sich, dass jemand ohne Glauben an Gott und jenseitigen Lohn der Welt entsagt, und versucht vergeblich, ihn zu bekehren. In Alexandria wird er von einer Schar Kinder verhöhnt und mit Steinen beworfen. Er sucht seinen Jugendfreund Nikias auf, einen lebensfrohen, spöttischen Aristokraten und früheren Liebhaber der Thaïs. Nikias empfängt ihn herzlich und schenkt ihm seine beste Tunika. Über seine Einsiedlerlumpen gezogen, macht sich Paphnutius auf die Suche und gerät in ein Amphitheater, wo gerade Thaïs auftritt. Nach der Vorstellung folgt er ihr zu ihrem Haus.
Der zweite Teil gilt Thaïs selbst. In ihrer prächtigen Residenz denkt sie an ihr Leben zurück. Als Kind sang sie in der Schenke ihres Vaters für betrunkene Matrosen. Güte erfuhr sie nur von einem Sklaven ihrer Eltern, dem Nubier Ahmes, einem Christen, der sie mit neun Jahren zur Taufe bewog und bald darauf den Märtyrertod starb. Als junges Mädchen erkannte sie die Wirkung ihrer Schönheit und begann, sich für Geld hinzugeben. Eine Kupplerin lockte sie fort nach Antiochia, brachte ihr das Tanzen bei und vermietete sie an reiche Kaufleute. Durch die Liebe eines wohlhabenden jungen Mannes namens Lollius entkam sie dieser Frau. Als Tänzerin und Schauspielerin machte sie Karriere, kehrte nach Alexandria zurück und lebte fortan in Reichtum, umgeben von Verehrern. Doch ihr Glück trübt die Angst vor dem Vergehen ihrer Schönheit, vor Alter und Tod. In diesem Augenblick tritt Paphnutius ein und spricht ihr vom ewigen Leben. Thaïs hält ihn für einen mächtigen Magier, der sie vor dem Tod bewahren könne, und will sich ihm hingeben. Als er seinen Namen nennt, erschrickt sie und fürchtet einen Fluch. Doch der Mönch beschwört weiter Bilder einer neuen Liebe und der Unsterblichkeit. Schließlich lässt sich die todesängstliche Frau überzeugen. Sie gesteht, dass sie längst getauft ist, und erklärt sich bereit, den irdischen Gütern zu entsagen und Buße zu tun. Paphnutius glaubt sich am Ziel, ist aber beunruhigt, dass Thaïs noch in derselben Nacht zu einem Gastmahl gehen will. Er beschließt, sie zu begleiten.
Das Gelage findet im Haus des einflussreichen Römers Lucius Aurelius Cotta statt. Dass Thaïs mit einem verwahrlosten Einsiedler erscheint – den man für ihren neuen Liebhaber hält –, sorgt für Spott und Neugier. Paphnutius schweigt und lässt sich nicht in die Streitgespräche über Religion und Philosophie ziehen, welche die übrigen Gäste umso eifriger führen; besonders der von ihm verhasste Arianer Markus heizt die Debatte an. Mit dem Wein wird aus dem Gastmahl allmählich eine Ausschweifung, die nicht einmal der Selbstmord eines Gastes namens Eukritos unterbricht. Paphnutius führt Thaïs aus diesem teuflischen Gelage hinaus. Die Erlebnisse dieser Nacht besiegeln ihren Entschluss: Thaïs will den Rest ihres Lebens in einem Kloster verbringen. Um sie ganz von der Vergangenheit zu lösen, befiehlt Paphnutius ihr, all ihre kostbaren Besitztümer zu verbrennen. Der brennende Scheiterhaufen zieht viele Schaulustige an, darunter Kaufleute, die an der Kurtisane reich geworden waren. Für sie bedeutet ihr Rückzug den Ruin, und ihr Zorn richtet sich gegen den Mönch. Wieder wird Paphnutius mit Steinen beworfen; nur das Eingreifen des vom Gastmahl heimkehrenden Nikias rettet ihn. Nikias wirft Gold- und Silbermünzen auf den Boden, und während die aufgebrachte Menge sie aufliest, kann er die beiden in Ruhe fortführen. Statt zu danken, überhäuft Paphnutius den Heiden mit Flüchen. Noch in derselben Nacht bringt er Thaïs in ein Frauenkloster, dessen Vorsteherin Albina, eine Nichte des Kaisers, die bekehrte Sünderin freundlich aufnimmt.
