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Porträt Leonhard Frank
Leonhard Frank
1882 – 1961
– Autorenporträt –

Leonhard Frank

1882 – 1961 · 78 Jahre

Sozialkritischer und pazifistischer Erzähler der Weimarer Republik, der zweimal ins Exil ging und in der Bundesrepublik nur noch wenige Leser fand.

Kurzporträt

Zu den bedeutenden sozialkritischen und pazifistischen Erzählern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählt Leonhard Frank, geboren 1882 in Würzburg, gestorben 1961 in München. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, wurde er in der Weimarer Republik ein gefeierter Autor von Romanen, Erzählungen, Dramen und Drehbüchern. Sein Schreiben ist geprägt von der Vorstellung eines solidarischen und humanen Zusammenlebens, stilistisch angesiedelt zwischen Expressionismus und Sachlichkeit. Als überzeugter Sozialist und Pazifist musste er zweimal ins Exil gehen: im Ersten Weltkrieg und während der NS-Zeit. Nach seiner Rückkehr fand er in der Bundesrepublik nur noch wenige Leser.


Biografie

Als viertes Kind des Schreinergesellen Johann Frank und seiner Frau Marie kam Leonhard Frank 1882 im Würzburger Mainviertel zur Welt und wuchs dort in sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Von 1889 bis 1896 besuchte er die evangelische Konfessionsschule; die Erlebnisse mit einem sadistischen Lehrer verarbeitete er später in der Novelle Die Ursache. Es folgten eine Schlosserlehre bei einem Fahrradmechaniker und eine kurze Tätigkeit als Labordiener am Würzburger Juliusspital. 1904 verließ er Würzburg, um in München Kunstmaler zu werden. Ab 1905 studierte er dort mit Hilfe zweier Stipendien an der Kunstakademie Malerei und war Schüler von Anton Ažbe. 1909 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Neuen Künstlervereinigung München, aus der er jedoch bald wieder austrat. In der Schwabinger Bohème bewegte er sich im Umfeld des Psychiaters Otto Groß, dessen Lehre seine Abscheu vor patriarchalen Strukturen theoretisch untermauerte.

1910 siedelte Frank nach Berlin über, wo er die Wienerin Lisa Ertel kennenlernte und im Februar 1915 heiratete. Er verkehrte im Umfeld der sogenannten Neopathetiker, zu denen Kurt Hiller, Jakob van Hoddis und Georg Heym gehörten. 1912 erschienen erste Erzählungen in der Schaubühne und im PAN. Den Durchbruch brachte 1914 der Roman Die Räuberbande, für den er den Fontane-Preis erhielt. Das stark autobiografische Werk erzählt von Würzburger Jugendlichen, die von Freiheit träumen, sich mit der Zeit aber in die spießbürgerliche Welt einfügen; nur der Protagonist Michael Vierkant hält an den jugendlichen Idealen fest.

Als überzeugter Pazifist ohrfeigte Frank 1915 in einem Berliner Café den Journalisten Felix Stössinger, weil dieser die Versenkung des Passagierschiffs Lusitania öffentlich gefeiert hatte. Daraufhin musste er in die Schweiz emigrieren. Dort beendete er die Novelle Die Ursache, eine Stellungnahme gegen die Todesstrafe, und schrieb mehrere kurze Antikriegsnovellen, die 1918 unter dem Sammeltitel Der Mensch ist gut erschienen. In Deutschland verboten, musste das Buch illegal eingeführt werden; es wurde zu einem der einflussreichsten Antikriegswerke der Zeit. Im November 1918 sprach ihm Heinrich Mann den Kleist-Preis zu.

Nach Kriegsende beteiligte sich Frank an der Münchner Räterepublik als Anhänger von Kurt Eisner und Gustav Landauer und war zeitweilig Mitglied im Vollzugsausschuss des Arbeiter- und Soldatenrates. Bei der Niederschlagung der Rätebewegung im Mai 1919 wurde er verwundet. Seine Enttäuschung über die gescheiterte Revolution verarbeitete er im Roman Der Bürger. Der Tod seiner ersten Frau 1923 stürzte ihn in eine schwere Schaffenskrise. Seit etwa 1924 lebte er in Berlin und erlebte dort seine produktivste Phase. Besonders erfolgreich war die Novelle Karl und Anna über ein Liebespaar, das sich über die gesellschaftlichen Konventionen hinwegsetzt; Frank arbeitete den Stoff 1929 zum Theaterstück um, das auf vielen Bühnen im In- und Ausland gespielt wurde. 1928 wurde er in die Preußische Akademie der Künste gewählt. Im selben Jahr begann er, Drehbücher zu schreiben, unter anderem für den Film Der Mörder Dimitri Karamasoff und den Antikriegsfilm Niemandsland, der auf Druck von Nationalisten und Nationalsozialisten verboten wurde. 1929 heiratete er die Übersetzerin Elena Pewsner, im selben Jahr wurde der Sohn Andreas geboren.

