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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Karl und Anna
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Karl und Anna
1927
– Werkseintrag –

Karl und Anna

1927 · Novelle

Ein heimgekehrter Soldat gibt sich als der totgeglaubte Mann einer Frau aus, die er nur aus den Erzählungen seines Kameraden kennt – und beide verlieben sich wirklich.

Überblick

Die Novelle Karl und Anna von Leonhard Frank erschien 1927. Sie erzählt die Liebesgeschichte eines Soldaten, der aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrt – allerdings nicht zu seiner eigenen Frau, sondern zur Frau seines Kameraden. In der Einsamkeit der Gefangenschaft hatte er tagein, tagaus deren Schilderungen gelauscht, bis er sich in eine Frau verliebte, die er nie gesehen hatte. Das Werk verbindet eine feinfühlige Seelenstudie mit dem genauen Blick auf das kleinbürgerliche Milieu der Kriegsjahre. Es zählt zu den bekannteren Erzählungen des Autors und wurde mehrfach verfilmt.

Inhalt (ohne Spoiler)

Zwei deutsche Soldaten geraten kurz nach Kriegsausbruch in russische Gefangenschaft. Weit vom Lager entfernt, in der weiten Steppe an der Grenze zwischen Europa und Asien, heben sie gemeinsam Gräben aus. Vier Jahre lang erzählt Richard seinem Kameraden Karl jeden Tag von seiner Frau Anna – von ihrem Aussehen, ihrem Wesen, ihren Gewohnheiten, ihrer ganzen Lebensgeschichte. So entsteht in Karls Vorstellung ein genaues Bild dieser Frau, in das er sich verliebt, ohne sie je gesehen zu haben. In seiner Phantasie wünscht er, ihr Mann zu sein.

Dann werden die beiden Gefangenen getrennt, und Karl gelingt die Flucht. Das Verlangen nach Anna treibt ihn den langen Weg zurück nach Deutschland. Er kennt ihre Wohnung, jedes Möbelstück, jede Einzelheit – und fasst einen kühnen Entschluss. Was geschieht, wenn ein Fremder mit dem vertrauten Wissen eines Ehemanns vor ihrer Tür steht, und welche Bindung zwischen den beiden wächst, entfaltet die Erzählung Schritt für Schritt.

Die Handlung im Detail

Zwei deutsche Soldaten, Karl und Richard, geraten kurz nach Kriegsausbruch in russische Gefangenschaft. Als Zweiergruppe müssen sie einen Tagesmarsch vom Lager entfernt in der Steppe Gräben ausheben. Vier Jahre lang erzählt Richard seinem Kameraden Karl täglich von seiner Sehnsucht nach seiner Frau Anna. Er berichtet ihm alles: ihr Aussehen, ihren Körper, ihr Verhalten im Alltag und bei der Liebe, ihre Lebensgeschichte, ihre Umwelt. So entsteht in Karls Vorstellung ein Bild dieser Frau, in das er sich verliebt und deren Mann er sein möchte. Einmal im Monat marschieren die beiden zur Proviantversorgung ins Lager. Diesmal werden sie bei der Ankunft sofort getrennt: Richard wird einer bereitstehenden Gruppe zugeteilt und mit dem Zug einige Tagesreisen weiter nach Osten gebracht.

Einen Tag nach Richards Abtransport gelingt Karl die Flucht. Das Verlangen nach Anna treibt ihn auf den weiten Weg nach Deutschland. Ein Vierteljahr später kommt er an und sucht Anna sogleich auf. Er weiß, wo sie in dem verschachtelten Dreihofblock wohnt, kennt das Muster im Stiegenhaus, jedes Möbelstück, den pfeifenden Gasbrenner, sogar die drei braunen Muttermale an ihrem Körper. Karl gibt sich als ihr Mann aus. Äußerliche Ähnlichkeiten mit Richard – gleiche Größe, Haar- und Augenfarbe, die dunkle Haut der Metallarbeiter – helfen ihm dabei, und seine genauen Kenntnisse der Wohnung verblüffen Anna. Doch sie merkt sofort, dass der Fremde nicht ihr Mann ist. Die Militärbehörde hatte ihr schon im Herbst 1914 Richards Tod gemeldet, und seither hat sie nichts mehr von ihm gehört.

Anna lebt seit vier Jahren allein und verdient ihren Unterhalt als Arbeiterin in einer Kartonagen-Fabrik. In ihrer Vereinsamung ist sie empfänglich für Zuwendung. Karl spricht über ihr Leben, als hätte er es selbst erlebt, und mischt darunter seine Phantasien von einer gemeinsamen Ehe. Diese Mischung aus Vertrautem und Fremdem verwirrt sie. Sie lässt ihn übernachten und wird schon am Tag darauf mit ihm intim. Dabei merkt sie, dass er spontaner und zupackender ist als Richard. Danach plagt Anna das schlechte Gewissen, und sie zürnt sich selbst, sich so rasch mit einem Betrüger eingelassen zu haben. Sie geht wieder auf Distanz und spricht ihn mit „Sie“ an, während er beharrlich beim „Du“ bleibt. Er darf bleiben, muss sich aber zur Arbeitssuche heimlich aus der Wohnung schleichen. Bei den engen Wohnverhältnissen spricht sich das Geheimnis dennoch herum. Annas Freundin Marie glaubt im Hof, in Karl den heimgekehrten Richard zu erkennen, und die frohe Botschaft verbreitet sich rasch bis zu den Ladenbesitzern. Anna widerspricht nicht, und so machen die Nachbarn Karl vollends zu ihrem Mann.

