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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Anatole France
Anatole France
1844 – 1924
– Autorenporträt –

Anatole France

1844 – 1924 · 80 Jahre

Französischer Romancier und Spötter mit klarer, ironischer Feder, der vom konservativen Bürgersohn zum linken Wortführer wurde – 1921 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt.

Kurzbiografie↑

Unter dem Namen Anatole France schrieb der 1844 in Paris geborene François Anatole Thibault eine Reihe von Romanen. Sie machten ihn zu einem der bekanntesten französischen Autoren seiner Zeit. Er begann als Lyriker im Umkreis des Parnasse, fand seinen Durchbruch aber als Erzähler. Dabei entwickelte er sich vom konservativen Bürgersohn zum politisch engagierten Schriftsteller der Linken. Zu seinen heute noch geschätzten Werken zählen die Romane L'Île des pingouins und Les dieux ont soif. 1921 erhielt er den Literaturnobelpreis. Er starb 1924 und wurde mit einem Staatsbegräbnis in Paris geehrt.


Biografie↑

Geboren wurde er am 16. April 1844 in Paris als Sohn eines hochgebildeten Buchhändlers. In diesem bücherreichen, gutbürgerlichen Umfeld interessierte er sich früh für Literatur und erarbeitete sich eine gründliche humanistische Bildung. 1864 beendete er seine Gymnasialzeit am katholischen Pariser Collège Stanislas mit dem Baccalauréat.

1866 lernte er den Verleger Alphonse Lemerre kennen und arbeitete bei ihm als freiberuflicher Lektor. In dieser Zeit gab er unter anderem eine mehrbändige Anthologie zeitgenössischer Lyrik heraus. Als Autor begann er mit Gedichten im Stil der Dichter des Parnasse, in deren Kreis um Charles Leconte de Lisle er sich ab 1867 bewegte. Zugleich betätigte er sich als Erzähler und als Literaturkritiker. Den neuen Symbolismus eines Mallarmé oder Verlaine schätzte er dabei zunächst nicht. Um für Heirat und Familiengründung ein festes Einkommen zu haben, nahm er 1876 den Posten eines Bibliotheksangestellten an. Diesen gab er 1890 auf, als er von der Schriftstellerei leben konnte.

Sein Durchbruch kam 1881 mit dem Roman Le Crime de Sylvestre Bonnard, membre de l'Institut. Das Buch wurde mit dem Prix de l'Académie française ausgezeichnet und verschaffte ihm Zugang zu den Pariser literarischen Salons. 1884 trug es ihm das Kreuz der Ehrenlegion ein. Es erzählt in Tagebuchform die Geschichte eines weltfremden älteren Privatgelehrten. Über den Einsatz für Hilfsbedürftige, insbesondere die verwaiste Enkelin seiner Jugendliebe, findet er das wirkliche Leben.

Seiner Herkunft entsprechend vertrat France lange eine eher konservative Position. Zeugnisse dafür sind der Roman Les Désirs de Jean Servien von 1882 und eine ablehnende Besprechung Émile Zolas von 1887. Gegen 1890 rückte er allmählich nach links und öffnete sich antiklerikalen und humanitär-sozialistischen Ideen. Dabei beschäftigte ihn weniger eine Umwälzung der Gesellschaft als die Befreiung des Einzelnen von unmenschlichen Zwängen. Nicht unbeteiligt daran war wohl sein außereheliches Verhältnis mit Madame de Caillavet (Léontine Lippmann), das er 1888 begonnen hatte. Es führte ihn 1892 zur Trennung von Frau und Tochter.

Ein Zeugnis dieses Umdenkens war 1889/90 sein erster historischer Roman Thaïs, der im Alexandria des 4. Jahrhunderts spielt. Er zeigt einen asketischen Mönch, der eine heidnische Kurtisane bekehren will. Dabei gelangt er aber selbst zu der Einsicht, dass der Verzicht auf alle Sinnenfreude nicht gottgewollt sein kann. Antiklerikales Denken prägt auch den Kurzroman La Rôtisserie de la Reine Pédauque von 1892/93. Darin berichtet ein pikaresker Ich-Erzähler seine Erlebnisse mit dem unorthodoxen ehemaligen Kirchenmann Jérôme Coignard. Dieselbe Figur des skeptischen Freidenkers benutzte France 1893 auch in der satirischen Artikelserie Les Opinions de Jérôme Coignard. In der Gegenwart spielt dagegen der autobiografisch gefärbte Roman Le Lys rouge von 1894 über die schwierige Liebe einer Bankiersgattin zu einem Künstler.

