1944
Kaputt
Überblick↑
Der Roman Kaputt von Curzio Malaparte erschien 1944 beim Verlag Casella in Neapel. Es handelt sich um einen autobiografischen Roman, der in sechs Teile und neunzehn Kapitel gegliedert ist. Malaparte verarbeitet darin seine Erfahrungen als Kriegsberichterstatter der Zeitung Corriere della Sera, der im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront unterwegs war. Das Buch bewegt sich zwischen Tatsachenbericht und Erfindung. Mit kaltem Humor und einer bildstarken, oft lyrischen Sprache zeichnet es ein Bild vom moralischen Zustand Europas in den Jahren der Zerstörung.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Von einer eleganten Abendgesellschaft zur nächsten führt das Buch seine Leser, und immer wieder nimmt der Erzähler die Gespräche mit sonderbaren Adligen zum Anlass, von seinen Reportagereisen durch die Länder Osteuropas zu berichten. So entsteht ein Nebeneinander zweier Welten: hier die vornehmen Salons einer herrschenden, nationalistisch gesinnten Oberschicht, die den wirklichen Nöten des Krieges seltsam fern bleibt, dort die Schrecken der Front. Malaparte blickt mit zynischem Auge und schwarzem Humor auf einen Kontinent, der in immer größere Gewalt versinkt. Zwischen Finnland, Polen, der Ukraine, Rumänien und Italien schildert er Stationen einer untergehenden Ordnung, ohne dass eine durchgehende Handlung im üblichen Sinn entsteht. Manche Passagen kippen ins Groteske, etwa wenn der Erzähler die Gefühle eines Hundes ausmalt. Das Buch verbindet dabei genau beobachteten Bericht mit einer Fülle traumhafter, teils albtraumhafter Bilder.
Die Handlung im Detail↑
Als loser Faden dienen dem Buch die geselligen Zusammenkünfte, an denen der Erzähler Malaparte teilnimmt. Er verkehrt in vornehmen Kreisen: Zu seinen Gesprächspartnern zählen Prinz Eugen, ein Bruder des schwedischen Königs Gustav V., der schwedische Arzt Axel Munthe und der spanische Diplomat und Schriftsteller Agustín de Foxá, der Spanien in Finnland vertritt. Zwei Jahre verbringt Malaparte in Helsinki, wo er große Teile des Buches beendet.
Aus diesen Salongesprächen heraus entfalten sich die Erinnerungen an das Kriegsgeschehen. Malaparte reist formal als Hauptmann der italienischen Armee, tatsächlich aber als Berichterstatter durch die Kampfgebiete. In der rumänischen Stadt Jassy wird er nach eigener Darstellung Zeuge eines Pogroms, jenes Massakers vom Juni 1941, dem Tausende Menschen zum Opfer fielen. In Warschau empfängt ihn Generalgouverneur Hans Frank; der Erzähler beschreibt seinen Besuch im dortigen Ghetto und verspottet den Gastgeber sarkastisch als „König der Polen“. Frank wird nach dem Krieg in Nürnberg wegen seiner Verbrechen zum Tode verurteilt. Weitere Schauplätze sind eine ukrainische Kolchose und die verschneiten Weiten des Ostens.
Immer wieder verdichten sich die Eindrücke zu grellen, surrealen Bildern. Am eindringlichsten ist die Schilderung eines zugefrorenen Sees, aus dessen Eiskruste Hunderte von Pferdeköpfen ragen, in deren aufgerissenen Augen das Entsetzen noch nachzuglühen scheint. Neben diesen Schrecken stehen die gesellschaftlichen Auftritte, etwa am römischen „Hof“ des damaligen Außenministers Galeazzo Ciano, des Schwiegersohns Mussolinis.
Gegen Ende wendet sich das Buch nach Italien. Es schildert den Zerfall der guten italienischen Gesellschaft in Rom. Das letzte Kapitel gilt Neapel: Nach den Bombenangriffen von 1943 haben die Reichen die Stadt verlassen, zurück bleiben nur die Ärmsten. Die Entstehung des Buches ist selbst ein Abenteuer: Begonnen im Sommer 1941 im Garten eines ukrainischen Bauernhauses, wurde das Manuskript zeitweise in einer Mauer versteckt, ins Futter der Uniform eingenäht über Grenzen geschmuggelt und in drei Teilen bei Vertrauten verwahrt. Nach dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 vollendete Malaparte die letzten Kapitel in seinem Haus auf Capri.
Stil↑
Zwischen Tatsachenbericht und Erfindung angesiedelt, gehört das Buch zur autobiografischen Prosa und lebt von der Spannung zwischen beidem. Malaparte verbindet erlebte Reportage mit einer weit ausgreifenden Fantasie. Sein Ton ist von eisigem, oft grausamem Humor geprägt, sein Blick zynisch und schwarz. Die Sprache schwankt zwischen nüchterner Beobachtung und einem lyrischen Realismus, der die Bilder des Grauens ins Traumhafte und Magische hebt.
Auffällig ist der kunstvolle Aufbau. Die einzelnen Episoden sind ineinander verschachtelt: In den Bericht schieben sich Seiten der Betrachtung mit ihren moralischen Zuspitzungen, dann wieder gaukelhafte, illusionistische Bilder, die ganze Schreckensszenen wie ein Bühnenbild ausmalen. Wiederkehrende Motive, klangvolle Anspielungen und symbolische Gemälde von starker bildnerischer Kraft halten das Ganze zusammen. Der Kritiker Gianni Grana sprach von einem barocken, ja neobarocken Schauspiel voller literarischer und malerischer Gelehrsamkeit, in dem jedes Detail zum Bau einer surrealen, apokalyptischen Wirklichkeit beiträgt. Der expressionistische Zug dieser Prosa lässt die Wirklichkeit zugleich absurd und grauenhaft erscheinen.
Rezeption↑
Kurz nach der Landung der Alliierten bei Salerno kam das Buch 1944 in Neapel heraus und zählt zu den bekanntesten Werken Malapartes. Neben Die Haut gilt es als sein Hauptwerk. Zeitgenössische Stimmen sahen darin einen eindringlichen, oft verstörenden Bericht aus den militärischen und diplomatischen Zirkeln der italienischen und der nationalsozialistischen Welt, zugleich eine scharfe Anklage gegen die Gräuel des Krieges, gegen Deportationen und Massaker.
Der Kritiker Gianni Grana stellte die Frage, ob ein anderes europäisches Buch dieser Zeit so viel gelebte Reportage, literarisches Können und Erfindungsreichtum vereine; er las den Roman als geschichtliche Besinnung auf die Krise Europas, auf das Ende einer christlich geprägten Zivilisation. In diesem Zusammenhang wird auch an Henri Barbusse und dessen Kriegsroman Das Feuer erinnert, in dem es heißt, es sei die Wahrheit der Dinge, die ein Wahnsinn sei. Das Buch behandelt geschichtlich belegte Ereignisse wie das Pogrom von Jassy und das Warschauer Ghetto und hat so über den literarischen Rang hinaus als Zeugnis dieser Jahre nachgewirkt.
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