Allmählich entsteht zwischen beiden eine echte Liebe. Anna spürt seine bedingungslose Zuneigung, mag ihn und möchte gern glauben, dass er ihr Mann ist. Sie nennt ihn nun Richard: Es sei schon unwichtig geworden, ob er wirklich Richard sei – was sie fühle, sei keine Lüge, sondern schweres, gutes Glück, und vor allem sei sie nicht mehr allein. Durch Karls Bild von ihr entdeckt sie neue Seiten an sich selbst, löst sich von der alten Beziehung und entwickelt eine eigenständige Liebe zu ihm. Karl findet eine Arbeitsstelle, und als Anna im dritten Monat schwanger ist, muss sie nicht mehr in die Fabrik gehen.

Gestört wird dieses Glück, als immer mehr Soldaten aus der Gefangenschaft zurückkehren und bei ihrer Ankunft uneheliche Kinder und Liebhaber ihrer Frauen vorfinden. Auch im Dreihofhaus kommt es zu den unterschiedlichsten Reaktionen: Schlägereien, Flucht, Verzeihung, Arrangements zu dritt. Nun wird Karl und Anna ihre Lage bewusst, und sie fürchten Richards Rückkehr. Anna hat einen Angsttraum von einem Brief Richards – der zugleich wirklich eintrifft. Richard schreibt, er lebe und versuche durch Minenfelder heimzukehren. Damit ist Karl gezwungen, die Wahrheit zu offenbaren. Er bekennt seinen Betrug und erklärt Anna die Hintergründe. Anna steht im Konflikt, von zwei Männern geliebt zu werden und nur mit einem leben zu können. Sie und Karl wollen beide lieber sterben als sich trennen und bekennen sich gegen alle gesellschaftlichen Konventionen zu ihrer Liebe, die ihnen schicksalhaft erscheint. Kurz denken sie an den Ausweg, Richard könnte unterwegs sterben, doch sie verwerfen diesen Wunsch und wollen eine offene Lösung – bereit, zu bezahlen, wenn bezahlt werden muss.

Im letzten Kapitel führen zwei parallele Handlungen zusammen: Richards Zugfahrt und Annas Verzweiflung nach der Ankündigung seiner Rückkehr. Als Richard in der Wohnküche den für zwei Personen gedeckten Tisch sieht, ist er sicher, von Anna als Ehemann erwartet zu werden. Über den scheinbar zufällig hinzukommenden Karl ist er verwundert und lädt ihn arglos zum Essen ein. Erst als Karl ihn aufklärt und er die schwangere Anna sieht, die ihm hilflos gesteht „Bring mich um, Richard, es ist so gekommen“, erkennt Richard, dass er seine Frau verloren hat. Er hat keine Kraft mehr zu einer Gewalttat und sinkt hilflos zusammen. Anna und Karl packen rasch ihre Sachen, Marie verspricht, Richard nicht allein zu lassen, und die beiden verlassen das Haus, verbunden in einem Geheimnis, das nur der Tod noch trennen kann.

Stil

Aufgebaut ist die Novelle aus sechs Kapiteln, die die allmähliche Entwicklung der Liebesbeziehung nachzeichnen. Sie beginnt mit einer atmosphärischen Einstimmung: Vom Blick eines Flugzeugs aus nähert sich ein Punkt den beiden Kriegsgefangenen, verschwindet wieder und lässt sie in ihrer Einsamkeit zurück. Über dem weiten Horizont der Steppe, an der Grenze zwischen Europa und Asien, erscheint dieser Punkt „kleiner als ein Singvogel“ und scheint doch in seiner Ferne reglos zu verharren, so überwältigend groß sind hier Himmel und Erde. Aus diesem Stimmungsbild entwickelt Frank mit nuancierter, einfühlsamer Sprache eine psychologische Studie, in die sich expressionistisches Pathos mischt. Mit genauer Darstellung des kleinbürgerlichen Milieus schildert er die Situation der alleinstehenden Frau, das Wachsen der Liebe und die Tragik des zu spät heimkehrenden Mannes.

Rezeption

Nachgewirkt hat die Novelle vor allem durch ihre Bühnen- und Filmfassungen. Bereits 1928 verfilmte Joe May den Stoff unter dem Titel Heimkehr. 1947 entstand bei MGM die Fassung Desire Me, an der mehrere Regisseure (u. a. George Cukor) beteiligt waren, ohne dass der Film am Ende einen offiziellen Regie-Credit erhielt. 1985 nahm sich Rainer Simon des Stoffes an und drehte Die Frau und der Fremde. Dass die Geschichte über Jahrzehnte hinweg immer wieder ins Kino geholt wurde, zeigt, wie stark ihre Grundkonstellation aus Sehnsucht, Täuschung und schicksalhafter Liebe bis heute anspricht.

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