1895 wurde France zum Offizier der Ehrenlegion befördert. Am 23. Januar 1896 nahm ihn die Académie française als Nachfolger des verstorbenen Ferdinand de Lesseps auf. Seine weiter nach links wandernde Haltung zeigt die Romantetralogie Histoire contemporaine. Die ersten beiden Bände (1897) sind noch ein satirisches Sittenbild der von klerikalen und monarchistischen Kräften beherrschten Provinz. Band III (1899) und vor allem Band IV (1901) stehen dagegen unter dem Eindruck der Dreyfus-Affäre. Zu dieser Affäre bezog France auch öffentlich Stellung. Er unterschrieb die am 15. Januar 1898 in Le Temps veröffentlichte Petition, die eine Revision des Fehlurteils gegen Alfred Dreyfus forderte, und äußerte sich zum Prozess gegen Zola. In der bissigen Erzählung L'Affaire Crainquebille (1901) schilderte er, wie ein rücksichtsloser Richter und ein autoritärer Polizist einen kleinen Gemüsehändler aburteilen und seiner Existenz berauben. Linke Absichten verfolgte er auch in der Biografie La Vie de Jeanne d'Arc (1908). Darin suchte er die von der Rechten zur Ikone erhobene Johanna von Orleans zu entzaubern. Zwei Ausflüge ins Theaterfach, Noces corinthiennes (1902) und La Comédie de celui qui épouse une muette (1908), blieben eher folgenlos.

Am bekanntesten wurden seine Romane L'Île des pingouins (1908) und Les dieux ont soif (1912). Der erste ist ein sarkastischer Abriss der französischen Geschichte in Gestalt eines fiktiven Pinguin-Reichs. Der zweite erzählt die Geschichte eines doktrinären Revolutionärs während der Schreckensherrschaft von 1793/94 und ist ein Aufruf gegen jeden ideologischen und politischen Fanatismus. Im Ersten Weltkrieg trat France zunächst als Friedensmahner auf, bezog dann aber eine gemäßigt patriotische Haltung. Nach dem Auszug der Kommunisten aus der Sozialistischen Partei Ende 1920 schlug er sich auf ihre Seite. Damit war er einer der ersten prokommunistischen Intellektuellen von Rang. Parteimitglied wurde er nicht und distanzierte sich 1922 wegen ihrer Moskau-Hörigkeit wieder vorsichtig.

1921 erhielt er als vierter französischer Autor den Literaturnobelpreis. Der Vatikan setzte sein Gesamtwerk 1922 auf den Index der verbotenen Bücher. Zu seinem 80. Geburtstag 1924 wurde er mit Ehrungen überhäuft. Nach seinem Tod am 12. Oktober 1924 wurde er mit einem Staatsbegräbnis in Paris geehrt. Beigesetzt wurde er auf dem Alten Friedhof von Neuilly-sur-Seine. Über den Sterbeort gehen die Angaben auseinander: Die Wikidata-Datenbank nennt das Landgut „manoir de la Béchellerie“, die Deutsche Biographie dagegen den Ort Saint-Cyr-sur-Loire.


Literarische Merkmale↑

Charakteristisch für France ist die Verbindung von gepflegter, klarer Prosa mit Ironie und Skepsis. Sein Durchbruchsroman trägt einen bewusst ironisch gemeinten Titel. In mehreren Werken arbeitet er mit der Form älterer Erzähltraditionen. La Rôtisserie de la Reine Pédauque ahmt die handlungsreichen philosophischen Romane und Erzählungen des 18. Jahrhunderts nach und gibt sich als wiedergefundenes Manuskript jener Zeit aus. Wiederkehrend ist die Figur des undogmatischen Zweiflers und Freidenkers, etwa in Gestalt des Jérôme Coignard.

Seine späteren Bücher sind zunehmend satirisch und gesellschaftskritisch. In L'Île des pingouins kleidet er einen pessimistischen Abriss der französischen Geschichte in die Verkleidung eines fiktiven Pinguin-Reichs. In Les dieux ont soif wendet er sich gegen den politischen Fanatismus der Revolutionszeit. Diese deutliche Tendenz hat eine Kehrseite. Die Protagonisten seiner Werke wirken auf heutige Leser psychologisch oft flach, weil sie zu eindeutig das vom Autor Gewollte oder Abgelehnte verkörpern. Zugleich galt er seinen Zeitgenossen als vielseitiger Literat und glänzender Stilist.


Rezeption↑

Schon zu Lebzeiten war France hoch geehrt: Prix de l'Académie 1881, Aufnahme in die Ehrenlegion 1884, Mitgliedschaft in der Académie française 1896 und schließlich 1921 der Literaturnobelpreis als vierter Franzose. Zum 80. Geburtstag 1924 wurde er mit Ehrungen überhäuft. Sein Tod im selben Jahr wurde mit einem Staatsbegräbnis gewürdigt. Eine kirchliche Gegenstimme setzte der Vatikan, der sein Gesamtwerk 1922 auf den Index der verbotenen Bücher setzte.

Sein Ruhm verblasste jedoch bald. Ein Grund ist die als flach empfundene Figurenzeichnung. Hinzu kam eine politische Anfeindung. Noch in seinem letzten Lebensjahr schmähten ihn die prokommunistischen Surrealisten, insbesondere Louis Aragon, als pseudolinken Bourgeois. Das trug ihm bei vielen linken Intellektuellen der Zwischenkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeit den Ruf eines verkappten Rechten ein. Heutige Leser schätzen Anatole France vor allem als Romancier und besonders als Autor von L'Île des pingouins und Les dieux ont soif.

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