Der letzte Teil erzählt vom Niedergang des Mönchs. Paphnutius kehrt als gefeierter Heiliger in seine Wüste zurück, der eine große Sünderin bekehrt hat. Doch den erhofften Seelenfrieden findet er nicht. Die Berührung mit der Welt hat seine Zweifel und uneingestandenen Begierden neu geweckt, und die Visionen von Thaïs sind nun deutlicher als die Wirklichkeit. Um die Versuchungen abzuwehren, steigert er seine Askese ins Äußerste. Er lässt seine Brüder zurück und siedelt sich auf einer Säule eines verfallenen heidnischen Tempels an. Der Ruhm des Säulenheiligen zieht Scharen von Menschen an, die Heilung und Trost suchen. Bald versorgen findige Kaufleute die Pilger, und um die Säule wächst eine ganze Stadt, die man Stylopolis nennt. Innerlich aber bleibt Paphnutius zerrissen und wird vom Satan versucht, der an seine Eitelkeit rührt. Schließlich verlässt er die Säule – er steigt eine Leiter hinab, doch im Volk verbreitet sich das Gerücht, Engel hätten ihn in den Himmel getragen.
Nach langer Wanderung lässt er sich in einer verlassenen Wüstenstadt nieder. Dort wird er von immer stärkeren Versuchungen heimgesucht. Eine Tänzerin auf einem heidnischen Wandbild scheint zu ihm zu sprechen und lockt ihn zur sinnlichen Liebe: Die Heiden hätten das Leben genossen, während er, der die Welt hasse und sich kasteie, schon zu Lebzeiten tot sei. In seinem Wahn wird Paphnutius von einer Gruppe pilgernder Mönche gefunden, die zum heiligen Antonius unterwegs sind; er schließt sich ihnen an. Bei der Begegnung mit Antonius hat einer der Mönche eine Vision: Er sieht Thaïs im Glanz der Heiligkeit sterben und Paphnutius von Teufeln davongetragen. Das ist der Wendepunkt. Paphnutius erkennt, dass er Thaïs liebt und begehrt und dass ein Leben ohne sie wertlos ist. Er klagt sich seiner früheren Verblendung an und geht bis zur Gotteslästerung. Um nur einen Augenblick bei ihr zu sein, wäre er zur ewigen Verdammnis bereit. Sein Leben erscheint ihm vertan: Für das Trugbild des ewigen Lebens habe er die irdische Liebe geopfert. Gott und Himmel, so erklärt er, seien nichts – wahr sei allein das irdische Leben und die Liebe. Doch zur Umkehr ist es zu spät. So schnell er kann, eilt er zu dem Kloster, in das er Thaïs gebracht hat. Tatsächlich liegt sie im Sterben; durch ihr Leben im Kloster gilt sie inzwischen als Heilige. Paphnutius gesteht ihr seine Liebe – doch im selben Augenblick stirbt Thaïs. Voll Entsetzen sehen die Nonnen, dass der zerstörte Mönch einem Gespenst gleicht.
Stil↑
Bereits der Untertitel weist die Richtung: France nennt sein Buch eine philosophische Erzählung und stellt sich damit in die Tradition des ironisch-aufklärerischen Erzählens. Der Roman ist in vier Teile gegliedert, von denen drei nach Pflanzen benannt sind – darunter Lotos und Papyrus – und einer nach einem Gastmahl. Gerade dieser Teil ist besonders kunstvoll gebaut. Er nimmt die Form eines platonischen Dialogs an, und schon sein Titel spielt auf Platons Das Gastmahl an. Bei Tisch streiten die Gäste über Glauben und Philosophie, über Skepsis, Genusssucht und Weltverneinung, während der Mönch schweigend danebensitzt. France siedelt die Handlung in einem sorgfältig ausgemalten Ägypten der Spätantike an, mit historischen Gestalten und den religiösen Strömungen der Zeit. Ein wiederkehrendes Mittel ist die Rückblende: Das Leben der Thaïs wie das des Paphnutius wird nach und nach aus der Erinnerung entfaltet. Der Grundton bleibt ironisch und distanziert. Immer wieder stellt der Roman die heidnische Sinnenfreude gegen die christliche Askese und lässt offen, welcher Weg mehr Leben und welcher mehr Tod bedeutet.
Rezeption↑
Schon bei seinem Erscheinen stieß das Buch in Frankreich auf Widerstand. Konservative und kirchliche Kreise reagierten ablehnend. Man schmähte den Roman als lüsterne Fabel und rückte den Autor in die Nachfolge Voltaires und Ernest Renans – Namen, die für religionskritisches Denken standen. Trotz oder gerade wegen dieser Empörung entfaltete der Stoff eine breite Wirkung. Im Jahr 1894 wurde in Paris die Oper Thaïs aufgeführt, mit der Musik von Jules Massenet und einem Libretto, das Louis Gallet nach dem Roman verfasste. Auch für den Film wurde der Stoff mehrfach bearbeitet; in den 1980er Jahren etwa verfilmte ihn der Regisseur Ryszard Ber. Von der anhaltenden Beliebtheit im Ausland zeugt die polnische Übersetzung durch Jan Sten, die über Jahrzehnte hinweg immer wieder neu aufgelegt wurde.
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