Mit Beginn der NS-Herrschaft ging Frank 1933 zum zweiten Mal ins Exil, über Zürich und London nach Paris. Seine Bücher fielen im Mai 1933 der Bücherverbrennung zum Opfer; im März 1933 schloss ihn Gottfried Benn aus der Preußischen Akademie aus. 1934 wurde ihm, unter anderem wegen der Unterzeichnung des Saaraufrufs, die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, sein Vermögen wurde beschlagnahmt. Bei Kriegsbeginn 1939 wurde er als deutscher Exilant von den französischen Behörden interniert, unter anderem in einer ehemaligen Sardinenfabrik in Audierne in der Bretagne. Kurz vor Eintreffen der deutschen Truppen entzog er sich durch Flucht: zu Fuß, mit dem Fahrrad und per Zug schlug er sich zusammen mit dem Journalisten Léo Lania nach Marseille durch. Diese Flucht beschrieb er später in den Romanen Mathilde und Links, wo das Herz ist. Mit Unterstützung von Hilfskomitees und mit einem gefälschten Reisepass gelangte er 1940 über Spanien und Portugal in die USA.

In Hollywood arbeitete Frank als Drehbuchautor bei Warner Brothers, ohne Erfolg und Anerkennung zu finden. Das FBI überwachte ihn als vermeintlich gefährlichen Pazifisten. In dieser Zeit entstand die Deutsche Novelle, die Thomas Mann ein „kleines Meisterwerk“ nannte. 1945 zog Frank nach New York, wo er den Roman Die Jünger Jesu schrieb, einen der wenigen zeitgenössischen Romane über die unmittelbare Nachkriegssituation in Deutschland. Mit Sympathie schildert er Not und Wiederbeginn im zerstörten Würzburg, kritisiert aber zugleich neofaschistische Bestrebungen; das brachte ihm den Vorwurf der „Nestbeschmutzerei“ ein.

1950 kehrte Frank nach München zurück und blieb dort bis zu seinem Tod. Er wurde Mitglied der Deutschen Akademie der Schönen Künste und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und fand Anschluss an den Tukan-Kreis um Erich Kästner. 1952 heiratete er zum dritten Mal die ehemalige Schauspielerin Charlott London; Trauzeuge war sein langjähriger Freund Fritz Kortner. Zur Hochzeit erschien der autobiografische Roman Links, wo das Herz ist. Zahlreiche Ehrungen kamen aus Ost und West: die Silberne Medaille der Stadt Würzburg, der Kulturpreis der Stadt Nürnberg, das große Verdienstkreuz der Bundesrepublik, 1955 der Nationalpreis I. Klasse der DDR und 1960 die Tolstoi-Medaille der UdSSR. In der Adenauer-Ära wurde es dennoch immer schwieriger für ihn, in der Bundesrepublik zu publizieren; man nahm ihm seine Besuche in der DDR und sein Engagement gegen den Atomtod übel. Leonhard Frank starb am 18. August 1961 in München und wurde auf dem Nordfriedhof beigesetzt.


Literarische Merkmale

Sparsam und sachlich ist Franks Schreibweise, und doch gelingt es ihr, die gesellschaftlichen und psychischen Abhängigkeiten seiner Figuren eindringlich darzustellen. Sein Werk lässt sich stilistisch zwischen Expressionismus und Sachlichkeit einordnen. Kennzeichnend ist die psychologische Vertiefung seiner Charaktere und der behandelten Themen.

Seine Stärken lagen in der Darstellung seelischer Prozesse, zwischenmenschlicher Beziehungen und dichter Atmosphären. Viele Werke tragen deutlich autobiografische Züge. Bereits der Debütroman Die Räuberbande ist stark autobiografisch geprägt; sein Protagonist Michael Vierkant steht für den Autor selbst, und unter demselben Namen schilderte Frank in der dritten Person auch sein eigenes Leben in Links, wo das Herz ist. Getragen wird sein Schreiben von der politischen Vorstellung eines solidarischen und humanen Zusammenlebens der Menschen. Wo diese Überzeugung in den Vordergrund tritt, konnte die Gestaltung auch plakativ-agitatorisch werden, wie im Roman Der Bürger.


Rezeption

Zu einer Stimme seiner Generation wurde Frank 1914 mit dem Durchbruchsroman Die Räuberbande. Seine Sammlung pazifistischer Novellen Der Mensch ist gut von 1918 zählte zu den einflussreichsten Antikriegswerken der Zeit; eine Lesung, die Tilla Durieux kurz nach dem Erscheinen veranstaltete, rüttelte die Zuhörer so auf, dass sie nur mit Mühe von einem Protestzug über den Potsdamer Platz abgehalten werden konnten. Unter den beeindruckten Zuhörerinnen war Käthe Kollwitz. In der Weimarer Republik galt Frank als führender und gefeierter Schriftsteller; seine Romane, Dramen und Novellen wurden weltweit übersetzt und teils verfilmt.

Nach 1945 wandelte sich die Aufnahme grundlegend. Seine neu aufgelegten Bücher wurden in der DDR zu Bestsellern, während sie in der Bundesrepublik nur wenige Leser fanden. Sein Roman Die Jünger Jesu und sein Beharren auf der Erinnerung an die NS-Verbrechen trugen ihm die Feindschaft eines Teils der westdeutschen Öffentlichkeit ein. Trotz zahlreicher Ehrungen konnte er nicht mehr an seine früheren Erfolge anknüpfen. Das lag nicht allein an seiner Nähe zur DDR, sondern auch am Misstrauen gegenüber Emigranten, am gewandelten Literaturgeschmack und an einer jungen Autorengeneration, die das literarische Feld bestimmte. Bis heute wird Frank trotz seiner literarischen Leistung und seines humanistischen Engagements kaum gelesen. Die 1982 gegründete Leonhard-Frank-Gesellschaft in Würzburg bemüht sich darum, sein Werk und seine Ideen zu bewahren.

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